Gelesen: „Suna“. Von Pia Ziefle.

Heute ist der 29. Februar 2012. Ein spannender Tag für Pia Ziefle, deren erster Roman „Suna“ heute erscheint (Trailer hier). Ein guter Tag aber auch für alle Lesenden, denn zwischen den Deckeln dieses Romans liegen 304 Seiten richtig großartiger Literatur. „Suna“ ist eine Geschichte, die mich hin- und mitgerissen hat, zum Lachen, zum Weinen und zum Nachdenken brachte. Sie hat schlicht alles, was ein guter Roman braucht. „Suna“ ist Familiensaga, Liebesgeschichte, multikultureller Selbstfindungsbericht, Komödie, Tragödie und Unterhaltung in Papierunion.

Suna_Pia_Ziefle_Cover

(UPDATE: Nachdem es zunächst nur als Hardcover erschienen war, gibt es „Suna“ nun endlich auch für Taschenbuchfans. Wobei die Hardcover-Ausgabe wunderschön ist!)

Ich hatte das fabelhafte Glück, ein Rezensionsexemplar noch vor dem offiziellen Erscheinungstermin in die Finger zu bekommen. Wer mir auf Twitter folgt, wurde letztes Wochenende live Zeuge meiner echten Begeisterung. Aber nun zum Buch:

Das Grundmotiv von „Suna“ würde ich mit Sehnsucht umschreiben. Sehnsucht in all ihren Facetten, verstanden als bittersüße Symbiose aus Sehnen und Suchen – nach der Liebe, nach der Familie, nach der Heimat. Suna, die Erzählerin, wuchs als Luisa in Deutschland auf und erfährt erst als rebellische Heranwachsende den Grund für ihre innere Unruhe: Sie ist adoptiert. Dass sie sich auf die Suche nach ihrer kulturell verschlungenen Herkunft machen muss, wird Luisa aber erst durch ihr zweites Kind, eine Tochter, klar. Denn das Kind schläft nicht. Niemand kann eine Ursache für diese Ruhelosigkeit finden … bis der alte Dorfarzt weise Worte spricht:

„Sie kann keine Wurzeln schlagen“, sagt der Arzt. „Finden Sie Ihre.“

So beginnt Luisas Suche. Um ihrer schlaflosen Tochter endlich die Wurzeln zu geben, die sie braucht, verfolgt sie die Familiengeschichte zurück bis in die Zeit der Urgroßeltern, bis ins alte Jugoslawien und in die Türkei – denn hier fing alles an. Sie erfährt, wie ihre leibliche Mutter Julka in einem kleinen serbischen Dorf als Tochter von Biljana und Ilija geboren, für tot gehalten und fast auf den Misthaufen „entsorgt“ wurde:

„Stell dir vor, es wäre genug Feuerholz da gewesen, wir hätten dich nie gefunden. Du wärst so schnell wieder im Himmel zurück gewesen, die da oben hätten nicht mal Zeit gehabt, deine Flügel wegzuräumen“, sagte Ilija. „Die wären noch warm gewesen.“

Luisa erfährt, wie stark und besonders die Liebe zwischen ihren Großeltern war, sogar über den Tod hinaus. Wie die Armut ihre Mutter Julka bis ins Deutschland der Gastarbeiter getragen hat, wo sie den Türken Kamil kennen lernte. Wie Julka Kamil zwei Töchter schenkte, obwohl sie mittendrin erfuhr, dass es da in der Türkei noch eine weitere Frau gibt und andere Kinder. Dass Julka irgendwann keine Kraft mehr hatte und zuerst die eine, dann die andere Tochter ins Kinderheim gab, weil Kamil weggegangen war.

„Weil die Sehnsucht nicht aufhört nach ihm und seinen Händen, nach ihm und seiner Stimme und nach ihm und seinem Gesicht. Weil es stimmt, was die Leute sagen, dass man weniger ist als die Hälfte, wenn der andere fort ist, und weil sie an ihren Vater denkt, der nicht mehr leben wollte, als ihre Mutter starb, und jetzt, jetzt endlich versteht sie und weiß, wie man grau werden kann im Gesicht, einfach nur, weil man übrig ist.“

Dann ist da aber auch noch der deutsche Teil von Luisas Familie, die Familie, von der sie adoptiert wurde. Die Adoptivmutter Magdalena: kriegstraumatisiert, Halt suchend in Strukturen und Moral, nicht wissend wohin mit ihrer Sehnsucht nach einem Kind, das ihr nicht vergönnt scheint. Der Adoptivvater Johannes: ungesund muttergebunden, dabei aber zuverlässig wie ein Fels, dessen verschlossenes Herz die kleine Marina (so Luisas ursprünglicher Name) berührt. In diese Familie hinein versucht Julkas Kind hineinzufunktionieren. Ein viel zu großer Job für so ein kleines Mädchen.

„(…) weil man ein Kind adoptiert hat, das die Liebe nicht annehmen kann, die man so lange aufbewahrt hat (und man selbst nicht erkennt, dass Liebe nicht aufbewahrt werden kann, für eine spätere Anwendung). Weil man sein Herz mit einer Burgtür versehen hat, damit nichts heraustropft von der Einsamkeit darin, und vergessen hat, dass auf diese Weise auch keiner hineinkann, auch ein Kind nicht, und schon gar nicht eins, das die feinen Pastellfarben der Traumzimmerchen mit Wachsmalstiften übermalt und zarte Vorhangstoffe zerschneidet mit Scheren und Messern aus unerklärlichem Zorn.“

Mit sechs Jahren erfährt Luisa, dass sie kein – wie die vier Jahre nach ihr geborene Halbschwester – leibliches Kind ihrer Eltern ist, was die emotionale Kluft weiter vertieft. Absurderweise ist es ausgerechnet der Balkankonflikt der 1990er Jahre, der in Magdalena alte Kriegswunden aufbricht und Luisa endlich einen Zugang zur Mutter eröffnet:

„Als wäre ein Damm gebrochen, eine Begrenzung aufgehoben, bekam ich meine Mutter endlich zu fassen und nahm ihr bereitwillig das schwere Gepäck ab, wir hatten ja beide kein Zuhause.“

Luisa wächst heran, immer auf der Suche nach den fehlenden Puzzlestücken in ihrer Adoptions-Biographie. „Meine fragmentierten ersten Jahre“ nennt sie ihre Kindheit. Nach der Schule zieht es sie nach Berlin, wo kroatische Freunde sie als eine der Ihren erkennen. Bald kann sie nicht mehr anders, als endlich den Weg in ihre Vergangenheit anzutreten. „Adoptiert“, sagt sie, klingt wie „amputiert“. Noch immer fühlt sie sich nicht passend zu einer der drei Welten; ihr ist nur klar, dass sie der polierten Oberflächlichkeit ihres deutschen Teils nicht gerecht werden kann:

„(…) Zu entkommen aus den Erwartungsfeldern meiner lebensdurchtrauerten Eltern und einmal, nur einmal nicht den Entertainer geben zu müssen, damit es leichter wurde, damit sie lächeln konnten über meine Eskapaden oder wenigstens den Kopf schütteln über ihr merkwürdiges Kind.“

Mit der Eskalation des Balkankonflikts im Massaker von Srebrenica erkennt Luisa, wie stark ihre Bindung zu diesen Ländern wirklich ist:

„Jetzt lagen Tote in diesem Land, das mit mir verbunden war durch einen Namen. Das jetzt nicht mehr Jugoslawien hieß, sondern Bosnien-Herzegowina und Serbien und Kroatien und Slowenien, und die Toten und die Täter könnten meine Brüder und Schwestern, meine Onkel und Cousins sein.“

Hier wird Luisa schlagartig klar, dass interkulturelle Adoptionen wie die ihre eine besondere Herausforderung an den Charakter sind – und dass sie diese nicht immer moralisch einwandfrei gemeistert hat.

„Mit Srebrenica musste ich einsehen, dass alle meine Versuche, mich mit stolzen Hinweisen, eigentlich ja überhaupt nicht deutsch zu sein zu schmücken, vergeblich, ja sogar vergiftet waren. Großmäulig hatte ich mich aus dem Setzkasten meiner Herkünfte bedient, mal dies, mal das verwendet – immer dann, wenn das Deutsche nicht getaugt hatte und ich herauskehren wollte, wie ungewöhnlich ich war.“

Sie ergreift die Initiative und nimmt (endlich!) Kontakt mit ihrer leiblichen Mutter Julka auf, die noch immer in Deutschland lebt. Zarte Familienbande spinnen sich, und mitten in sie hinein schlägt wieder einmal die Liebe zu: die zu Tom, dem deutschen Tom aus Luisas Schulzeit. Bei ihm kann sie (endlich!) Nähe zu- und sich fallen lassen. Aus dieser tiefen Verbindung geht zuerst ein Sohn hervor, dann die Tochter, die nicht schlafen will. Und hier schließt sich der Kreis.

Denn die ganze Geschichte ihrer Herkunft erzählt Luisa ihrem Kind in den durchwachten Nächten vor Aufbruch in die Türkei. Dort soll sie (endlich!) die ganze Herkunftsfamilie treffen und vor allem ihren leiblichen Vater, für den sie bis dahin gar nicht existiert hatte – durch einen dummen Rechenfehler. Er ist es dann auch, der ihr ihren türkischen Namen gibt. Weil es in der Familie Tradition ist, die zweite Tochter „Suna“ zu nennen. Die Hübsche.

„Ich habe nach meinen Wurzeln gesucht, nach meinen und nach deinen, mein Kind, denn ohne Wurzeln kann das Herz nicht wachsen. Ich habe einen weiteren Namen bekommen, und mit diesem Namen und dem Wissen um die Geschichten all meiner Eltern ist Ruhe eingekehrt in mir. Kein Flickwerk mehr. Und kein Abstreifen meines bisherigen Lebens, wenn ich aufstehen möchte und hineingehen will in etwas Neues.“

Mein Fazit? Lest es! Als Buch aus Papier oder als eBook. (Bitte bei Eurem örtlichen Buchhändler kaufen, nicht beim großen bösen A!) 

Lasst Euch von Pia Ziefles „Suna“ genauso mitreißen wie ich, lacht mit ihr, schaudert und weint. Ich habe jede Seite als Geschenk empfunden und stelle das Buch jetzt mitten zwischen meine Lieblingsbücher – im Regal auf Herzenshöhe.

FAZIT: Jeder einzelne Leser, den ich bisher sprach oder las, ist von „Suna“ ähnlich begeistert wie ich. Jeder für sich aus anderen Gründen. Wenn das mal kein Beweis für ein Meisterwerk ist?

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