Ein bisschen mehr als Schwammerlsuchen.

„Jeder Schwammerlsucher findet irgendwann eine Leiche“, heißt es, und ich für meinen Teil kann das seit einem gewissen Tag im Jahr 2012 bestätigen.

Wie so oft bin ich mit meiner Mutter in unserem gewohnten Waldstück unterwegs, es ist ein warmer Septembertag, kurz nach dem Regen, perfektes Schwammerlwetter. In unserem Korb liegen schon einige schöne Maronen, Fichtenreizker, Rotfußröhrlinge und drei herrliche Parasolpilze. Mein Blick hängt am Boden, weiter vorne beginnt ein Dickicht, und da steht er: der kapitalste Steinpilz, den dieser Sommer wohl hergeben wird.

„Woah, Mama, den musst du dir anschauen!“, rufe ich begeistert, hopse zwei Schritte auf den Prachtkerl zu, bücke mich … und erstarre. Durch eine lichte Stelle im Gebüsch sehe ich, dass wenige Meter von mir entfernt ein Mensch liegt. Auf der Seite, den Rücken mir zugewandt, mitten im Moos, gemütlich sieht das aus. Mist, denke ich, hier will jemand ein Nickerchen machen und ich brülle so rum. Meiner heranstapfenden Mutter bedeute ich, leise zu sein, und zeige nach vorn. „Uh, da pennt einer“, sagt sie, „suchen wir lieber woanders weiter.“

Uns kommt es jedoch seltsam vor, dass ein Schlafender sich bei meinem Geplärr nicht einmal ein winziges bisschen bewegt. „Du, hm, ich weiß ja nicht, ein bisschen komisch ist das ja schon“, sagt Mama und ich muss ihr Recht geben. „Hallo? Entschuldigen Sie bitte? Wir wollten nicht stören!“, rufe ich. Keinerlei Reaktion.

Jetzt sehe ich auch, dass der Hinterkopf der Person irgendwie … eingefallen aussieht. Die Haare so zausig, irgendwie farblos. Mama und ich schauen uns an. „Scheiße, ich glaube, das ist ein Toter“, sagt Mama, greift sich einen langen Ast und stupst den Körper vorsichtig an der Schulter an. Keine Reaktion. Natürlich nicht, uns ist mittlerweile klar, dass hier kein schlafender, sondern ein toter Mensch vor uns liegt.

Krass. Wir haben beide bereits Tote gesehen, mir macht das keine sonderliche Angst. Aber so unvorbereitet ist es schon nochmal eine andere Nummer. „Was macht man denn da? Polizei rufen?“, fragt Mama, ich sage „Ich denke schon. Warte, ich mach schnell“, trete ein paar Schritte zurück und hole mein Handy raus.

Na toll, kein Empfang. Das wundert mich nicht groß, schließlich sind wir eine gute Viertelstunde entfernt von der nächsten Wohnsiedlung. „Hier ist Funkloch! Ich geh mal ein bisschen Richtung Weg runter, ja?“, sage ich. Mama nickt und bleibt. Währenddessen schaue ich immer wieder auf mein Handydisplay, aber das verweigert mir weiterhin hartnäckig jegliche Empfangs-Anzeige. Mannometer, das kann ja alles echt wieder nur uns passieren.

Jetzt kommt der Kiesweg in Sicht, weiterhin null Telefon-Empfang, na toll, dafür aber ein Jogger aus Richtung der Wohnsiedlung, und den kenne ich: mein Frauenarzt! Als er sich nähert, spreche ich ihn an und er bleibt stehen: „Herr Dr. W., also das ist jetzt echt ein bisschen blöd und ich will Sie auch nicht aufhalten, aber wir haben, naja, ich glaube, da oben liegt ein toter Mensch und ich habe keinen Handyempfang und wir … also … Sie sind Arzt, ob Sie vielleicht kurz kucken könnten? So richtig haben wir uns halt doch nicht getraut zu schauen.“ Dr. W. meint „Huch? Ein Toter? Ja klar, schau ich halt kurz. Wo müssen wir hin?“

Ich führe ihn dort in den Wald hinein, wo meine Mutter sich in der Nähe der vermuteten Leiche an einen Baum gelehnt hat. Sie kennt den Doc auch, es gibt ein mittelgroßes Hallo, dann geht er einmal um den reglosen Körper herum, schaut der Person ins Gesicht, schaut auf und meint „Das ist eine Frau und sie ist so tot, wie man nur sein kann, und zwar seit mindestens einer Woche. Äußere Verletzungen sehe ich keine, vielleicht ein Suizid, aber nageln Sie mich auf nix fest. Würden Sie mich jetzt trotzdem einfach weiterlaufen lassen? Ich muss sonst den Totenschein ausfüllen und alles, und darauf habe ich am Sonntag ehrlich gesagt nicht so riesig viel Lust. Verstehen Sie das?“ Klar verstehen wir das, ich begleite ihn wieder runter zum Weg und jetzt, siehe da: im Handydisplay ein Balken! Ich kann telefonieren! Und das tue ich auch.

Die Nummer der Starnberger Polizei weiß ich auswendig, seit ich vor gefühlten tausend Jahren ein, sagen wir mal, Techtelmechtel mit einem Polizisten dort hatte. „Hallo? Kura hier. Ich bin gerade im Wald bei Niederpöcking und naja, ich befürchte, wir haben gerade eine Leiche gefunden“, sage ich. Der Beamte am anderen Ende ist Profi, nimmt meinen Standort auf, fragt, ob ich okay bin oder ob er dranbleiben soll, bis jemand eintrifft. Neenee, sage ich, passt schon, ist nicht mein erster Toter, aber ich hab nix damit zu tun!, haha, was man halt so witzelt. An Ort und Stelle solle ich bleiben, sagt er, damit man uns auch findet.

Keine 5 Minuten später rast ein Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene den Waldweg heran, gefolgt von einem Streifenwagen. Ein Arzt und zwei Sanitäter springen aus dem Bus, schnappen sich eine Trage, den Defibrillator und einen Versorgungskoffer, lassen sich nur kurz die Richtung zeigen und rennen los. Ich sage noch „Also, ich glaube nicht, dass Sie sich beeilen müssen, um ehrlich zu sein“, aber natürlich ist das ihre Pflicht, man muss immer alles tun, falls noch Hoffnung besteht, und das ist ja auch richtig so.

Die beiden Polizisten fragen mich, ob ich diejenige bin, die sie angerufen hat, jawohl, die bin ich, ob ich ihnen den, naja, Tatort zeigen könne? Wir gehen los, Mama steht da noch immer und beobachtet die Sanitäter, die inzwischen alles erstmal aus der Hand gelegt haben und bestätigen, dass hier wohl eher ein Leichenwagen her muss, was der jüngere Polizist dann auch gleich in die Wege leitet. Nun nehmen sie das Protokoll auf, Personenangaben von Mama und mir, wie genau ist das abgelaufen, ist uns etwas Besonderes in der Umgebung aufgefallen, all das.

Wir beantworten geduldig alle Fragen und warten irgendwie darauf, dass uns so etwas wie das große Schlottern befällt oder so, aber nichts dergleichen, es ist gar nicht schlimm, dabei haben wir gerade EINE LEICHE GEFUNDEN OH MEIN GOTT! Die Beamten fragen dann noch, ob sie uns ein Kriseninterventionsteam schicken sollen, immerhin hätten wir gerade EINE LEICHE GEFUNDEN, aber wir lehnen ab, passt schon, aber ob sie so nett wären, uns auf dem Laufenden zu halten, was die Person angeht? Null problemo, sagt der jüngere Polizist, unsere Nummer habe er ja, wir kriegen Bescheid, und jetzt noch einen schönen Tag, okay? Sie müssten jetzt die Spurensicherung beauftragen, man wisse ja nie.

Mama und ich schnappen uns unsere Schwammerlkörbchen und marschieren jetzt wieder Richtung Weg, wir wissen noch nicht recht, wie der Tag weitergehen soll, das ist alles ganz schön komisch. Als wir unten ankommen, ist gerade der Leichenwagen eingetroffen und zwei Männer machen sich an der ausziehbaren Bahre zu schaffen.

„Ach weißte, das hilft doch auch keinem, wenn wir einfach heimfahren. Es ist super Schwammerlwetter und die Beute bisher echt gut. Wollen wir nicht einfach in der anderen Waldseite weitersuchen?“ Mama ist ein Ausbund an Pragmatismus, das habe ich von ihr geerbt, prima Sache das, macht das Leben viel leichter.

Tatsächlich finden wir auf der anderen Seite des Weges noch einige schöne Schwammerl-Exemplare, und als wir dann doch den Heimweg antreten, schauen wir uns gegenseitig an und ich sage: „Hör mal, sind wir jetzt irgendwie herzlos oder abgebrüht oder so? Ich meine, wir haben EINE LEICHE GEFUNDEN OH MEIN GOTT, und die werden uns nicht umsonst ein Kriseninterventions-Team angeboten haben … andere drehen da vielleicht komplett durch?! Und wir gehen weiter Schwammerl suchen, als ob nix war? Ist das normal?“
Mama meint „Und wenn nicht? Sei doch froh. Und vielleicht kommen die Alpträume ja noch, weil wir gerade nur so cool tun. Menschen sind eben schräg und unterschiedlich. Wir auch.“

Noch am selben Tag rief uns die Polizei an und teilte uns mit, dass es sich bei der Toten um eine seit 14 Tagen vermisste Frau handle, die wegen Suizidverdachts gesucht wurde. Den Platz, an dem wir sie gefunden haben, hatte sie sich offenbar gezielt ausgesucht, um zu sterben. Mitten in einem schönen Wald, auf weichem grünem Moos, hatte sie sich hingelegt und Abschied genommen. In ihrem Magen fanden sich eine Menge Schlaf- und Schmerztabletten, es war vermutlich ein sehr friedlicher Tod. Wir wissen nicht, was in ihrem Leben so schlimm gewesen ist, dass sie es beenden wollte. Weil ich aber der Meinung bin, dass jeder das selbst entscheiden darf, bin ich – unabhängig vom Schmerz der Hinterbliebenen – froh für sie, dass es so lief, wie es lief.

Schwammerlsuchen gehen wir übrigens noch immer leidenschaftlich gern, sogar genau in diesem Wald. Alpträume „davon“ kamen nie. Zwei Jahre später fand ich in einem anderen Wald ein verletztes Siebenschläfer-Baby, das bis heute prima bei meiner Freundin Petra wohnt, weil man es nicht wieder auswildern konnte. Und letzte Woche hob ich beim Laufen an einem weiteren Waldrand ein verletztes Eichhörnchen auf und nahm es mit, aber leider hat es den Abend trotz (again!) Petras  selbstlosem Einsatz nicht überlebt.

Ich und Wälder, ey. What’s next? 😉

 

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