Wer ich bin.

24. November 2012

Vor einiger Zeit hat ein noch sehr junger, aber schon sehr weiser junger Mann einen Blogbeitrag veröffentlicht, der mich zu diesem hier inspirierte*. Den jungen Mann kenne ich unter dem Twitternamen @mitnichten, sein Artikel heißt „Autobiografie – Zusammenfassung meines bisherigen Lebens“ und er ist großartig. Zum einen, weil er auf eine schlichte Art gut geschrieben ist – und zum anderen, weil beim Lesen ein derart genaues Bild des Schreibenden entsteht, dass man fast ein bisschen verlegen wird vor so viel Offenheit.

Offenheit ist nun etwas, das ich extrem schĂ€tze. Zu verbergen habe ich nichts. Und deshalb öffne auch ich heute die TĂŒr zu meinem Backstagebereich ein wenig und stelle mich auf eine etwas andere Weise vor. Herzlich willkommen bei meinem Lebens-Striptease und prost.

Ich wurde am 6.6., um 18 Uhr 12, in Zimmer Nummer 6 und als 6. Kind des Tages in einer Schwandorfer Klinik geboren, weshalb, und das ist nicht gelogen, die 80-jĂ€hrige Nonne/Hebamme zu meiner Mutter sagte: „Höhö, das wird mal ne Sexbombe!“. Ich bin RechtshĂ€nderin, spiele aber mit links Federball. Ich liebe den Duft von frisch gemĂ€htem Gras, feuchtem Beton (!) und geraspelten Salatgurken. Ich hatte eine glĂŒckliche Kindheit und es macht mich traurig, dass das eine Ausnahme zu sein scheint. Ich habe als Teenager ein Jahr lang in einer Can-Can-Truppe getanzt. Ich vertrage Unmengen klaren Schnapses, aber nur ganz wenig Bier oder Wein. Softdrinks jeder Art lasse ich als GetrĂ€nke nicht gelten, Karotten- oder Rote-Bete-Saft hingegen schon. Ich bin unglaublich ungeduldig. In meiner Hosentasche trage ich stets irgendeinen glatten Stein herum, den ich in der Hand halte, wann immer es geht. Das beruhigt mich. Ich kann keine Menschen respektieren, die stinken, weil ich ihnen unterstelle, dass ihnen andere egal sind. Ich bin so sĂŒchtig nach Lesen, dass ich in Abwesenheit von BĂŒchern auch Packungsbeilagen oder Texte auf MilchtĂŒten verschlinge. Ich finde, dass MĂ€nner Helden sein sollten, weil Zivilcourage sexy ist. WĂ€hrend meiner beiden Schwangerschaften war mir nicht ein einziges Mal ĂŒbel. Unser Sohn kam 5 Wochen zu frĂŒh auf die Welt, aber obwohl er nicht mal zwei Kilo wog, machte ich mir keine Sekunde lang Sorgen um ihn, weil ich wusste, dass er okay ist. Vielleicht liegt das daran, dass ich ihn quasi rauslachte, denn die Wehen kamen vor lauter Lachen ĂŒber den Film „VerrĂŒckt nach Mary“. Alles – medizinisch wie systemisch – weist darauf hin, dass er ein ĂŒberlebender Zwilling ist. Sein Bruder hat sich in der 9. Schwangerschaftswoche verabschiedet und ich fĂŒhle mich schlecht dabei, dass ich darĂŒber sogar ein bisschen froh bin, weil ich mir nĂ€mlich Zwillinge absolut nicht zugetraut hĂ€tte.

Nach landlĂ€ufiger Meinung habe (Update Februar 2014: hatte) ich all die letzten Jahre ein paar Kilo zu viel auf den Rippen und fĂŒhle mich prĂ€chtig damit. Ich wusste bis zu meinem 18. Lebensjahr nicht, was mein Vater wirklich arbeitet, und seit ich es wusste, hatte ich dauernd Angst um ihn. In der 7. Klasse verĂ€nderte sich aus heiterem Himmel mitten in der Zeile meine Handschrift derartig, dass mir der Lehrer nicht glauben wollte, dass das alles ich geschrieben hatte. Ich habe jeansblaue Augen, aber wenn ich untergetaucht oder z.B. vom Duschen nass bin, sehen sie kurzzeitig tĂŒrkis aus. Ich bin ein Naturtalent, was das Schießen mit großkalibrigen Revolvern sowie Pfeil und Bogen angeht, also seid besser nett zu mir. Als DreijĂ€hrige schlafwandelte ich regelmĂ€ĂŸig. Einmal ging meine Mutter mir nach und erlebte live mit, wie ich in der KĂŒche die Eckbank aufklappte, hineinpinkelte, den Deckel wieder zuklappte und zurĂŒck ins Bett ging. Wenn ich an einem Bahnhof jemanden verabschiede, schaue ich niemals zurĂŒck. Meiner Meinung nach gibt es keine großartigeren Worte als „fei“ und „mei“ im Bairischen. Ich habe eine Katze namens Mia, die so weiß und weich ist wie Watte und gegen die ich allergisch bin, sobald ich Milchprodukte esse.

Bei der Namenswahl unserer Kinder haben wir zweimal voll in die Top-Ten-Kiste gegriffen und es macht nichts. Ich bin eine miserable NĂ€herin und Strickerin, kann aber unsichtbar Socken stopfen. Wenn ich daran denke, was in meinem Leben alles gut ist, könnte ich schreien vor GlĂŒck. Ich habe frĂŒher selbst geraucht und bin heute der militanteste Nichtraucher der Welt. Ich gehe regelmĂ€ĂŸig zum Blutspenden. Ich habe Blutgruppe A positiv. Vor zwei Jahren habe ich beim Pilzesuchen im Wald eine Leiche gefunden. Ich besitze zwei lange Regalbretter voller HeilkrĂ€utertees und ĂŒberlege, just for fun noch eine Ausbildung zur KrĂ€uterpĂ€dagogin zu machen. Ich wurde im Gymnasium regelmĂ€ĂŸig aus irgendwelchen Unterrichtsstunden geworfen, weil ich immer wieder unkontrollierbare LachanfĂ€lle hatte. Ich verkleide mich wahnsinnig gern, finde Karnevalsgedöns aber lĂ€stig und blöd. Ich hĂ€tte den Mann, mit dem ich zwischen 15 und 23 zusammen war, beinahe geheiratet; seine Tochter heißt durch Zufall genauso wie unsere und sein Sohn beinahe genauso wie unserer. Bei manchen Filmen fange ich bereits bei Einsetzen der Titelmelodie an zu weinen; manchmal reicht schon die „merci“-Werbung. A propos merci: Schokolade ist absolut nicht mein Ding, Peperonichips dafĂŒr umso mehr. Die einzige SĂŒĂŸigkeit, mit der man mich kriegen kann, sind fiesbunte Kaubonbons oder GummibĂ€rchen, die wochenlang offen herumgelegen haben und steinhart georden sind. Ich kann Literaturklassikern wie „Der kleine Prinz“ oder „Winnie the Pooh“ nichts abgewinnen; Ich-kriege-mein-Leben-nicht-in-den-Griff-Literatur wie „Kleiner Mann – was nun?“ macht mich gar aggressiv. In meinem BĂŒcherregal stehen mehrere Meter BĂŒcher von Stephen King und Ephraim Kishon, mein Lieblingsbuch ist jedoch Otto Nebelthaus „Vom heiteren Kochen“ aus dem Jahr 1936. Ich habe nie gelernt, Noten zu lesen, enttarne aber jeden falschen Ton. Ich singe gern, viel und gar nicht so ĂŒbel, wĂŒrde aber niemals öffentlich auftreten. Gesangsstunden habe ich nur begonnen zu nehmen, weil ich „Gabriellas Song“ von Helen Sjöholm lernen möchte. DafĂŒr gibt es GrĂŒnde, denn das Lied … ach, egal. (BITTE schaut Euch diesen Film an!)

Ich habe auf Treppen und Balkonen Höhenangst, aber Ballonfahren war okay. Ich bin elterlicherseits halb SchwĂ€bin, halb OberpfĂ€lzerin, wuchs aber in Hessen und Bayern auf. Die Dialekte aller dieser Gegenden beherrsche ich ziemlich gut. Meine Kindergartengruppe hieß „Fuchsbau“ – warum auch immer ich mir das gemerkt habe. Mit meiner Bad Hersfelder KindergĂ€rtnerin von damals sind meine Eltern noch heute fest befreundet, was ich sehr putzig finde. Komplimente machen mich unheimlich nervös und meist reagiere ich albern. WĂ€hrend meiner Konfirmandenzeit habe ich kurz ĂŒberlegt, Pfarrerin zu werden. Ich habe letztens einen der besten Texte meines Texterinnenlebens geschrieben, weil mich das Thema auf genau die richtige Weise gleichzeitig wĂŒtend und traurig machte. Ich trĂ€ume manchmal luzide. In einem dieser TrĂ€ume traf ich meine Oma, konnte haargenau beeinflussen, was ich tat und sagte, und wachte von meinem eigenen beglĂŒckten Lachen auf. Ansonsten trĂ€ume ich ganz oft davon, irgendwo runterzufallen, etwas zu vergessen oder zu verpassen. Mein rechtes Auge sitzt einen guten Zentimeter weiter oben als das linke; außerdem habe ich einen leichten Silberblick. Vor 6 Jahren ließ ich meine Kurzsichtigkeit lasern. An einem Auge ging es schief und heute brauche ich wieder eine Brille, was mich total ankotzt. Rohe Karotten oder Äpfel machen mich noch hungriger anstatt satt. Von grĂŒnem Tee, Trockenpflaumen und Traubensaft bekomme ich Kopfweh. Mir graut vor SchwimmbĂ€dern, weil ich einmal sah, wie ein alter Mann beim Schwimmen einen kapitalen Popel verlor. Eine Stoffpuppe, die ich seit Babytagen besitze, liegt noch heute in meinem Bett und manchmal schlafe ich mit ihr im Arm ein. Sie wĂ€re eines von sehr wenigen Dingen, die ich mitnĂ€hme, wenn das Haus brennt. Ich wĂ€hlte fĂŒrs Abi nur deshalb den Leistungskurs Latein, weil der Grundkurs nicht zustande gekommen wĂ€re und ich das Fach ansonsten verloren hĂ€tte. Meine Latein-Facharbeit schrieb ich ĂŒber die Verwendung von Aromata (Medizin, KĂŒche, Schönheitspflege) im antiken Alltag. Nach dem Abitur begann ich, Biologie zu studieren, und schmiss es nach nicht mal einem Semester hin; nicht wegen des Faches, sondern weil mich die LebensuntĂŒchtigkeit meiner Kommilitonen fassungslos machte und mir das Ganze ĂŒberhaupt viel zu theoretisch war.

Einer meiner Lieblingsfilme ist „Juno“ und ich wĂŒnschte, ich wĂ€re wie sie. Ich hĂ€tte jahrelang nichts gegen getrennte Schlafzimmer gehabt, weil ich am besten allein schlief und es (immer noch) hasse, angeatmet zu werden. Heute wĂŒnsche ich mir oft, dass da jemand lĂ€ge, wenn ich morgens die Augen aufmache, aber da ist niemand. Pech gehabt, wĂŒrde ich mal sagen. Wenn ich auf der Seite liege, muss ich ein Kissen oder ein StĂŒck Decke zwischen die Knie klemmen, weil ich das Meine-Haut-auf-meiner-Haut-GefĂŒhl nicht mag. Der schnellste Weg, Erinnerungen bei mir zu wecken, sind GerĂŒche oder Musik. Ich mag viel lieber Bier (und dann auch noch aus der Flasche) als Wein oder gar Champagner und habe damit schon manche romantische Begegnung versaut. Ich habe dieselbe kleine SchuhgrĂ¶ĂŸe wie meine Großmutter, die Nase meines Vaters und die LachbĂ€ckchen meiner Mutter. Homöopathie hat mir einmal das Leben gerettet und ich habe ganz ohne entsprechende Ausbildung ein ziemlich gutes HĂ€ndchen bei der Anamnese und Mittelwahl fĂŒr andere. Ich versteinere, wenn irgendwo Lieder der Rolling Stones gespielt werden, weil der Tag meines ersten und letzten Stones-Konzerts nicht nur mein 29. Geburtstag, sondern auch einer der beschissensten Tage in meinem Leben war. In der 12. Klasse erfand ich zusammen mit einer Freundin eine tussige Kuh namens Vroni, die in einem Luxusstall wohnte. Es gab Comics, GerĂŒchte und sogar Merchandising-Artikel und Vroni wurde Kult. Unsere Abizeitung war als Fernsehzeitung aufgemacht, die Leute waren jeweils nach Serien eingeteilt und ich rangierte als Else Kling aus der „Lindenstraße“, Ă€hömm. Ich glaube, ich werde mal eine coole Oma. Ich bin echt blond, meine Wimpern und Augenbrauen sind jedoch von Natur aus schwarz. Ich habe mich schon einmal allein in eine Stimme verliebt. Ich kann gut einparken – links rĂŒckwĂ€rts sogar besser als rechts – und fahre meistens etwas zu schnell. Ich machte einmal Campingurlaub in Jesolo mit drei Kfz-Mechanikern, zwei Paletten 5-Minuten-Terrinen und drei Paletten LöwenbrĂ€u in Dosen, wir machten stundenlange RĂŒlpswettbewerbe und das war die lustigste Woche, an die ich mich erinnere. Mein erstes Auto war ein babyblauer VW KĂ€fer, dessen Motorhaube ich nach dem Verkauf ins Wohnzimmer hĂ€ngte, weil alle meine Freunde darauf unterschrieben hatten. Einer von ihnen, der beste Freund meines Ex, erhĂ€ngte sich im Alter von 23 Jahren in dem Wald, in dem meine Kinder heute oft spielen, und bis heute weiß niemand, warum dieser dumme Idiot das getan hat.

Ich mag FĂŒĂŸe nicht und nein, nicht mal meine eigenen. Ich habe seit 11 Jahren einen Tinnitus, der mich manchmal verrĂŒckt macht. In der Schule spielte ich Theater; einmal war ich Asterix bei „Asterix im Wilden Westen“. Ich hatte eine große Schwester, die aber bald nach ihrer Geburt starb. Ich vermisse sie, ohne sie je gekannt zu haben. Ich kann absolut keinen Goldschmuck tragen, weil schon das geringste StĂŒckchen Gold an mir sofort dazu fĂŒhrt, dass ich aussehe wie eine Wasserleiche. Hohe AbsĂ€tze sind bei mir eine nahezu hundertprozentige Sicherheit fĂŒr den nĂ€chsten BĂ€nderriss und ich wanke darauf herum wie eine Fregatte in schwerer See. In meinen HĂ€nden sind ein Meerschweinchen und ein Graupapagei gestorben und eine Zeitlang dachte ich deshalb, ich bringe den Tod. Ich bin in einer innigen Liebesbeziehung mit meinem HeizlĂŒfter, aber sagt es bloß nicht weiter. NĂŒrnberger RostbratwĂŒrste esse ich weder mit Senf noch mit Ketchup, sondern mit Apfelmus. Ich antwortete einmal auf eine ernst gemeinte LiebeserklĂ€rung mit „Hey! Cool!“ und nippte weiter an meinem Caipirinha. Vor einigen Jahren habe ich bei einer Psychologin eine RĂŒckfĂŒhrung gemacht und es war wahnsinnig gruselig, wenn auch aufschlussreich. Ich mag Shirts und Hoodies mit bescheuerten SprĂŒchen drauf; am liebsten solche mit Daumenlöchern. Ich gehe jede Nacht ins Zimmer meiner Kinder und schaue mir an, wie harmlos sie schlafen, um zu verhindern, dass ich sie beim nĂ€chsten Zoff irgendwo an der Autobahn aussetze. Ich wĂŒrde alles fĂŒr sie tun, und mit „alles“ meine ich ALLES.

Ich lerne Sprachen im Handumdrehen, aber der Teil, der fĂŒr Zahlen zustĂ€ndig ist, fehlt offenbar in meinem Gehirn. Ich bin ziemlich sicher, dass ich irgendwann NiederlĂ€ndisch lernen werde – einfach nur, weil ich die Sprache lustig finde. Bei den Bundesjugendspielen habe ich es tatsĂ€chlich einmal geschafft, mit dem Schlagball minus 2 Meter zu werfen, weil er mir beim Ausholen hinten (!) aus der Hand fiel. Meine Kinder sind höchst irritiert ĂŒber meine FĂ€higkeit, rein nach Gehör zu wissen, was sie gerade wo im Haus treiben. FrĂŒher ging ich stĂ€ndig auf Rockkonzerte, ließ es aus unerfindlichen GrĂŒnden jahrelang bleiben und fange gerade wieder damit an. Ich hasse Lilien. Ich bin gerne am, aber nicht so gerne im Meer. Ich vertrage Hitze schlecht und habe deshalb einen zehntĂ€gigen Urlaub auf Mauritius weitgehend kotzend im Bett verbracht. Es gibt nichts, was mich wĂŒtender macht als Ungerechtigkeit und Feigheit. Bei einem Besuch des Freilichtmuseums Glentleiten hatte ich in einem Bauernhof aus dem 17. Jahrhundert einen derartig plastischen Hier-und-so-habe-ich-schon-mal-GELEBT!-Flash, dass ich beinahe in Ohnmacht gefallen wĂ€re. Ich bin wohl die einzige Frau auf diesem Planeten, die ein winziges SchwĂ€beln bei MĂ€nnern anziehend findet und Bairisch sowieso. Ich habe eine lustige Narbe in Form eines VierzehnfĂŒĂŸlers am Oberschenkel und eine entchenförmige am Knöchel. Dass die Oberschenkelnarbe unmittelbar mit Wodka zu tun hat, obwohl ich erst 6 war, als das passierte, wird wohl kaum jemanden wundern. Ich koche gern experimentell vegetarisch und das geht ziemlich oft in die Hose. DafĂŒr ist mein Kochen derart diszipliniert und effizient, dass die KĂŒche danach im Normalfall nicht anders aussieht als vorher. Beherrscht das jemand anderes nicht, macht mich das ganz hibbelig, aber ich versuche es dadurch zu kompensieren, dass ich dann eben unauffĂ€llig hinter ihm herrĂ€ume. Ansonsten lebe ich in einem gemĂŒtlich-bunten Chaos und wĂŒrde von Operationen am offenen Herzen in meiner Wohnung eher abraten.

Mit 13 habe ich in einem Supermarkt einen Miniaturkaktus geklaut und wurde erwischt. Ich kann einfach keine BĂŒcher lesen, die gerade auf einer Bestsellerliste stehen. Genauso geht es mir mit Mode, die mir wirklich piepegal ist. Als ich nach meinem schlimmen Unfall wieder Auto fahren durfte, hatte ich mehrmals das Verlangen, das Lenkrad herumzureißen und entgegenkommende Autos frontal zu crashen, konnte mich aber immer gerade noch zusammennehmen.

Seit diesem Unfall habe ich am Handgelenk Narben, die aussehen wie von einem Selbstmordversuch und die meine wohl erogenste Zone sind. Ich finde sie wunderschön. Bei meiner Hochzeit hatte ich kĂŒrzere Haare als mein Mann. Als Kind habe ich auf einem Lottoschein fĂŒnf Richtige getippt und meine Mutter hat vergessen, den Schein abzugeben. Ich kenne mich gut mit Heil- und WildkrĂ€utern aus, aber fragt mich bloß nicht nach BĂ€umen oder Blumen. Als ich 12 war, las mir ein Astrologe quasi alles, was bisher passiert ist, aus der Hand; eine seiner Aussagen war, dass ich meine große Liebe erst mit 40 finde (na dann, Juni 2014 – zeig mal, was Du kannst!). In meinem Schrank hĂ€ngen vier klassische Dirndl, in denen ich mich so weiblich wie in keiner anderen Klamotte fĂŒhle. Ich glaube, mit ein bisschen Übung könnte ich wieder einen Spagat schaffen.

Meinen ersten Knutschfreund hatte ich mit 12; hoffentlich kommen meine Kinder da nicht nach mir. Ich habe stĂ€ndig Hunger und mĂŒsste bei den Mengen, die ich verdrĂŒcke, eigentlich lĂ€ngst 100 Kilo wiegen. Seit der Trennung im Juli 2013 sind mir allerdings nochmal Wonneröllchen im Wert von fast 10 Kilo abhanden gekommen und ich werde dafĂŒr von meiner Tochter wĂŒst geschimpft, weil sie meinen weichen Bauch doch so mochte. Ich werde dauernd von allen möglichen Leuten gebeten, ein lustiges Buch zu schreiben, glaube aber nicht, dass ich das kann. Ich ließ gerade zum ersten Mal StrĂ€hnchen machen, weil mich die grauen Haare eben doch störten. Ich will auf keinen Fall weitere Kinder, weil mich Babys inzwischen nerven. Ich habe nicht das geringste Problem damit, Fehler zuzugeben, und finde, dass konstruktive Kritik das beste Coaching ist. Als ich 11 war, nahmen meine Eltern fĂŒr fĂŒnf Jahre ein vietnamesisches Pflegekind auf, an dessen Intrigen unsere Familie beinahe zerbrochen wĂ€re. Ich bin seitdem ĂŒberzeugt davon, dass es Kinder gibt, die schon böse geboren werden. Ich finde es grĂ€sslich, zu schwitzen, und habe deshalb fast 20 Jahre lang quasi keinen Sport gemacht bis auf kurze, wenig ambitionierte AusflĂŒge ins Ballett und Tae Bo. Inzwischen habe ich mit Bogenschießen, Yoga und Laufen angefangen, liebe es total und gewöhne mich langsam daran, dass das nunmal nicht ohne Schwitzen geht. Ich habe Angst vor Spinnen, aber erst seit ich Mutter bin. Die einzige bei uns im Haus, die Spinnen ohne Schaudern einfangen kann, ist meine elfjĂ€hrige Tochter und das ist doch wohl peinlich. Ich habe meine tote Oma und unseren toten Nachbarn gesehen und beide angefasst. Es war ĂŒberhaupt nicht schlimm. An meinem rechten Mittelfinger ist noch immer dieser Hornhautknubbel, den ich mir vom vielen Schreiben mit der Hand in meiner Jugend holte. Wenn ich ihn anschaue oder erfĂŒhle, muss ich grinsen. Ich schnarche manchmal ein kleines bisschen. Ich bin Inhaberin des bronzenen Tauchabzeichens und habe mit Haien getaucht, aber niemals das Seepferdchen gemacht.

Wenn ich von etwas ĂŒberzeugt bin, kann ich schon mal ins Missionieren kommen. Ich finde, es gibt neben Katzen keine cooleren Haustiere als Schnecken. In der Grundschule war ich grundsĂ€tzlich in rothaarige Außenseiter-Jungs verknallt. Ich habe eine Zeitlang als Passform-Model fĂŒr MORE & MORE gejobbt. Ich hatte noch niemals PMS. Es gibt Menschen, die ich so sehr liebe, dass ich fĂŒr sie töten und in den Knast gehen wĂŒrde. Ich dachte immer, es gĂ€be auch Menschen, die ich so sehr hasse, dass ich sie töten wĂŒrde, aber das stimmt nicht. Ich bin 39 Jahre alt und als meine schlesische Großmutter so alt war wie ich jetzt, hatte sie bereits zwei Enkel.

* Inzwischen haben mehrere von mir Ă€ußerst geschĂ€tzte Menschen mit Ă€hnlichen Blogposts nachgezogen und jeder davon ist ein Juwel. Lest hier die BeitrĂ€ge von @poetin, @murkeleien, @brackarawr, @badespassbarbie , @Agent_Dexter, @axaneco, Trang und @TastaTon.

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38 Kommentare zu “Wer ich bin.”

  1. frenja sagt:

    King! Kishon! *wootwoot*

    Und ĂŒberhaupt. <3

  2. Margit sagt:

    hach, liebe textzicke
    fĂŒr diesen text könnte ich dich knutschen <3

  3. SatansTochter sagt:

    Hut ab, vor soviel Offenheit und Ehrlichkeit zu sich selbst! Auf eine Art und Weise ein beeindruckender Text!

  4. Karsten Sauer sagt:

    So cool, dass es Dich gibt. Und schön auch. Sei geherzt!

  5. Susi sagt:

    Wie wunderwunderwunderschön! Danke dafĂŒr!

  6. kennen wir uns? « meinwĂ€rts sagt:

    […] eine vorlĂ€ufige bestandsaufnahme seines bisherigen lebens veröffentlicht und @textzicke zog auf ihrem blog nach. ich mag beide texte, empfinde sie als wohltuend dramaqueenfrei und in ihren […]

  7. Iris sagt:

    <3
    (Den Knubbel am rechten Mittelfinger habe ich auch. :-))

  8. doppelfish sagt:

    Ich hab‘ auch ’n Knubbel. Aber woanders.

  9. doppelfish sagt:

    (also, an ’nem anderen Finger! Am Daumen, keine Ahnung, wie der da hin kam.)

  10. Miriam sagt:

    Hier auch ein Knubbel am rechten Mittelfinger.. vom Nuckeln!
    Ein hinreißend ehrlicher und entzĂŒckender Text! <3

  11. TIMMAY sagt:

    Das ist ja fantastisch. Alles. Wenn ich Luftballons hĂ€tte, wĂŒrde ich sie fliegen lassen und Konfetti werfen. Dem Text fehlen Dinosaurier, aber er wird auch so Geschichte schreiben oder heimlich kleine Herzchen an SchulklotĂŒren malen.

    Jetzt möchte ich sowas auch. Aber ich brauche sowas eigentlich gar nicht. Glaube ich. Ich schreibs auf nen Zettel und leg den in meine Schreibtischschublade.

    Immer rocken!
    Timmay

  12. textzicke sagt:

    Lieber Timmay,

    erstens: vielen Dank. Da werde ich ja gleich rot (die Sache mit den Komplimenten).
    Zweitens: Doch, mach! Ich werde es ebenso wohlwollend lesen wie Du meines. :-)

  13. Sandra sagt:

    Sehr beeindruckend, inspirierend, Mut machend, nachdenklich stimmend. Und noch viel mehr, aber das muss erst durch meinen Kopf wandern. Sehr ehrlich gemeintes Danke dafĂŒr.

  14. Nice to meet you « Bodensatz sagt:

    […] von wunderbaren Texten wie diesem, jenem und dem hier, und Dank der Tatsache, dass ich nunmal keinen Alkohol mit Blubberblasen vertrage, […]

  15. larifariabel sagt:

    Liebe @textzicke, das ist der wahrscheinlich ehrlichste, nackteste und zugleich sympathischste Post, den ich bisher las. Ich schmunzelte, schniefte, grĂŒbelte und erkannte wieder. Danke sehr fĂŒr diesen Herz-Leben-Royal Flush.

  16. Jens sagt:

    Wunderschön. Es werden Fragen beantwortet und es bleiben dennoch Fragen offen. Bei der Sache mit dem Schwimmbad habe ich fast eingepullert vor Lachen. Aber bei anderen Passagen wurde ich nachdenklich.
    Danke!

  17. Ein Paar Sachen ĂŒber mich und gleichzeitig die Fortsetzung zu “schreiben Sie mir doch mal was auf”. | this is blog sagt:

    […] auf eine Art gut war, den ersten Teil zu veröffentlichen und weil mir die Idee (Beispiele hier und hier und hier und sicher an ganz vielen anderen Stellen) […]

  18. Übers Handeln zum Sein « kopfweg sagt:

    […] Das, das, das, das und das gelesen, fĂŒr ziemlich gut empfunden, inspiriert und motiviert gewesen, dann angefangen zu schreiben. Ein kleiner Ausschnitt aus 16 Jahren, 3 Monaten und 7 Tagen. […]

  19. random. « So, it was weekend. And I was bored. sagt:

    […] ich das bei @textzicke, @brackarawr, @badespassbarbie gelesen hatte, wollte ich […]

  20. Stefan Tastaton sagt:

    Hey Lilian,
    schön, dass dieser Beitrag „lebt“ und es sich immer lohnt, mal wieder reinzuschauen.
    Habe gesehen, dass Du meinen Blogpost auch verlinkt hast, oder zumindest wolltest 😉 Der Link tut aber nicht, wie er soll und ist durchgestrichen. Kannst/magst Du das Ă€ndern? Sieht irgendwie komĂŒsch aus…
    Viele GrĂŒĂŸe
    Stefan
    P.S.: Brauchst diesen Kommentar natĂŒrlich nicht freizuschalten!

  21. textzicke sagt:

    Lieber Stefan,
    Fehler behoben! Keine Ahnung, was da faul war. :)

  22. Stefan Tastaton sagt:

    Das ist klasse – ich dank‘ Dir!

  23. Solitude sagt:

    ZufÀllig hier gelandet und den bisher schönsten Moment des heutigen Tages mit diesem Text gehabt.

  24. rike sagt:

    Super sympathisch geschrieben, musste ein paar mal gut lachen. deine mia is auch voll sĂŒĂŸ, meine heißt minki, aber die nervt mich zurzeit wieder. Vor nem Monat noch son Katzenbaum gekauft und den hat sie permanent unter Beschuss, ich hoffe der hĂ€lt noch ne Weile 😉 Und danke fĂŒr den Verweis auf die ursprĂŒngliche Idee, das werde ich mir jetzt mal durchlesen. Lg Rike

  25. Ich « axaneco sagt:

    […] Inspiriert von http://www.textzicke.de/wer-ich-bin/ […]

  26. About a Hobbit. « Ninette Halbbluthobbit sagt:

    […] wenn man sich einer Reihe von Menschen anschließt, die das schon getan haben, wie zum Beispiel die Textzicke und noch andere, tolle Menschen, deren Texte ihr dort verlinkt […]

  27. Markus sagt:

    ja, Ă€hemm… ich steh hier grad wegen derselben Ovationen ob deines Textes… ja, ich dachte, es wĂ€re einer der ĂŒblichen Selbstskizzen. Aber nein, es ist unglaublich detailreich und schön zu lesen. Ok, ich gebs zu… ich hab ihn jetzt zum dritten Mal gelesen.

    Danke, dass ich den tweet dazu zufÀllig gelesen habe. Es gibt sie halt doch, die wunderbaren Menschen und die schönen ZufÀlle :)

    lieben Gruß
    Markus

  28. random. | So, it was weekend. And I was bored. sagt:

    […] ich das bei @textzicke, @brackarawr, @badespassbarbie gelesen hatte, wollte ich […]

  29. Ein bisschen ich. | Punktinchen's Blog sagt:

    […] erste, von der ich einen solchen Artikel las, war die wunderbare @textzicke. Den könnt ihr hier nachlesen. Nachdem ich heute auch noch diesen hier von @agentdexter las, beschloss ich, selbst einen […]

  30. Gaby sagt:

    GelÀchelt, bedauert, gekichert, bewundert, geprustet, geseufzt, genickt, verstanden, gemocht.
    Verschlungen und genossen.

    Danke dir. Sehr. :)

  31. Lonesome sagt:

    Auf dem Weg nach Haus in der Bahn gelesen. Trotz dieser Tatsache völlig entspannt und irgendwie befreit ausgestiegen. WÀhrend des Lesens gelÀchelt und gefreut, mich selbst, aber auch mir sehr nahe stehende Menschen im Text wiedergefunden.

    Einer der schönsten, offensten und deshalb bemerkenswertesten Texte, die bisher lesen durfte.

    Danke dafĂŒr, danke @textzicke!

  32. Steffen sagt:

    Und es schrub: „Ich kann nicht schreiben.“ Pah. <3

  33. sonderbayer sagt:

    Ich dachte immer ich bin der Einzige OberpfÀlzer bei Twitter. Dabei sind wir 1,5 <3.

  34. Christian Roth sagt:

    Danke!

  35. Manuela sagt:

    Eine kurze Selbstdarstellung? Eher unmöglich. Der Beitrag ist ziemlich lange und es wurden praktisch alle Aspekte deines Lebenslaufes behandelt. Ich stelle mir auch mal oft die Frage, wer ich eigentlich bin, wieso ich eigentlich zur Welt gekommen bin und wozu mich Gott geschaffen hat? Bisschen philosophische Frage aber ich glaube, ich bin nicht der Einzige, der sich selber solche Fragen stellt. Ich halte dich jedenfalls fĂŒr eine echt interessante Person.

  36. Tanja sagt:

    Toll. Liebe Lilian.
    Wunderschön geschrieben und ich mochte Dich vorher schon und jetzt noch mehr.
    NatĂŒrlich habe ich jetzt sofort Lust, auch sowas zu schreiben. Aber ich glaube nicht, dass ich es im Internet sehen möchte.

  37. derChristoph sagt:

    Hui, da geht’s hurtig dahin. Ein Selbstportrait wie es sein soll, kurzweilig aber lang. Aber dann doch wieder zu kurz, weil man sich wĂŒnscht, dass da noch ein Absatz kommt. Und noch einer.

  38. Ich. | maigrueen sagt:

    […] hier, hier, hier, hier, hier und […]

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