Giersch. Das maximal missverstandene Gesundheitspaket.

Dass ich neben meinem Hauptberuf als Werbetexterin, Lektorin und Medizinredakteurin auch leidenschaftliche Kräuterhexe bin (mit Zertifikat!), dürfte inzwischen bekannt sein. Da wird es nicht weiter verwundern, dass ich heute leidenschaftlich für ein „Unkraut“ in die Bresche springe, das man in Gegenwart leidenschaftlicher Hobbygärtner*innen besser unerwähnt lässt: den Giersch. Wagt man es dennoch, ist die Reaktion fast immer gleich:

„Um Himmels Willen, dieses lästige Unkraut! Komm mir bloß nicht damit. Seit Jahren bekämpfe ich ihn, aber den wird man nie wieder los! Schrecklich, ganz schrecklich.“

Bild 1: Dichter Giersch-Bewuchs, den man an Wegrändern ebenso finden kann wie in Wäldern, unter Hecken und in Beeten. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dabei ist die despektierliche Bezeichnung „Unkraut“ gerade gegenüber Giersch ausgesprochen ungerecht – obwohl es stimmt, dass er, bis zu einem Meter hoch in dichten sattgrünen Teppichen wachsend, schier unausrottbar ist. Aber das verliert seinen Schrecken, wenn man erst einmal weiß, wie man sich die vielfältigen Talente des Doldenblütlers zunutze machen kann. Es ist nämlich was dran an der alten Weisheit:

Pflanzen, die sich nicht vertreiben lassen wollen, haben uns Menschen meist viel zu geben.

Das zeigt sich eindeutig schon am zweiten Teil des botanischen Namens unseres Helden:
Während Aegopodium (griech. aigopódes = ziegenfüßig) Bezug auf das untere Ende des kantigen Blattstengels nimmt, beschreibt podagraria bereits das wichtigste Einsatzgebiet der Pflanze: Gicht (= Podagra). Schon im Mittelalter leitete man diese Indikation aus der (ziegen)fußförmigen Signatur her, und siehe da: es funktionierte. Tatsächlich sind die dreigliedrigen, an den Rändern gesägten Gierschblätter ein traditionell viel genutztes Mittel bei Neigung zu erhöhter Harnsäureansammlung in den Gelenken, die sich in schmerzhaften Gichtanfällen äußert. Die Behandlung von rheumaartigen Beschwerden und beginnenden Blasenentzündungen profitiert ebenfalls vom regelmäßigen Giersch-Genuss. Hier verzehrt man entweder das frische Kraut, brüht aus getrockneten Blättern einen Tee auf oder bindet zerquetschte Blätter als Umschlag auf die geschwollenen Gelenke. Regelmäßig natürlich – von einem Giersch-Gericht pro Woche wird keine Gicht geheilt.

Bild 2: Gierschblätter haben an ihrem unteren Ende ein typisch hufförmiges „Füßchen“, das nach oben in den oft rötlich überlaufenen, dreieckigen Stengel übergeht.

Bisher führt man die stark entwässernde und harnsäurelösende Wirkung lediglich auf den hohen Kaliumgehalt des „Zipperleinkrauts“ zurück. Jedoch erklärt Kalium allein nicht, warum man die Pflanze jahrhundertelang derart erfolgreich gegen Gicht verwendete, dass es sogar für einen entsprechenden Namen reichte. Es muss also wohl – wie so oft in der Natur – das Zusammenspiel aller Inhaltsstoffe sein, das den Unterschied macht.

Und wertvoll ist der Giersch wahrhaftig vom Stengel bis zur Blüte:
Eine in der Pflanzenwelt beeindruckende Konzentration an freien Aminosäuren macht ihn zu einem fantastischen Eiweißspender und sein Vitamin-C-Gehalt lässt sogar die Brennnessel vor Neid erbleichen. Dazu kommen beachtliche Mengen an Magnesium, Calcium, Zink, Kieselsäure, Mangan, Kupfer, Vitamin A, Saponinen, Cumarinen und Flavonglykosiden. Kein Wunder, dass bei römischen Soldaten während des Feldzugs häufig Giersch in den Kessel kam – er wuchs buchstäblich überall, kostete nichts und lieferte große Mengen lebenswichtiger Vitalstoffe. Später lobten Hildegard von Bingen und Pfarrer Kneipp den „Geißfuß“ als wertvolle Gemüse- und Heilpflanze.

Meine lieben Leser*innen ahnen bereits, was jetzt kommt:
Eine leidenschaftliche Empfehlung für Aufessen statt Aushacken!*)
 

Am besten schmecken die ganz jungen, hellgrün glänzenden und idealerweise noch zusammengeklappten Blättchen.
Sie haben ein Aroma wie junge Möhren mit frischer Petersilie, angenehm feinwürzig mit nur leicht bitterer Note. Je älter sie werden, desto mehr Bitterstoffe entwickeln die Blätter … aber das wiederum freut ja die Leber. Regelmäßiges Ernten des Gesamtbestands sorgt zügig für Nachschub am leckeren „Klapp-Giersch“, der idealerweise ungefähr so aussieht:

Bild 3: Ganz junger „Klapp-Giersch“. In diesem Zustand schmeckt er mit Abstand am besten! 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Haltet ungefähr ab März Ausschau nach dem köstlichen Junggiersch und lasst Eurer Kreativität freien Lauf! Das verkannte Supergemüse macht sich z.B. wunderbar auf dem Butterbrot, im Salat, Kräuterquark und Pesto, in Pfannkuchenfüllungen, grünen Smoothies, Omeletts und Gemüsebratlingen. In einer weißen Béchamelsauce gedünstet, ergibt er zusammen mit weiteren Wildkräutern wie Vogelmiere, Brennnessel, Wiesenbärenklau, Gundermann, Knoblauchsrauke und Spitzwegerich eine ebenso feine wie raffinierte Frühlingssuppe oder eine Art Spinat.
(Merkt Ihr was? Ein gutes Wildkräuter-Bestimmungsbuch ist eine wirklich lohnende Anschaffung. Ich werde dazu demnächst mal eine Liste verbloggen, undauch weitere Pflanzenprofile sind geplant.)

Bild 4: Diese Menge Junggiersch reicht, fein gehackt, ungefähr als Belag für ein feines Giersch-Butterbrot. Salzen nicht vergessen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sobald sich dann nur noch ältere, dunkelgrüne und recht bittere Blätter zeigen, verzweifelt nicht! Nehmt einfach Rasenmäher oder Sense zur Hand und schneidet Euer Giersch-Vorkommen einmal beherzt nieder. Schon in wenigen Tagen spitzt neuer Frischegenuss aus der Erde.
Ich selbst bin ja sogar so bekloppt, dass ich Giersch in einem Blumenkübel auf dem Balkon halte … unser Garten ist nämlich wie durch einen schlimmen Fluch 😉 annähernd gierschfrei und ich muss für größere Ernten jedes Mal die Wegränder 5 Minuten hinterm Haus Richtung Moorsee konsultieren.

Bild 5: Ja, man kann so bekloppt sein, Gärtnerschrecks sclimmstes „Unkraut“ gezielt in einen Blumenkübel zu pflanzen. Ist doch ganz hübsch, oder etwa nicht? Und lecker obendrein. So.

Lasst auch ruhig ein paar Pflanzen bis zur Blüte stehen; die hübschen weißen bis zartrosafarbenen Doldenblüten sind ein beliebter Tummelplatz für verschiedenste Insekten und eine niedliche Dekoration für Kuchen, Müsli oder Süßspeisen. Verblühter Giersch bildet kümmelförmige Samen, denen man eine Chance als interessantes Gewürz für Eierspeisen und Salatdressings geben sollte.

Merkt Euch außerdem den Geheimtipp „Giersch-Limonade“: Ein Sträußchen Gierschblätter (hier dürfen es gern ältere sein) wird, eventuell zusammen mit etwas blühendem Labkraut, Zitronenmelisse und Minze, einige Stunden lang in einen Krug prickelnder Apfelschorle gehängt. Der Geschmack ähnelt verblüffend einer beliebten österreichischen Kräuterlimo!

Wundert Euch übrigens nicht, wenn Ihr nach einem gierschlastigen Gericht mehr Zeit als sonst in der Keramikabteilung verbringt – die stark harntreibende sowie entsäuernde Wirkung ist eine wahre Initialzündung für den Stoffwechsel.

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*) Aushacken würde übrigens sowieso nichts nützen, denn es reicht bereits ein millmeterkleines Stück Wurzel, um neue Pflanzen heranwachsen zu lassen. Schließt also lieber beizeiten Frieden mit Eurem neuen Gesundheitsfreund, wenn er in Eurem Garten erscheint. Ein gutes Wildkräuter-Kochbuch liefert tolle Ideen zur kulinarischen Verwendung!  

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