Was Schreibger├Ąte angeht, bin ich ja etwas zickig sonderbar. Ein Stift muss n├Ąmlich gut in der Hand liegen, haargenau die richtige Strichst├Ąrke haben, in mehreren Farben – f├╝r mich als Korrekteuse vor allem in Rot – erh├Ąltlich sein und butterweich aufs Papier flie├čen. Er darf nicht verwischen und erst recht nicht beim Schreiben kratzen. Obendrein soll er m├Âglichst gut aussehen, nachf├╝llbar sein (wegen der M├╝llvermeidung) und nicht chemisch stinken, pfuib├Ąh.

Manche Stifte erf├╝llen diese meine bescheidenen Anforderungen teilweise, manche sogar ganz – aber dann gibt es da noch diesen Punkt der L├Âsch- oder Radierbarkeit. Klar, Bleistift kann man radieren und dann auch gleich wieder dr├╝berschreiben, aber man kann ja nicht alles mit Bleistift … oder? Die meisten F├╝ller wiederum und auch manche Fineliner sind l├Âschbar, aber dann braucht man zum erneuten Dr├╝berschreiben das andere Ende des „Tintenkillers“ und am Ende sieht es doch bescheuert aus. Eine Tatsache, die mich all die Jahre ganz wahnsinnig machte. Warum konnte nicht einer einen Rollerball-Stift erfinden, den man l├Âscht/radiert und bei dem man danach mit demselben Stift einfach wieder dr├╝berschreiben kann? Ist das denn so schwer? Es ist doch wirklich zum Haarerau… Moment! Das gibt es?

Das gibt es. Seit etwa einem Jahr gibt es den FRIXION von PILOT, und er ist Gott.

Darf ich vorstellen? Der Pilot FRIXION. Ist er nicht sexy? Ist er nicht wunderwundersch├Ân? Seit ein paar Monaten nicht mehr nur in Blau und Schwarz k├Ąuflich, sondern in allen m├Âglichen Farben sowie – eine Neuigkeit, die mir ein Freudentr├Ąnen ins Auge trieb – als Pilot FRIXION point in der f├╝r mich 100% perfekten Strichst├Ąrke von 0,25 mm (in der Rollerball-Version schrub er bis dato mit 0,4 mm).

Krickelkrackelschreibschreibschreib … HUCH! Fehler! … ratzefummelradierradier … krickelkrackeldr├╝berschreib. Leute, das ist SO cool und ich pfeife seitdem auf alle Kulis, Bleistifte, stabilos und F├╝ller dieser Welt.

Aus allen Wolken fiel ich, als ich heute entdeckte, dass es den Pilot FRIXION jetzt sogar als radierbaren Textmarker gibt. Alter!* Das ist ja wie Geburtstag und Weihnachten zusammen!

├ťbrigens: Die Radierbarkeit des Pilot FRIXION und des Pilot FRIXION point beruht auf hitzeempfindlicher Tinte. Beim Radieren mit dem Radier-Ende des Stifts entsteht ebensolche W├Ąrme, und schwupp, ist das Geschriebene weg. Das bedeutet nun nat├╝rlich, dass Backofen, B├╝geleisen, F├Âhn und pralle Sonne denselben Job tun. Lehrer sollten also, wenn sie halbwegs gewitzte Kinder in der Klasse haben, ihre Klassenarbeiten lieber nicht mit dem Pilot FRIXION korrigieren** und erst recht nicht auf dem heimischen Balkon in der Sonne. Oder sie teilen den Eltern am Anfang des Jahres verschw├Ârerisch mit, dass mit nach Hause gegebene Arbeiten grunds├Ątzlich kurz ins Tiefk├╝hlfach geh├Âren, bevor man sie durchsieht. Dann taucht die Schrift n├Ąmlich auf wundersame Weise wieder auf – wie bei Zaubertinte. ­čśë

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* wie der Turbosohn sagen w├╝rde

** Bei meinen Kunden unterstelle ich jetzt einfach mal, dass sie nicht so kindisch sind, meine Korrekturen verschwinden zu lassen – es w├Ąre ja h├Âchstens zu ihrem eigenen Schaden -, deshalb benutze ich den Pilot FRIXION (in Rot!) weiterhin. *kicher*

The Power of Words.

6. Mai 2011

Wie m├Ąchtig Worte sind, hat wahrscheinlich jeder von uns schon einmal am eigenen Leib erfahren. Sie k├Ânnen uns ein L├Ącheln aufs Gesicht zaubern oder motivieren. Sie k├Ânnen uns aber auch w├╝tend machen, verletzen oder zum Weinen bringen.

Wie wichtig die Wahl der haargenau richtigen Worte ist, davon kann die Werbung ein Liedchen tr├Ąllern. Es reicht nicht, die Botschaft irgendwie hinzuschreiben; sie muss ankommen, und zwar mitten im Herz (oder im Geldbeutel, je nachdem). So wie in diesem ebenso bewegenden wie ├╝berzeugenden Video, das die Onlinemarketing-Agentur Purplefeather in eigener Sache produzierte. Seht selbst – aber Achtung: Spontanlosheul-Gefahr am Schluss!

[F├╝r meine sehbehinderte Leser: Im Video sitzt ein blinder Bettler vor einem ├Âffentlichen Geb├Ąude, neben sich eine Sammeldose und ein Schild mit der Aufschrift „I’m blind. Please help.“ Nur wenige Vorbeigehende werfen Geld in seine B├╝chse. Eine junge Frau mit Sonnenbrille geht zun├Ąchst vorbei, z├Âgert dann, kehrt um und nimmt das Pappschild in die Hand. Sie dreht es um, schreibt auf der R├╝ckseite einen anderen Text, stellt es wieder hin … und geht. Der Blinde wei├č nicht, wie ihm geschieht, als pl├Âtzlich ein wahrer Geldsegen ├╝ber ihn kommt. Fast jeder, der das Schild liest, spendet! Wenig sp├Ąter kommt die junge Frau wieder; er erkennt sie an ihren Lackschuhen wieder. Der Blinde fragt sie dankbar, aber neugierig, was sie da getan habe. Ihre Antwort: „I wrote the same. But in different words.“ Die Kamera zoomt auf das neue Schild. Da steht jetzt: „It’s a beautiful day and I can’t see it.“ Es folgt der Abbinder mit dem Claim „Change your words. Change the world.“ des Onlinemarketing-Unternehmens Purplefeather.]

Wow, was f├╝r ein Text. ├ťber Sprache. Lebendige, sich entwickelnde Sprache, um genau zu sein, die eben nicht jahrhundertelang gleich bleibt und bei der es deshalb keinen Sinn macht*, auf jahrhundertealten Regelungen herumzureiten. Dieses von Matt Rogers wundervoll typografisch umgesetzte Exzerpt aus einem Podcast des britischen Schriftstellers, Drehbuchautors, Regisseurs und Schauspielers Stephen Fry ist ein Pl├Ądoyer daf├╝r, der Sprache ihre Ver├Ąnderung zu gew├Ąhren. Ein Pl├Ądoyer daf├╝r, neue Str├Âmungen auch mal wohlwollend in Augenschein zu nehmen, sie auf fruchtbaren Boden fallen zu lassen und zu sehen, was daraus keimt. Mit Worten zu spielen, wenn es dem Rahmen ihrer Verwendung dient. Neues zu erschaffen, mit Sprache zu kitzeln, zu verf├╝hren, zu provozieren. Stephen Fry erkl├Ąrt die selbst ernannten „guardians of language“, die solche Wortgeburten mit einem missbilligenden Kopfsch├╝tteln betrachten, zu furzlangweiligen Spie├čern:

„Do they ever yoke impossible words together for the sound-sex of it? I doubt it. They’re too farting busy sneering at a greengrocer’s less than perfect use of the apostrophe.“

*haha! Ertappt! „Sinn machen“ schrub ich! B├Âse, b├Âse – das sollte eine Texterin doch nicht verwenden! Und ich tue es doch. ­čśë

Ich pers├Ânlich finde z.B. manche Anglizismen durchaus verwendenswert. Warum sollte ich den phonetisch perfekten „Laptop“ zugunsten des gartenger├Ątehaft anmutenden „Klapprechners“ ├╝ber Bord werfen? Auch empfinde ich den Ausdruck „Sinn machen“ als irgendwie st├Ąrker, ja aktiver denn „Sinn ergeben“ und verwende ihn je nach Laune neben seiner korrekten deutschen Form. Wie verwegen! ­čÖé Meinen Texten hat das bisher keinen Abbruch getan, jedenfalls hat bis heute keiner gemeckert.

„Oho“, sagen Sie, „und das aus dem Munde einer bekennenden Rechtschreibfetischistin!“? Sie haben ja Recht. Echte, richtig doll doofe und falsche Fehler lasse ich ja auch nicht durchgehen. Aber diese Diskussionsf├Ąlle, wo es nicht um Falsch und Richtig geht, sondern darum, ob ein Ausdruck, ein Wort, ein Wortgebilde vielleicht tats├Ąchlich besser sein k├Ânnte als das Original … wenn er etwa direkt das Kopfkino anknipst, statt nur zu beschreiben … da bin ich eben flexibel. Und neugierig. Weil Sprache lebt, Trends unterliegt und – wie ich finde – ein legitimes Transportmittel f├╝r Pers├Ânlickeit sein darf. Sich dem zu verleugnen, w├╝rde Stillstand bedeuten. Und auf den habe ich keine Lust. PAMM!

Ei, ei … da hat sich der US-amerikanische Verlag HarperCollins ein Ding geleistet. Satte 80.000 Exemplare des Romans „Freedom“ von Jonathan Franzen holte man hektisch wieder aus den B├╝cherregalen – weil schlicht zu viele Fehler drin sind! Angeblich hat der Schriftsetzer eine unkorrigierte Fassung gedruckt. Das k├Ânne mal passieren, sagten sie, obschon es peinlich sei, aber man m├Âge nun bittesch├Ân das Buch erst recht kaufen, denn es sei einfach total gro├čartig. Der Autor selbst bat darum, die fehlerhafte Ausgabe nicht zu lesen und noch eben den Neudruck abzuwarten; die bereits verkauften 8.000 M├Ąngelexemplare d├╝rfen kostenlos umgetauscht werden. Mit der Auslieferung der korrekten Version rechnet der Buchhandel sp├Ątestens n├Ąchste Woche.

Hm. Bin ich die einzige, die hier aufgrund eines angeboren b├Âsartigen und intriganten Charakters ­čÖé einen Marketingstreich wittert? Naja, vielleicht bin ich auch nur paranoid.

Und lustig finde ich in diesem Zusammenhang, dass Jonathan Franzen mit einem Roman namens „Die Korrekturen“ bekannt geworden ist. Das Leben hat manchmal einen sehr feinsinnigen Humor. ­čśë

cover_freedom_jonathan_franzen

 

Rotstift im Schilderwald.

12. August 2010

Vor Urzeiten schrub ich bei der Textguerilla einen Artikel ├╝ber das ├ärgernis „Rechtschreibfehler auf Stra├čenschildern“. Ich gab darin zu, dass ich selten ohne roten edding aus dem Haus gehe, um bei ├Âffentlichen Orthographie-Unf├Ąllen direkt Erste Hilfe leisten zu k├Ânnen. Nennen Sie es ruhig „Verschandelung des Stadtbildes“ oder „Spar-Graffitti f├╝r frustrierte Lektoren“ – bei mir l├Ąuft es unter „Dienst an der orthographiefernen Menschheit“. Au├čerdem w├╝rde ich auf der Stelle ein Magengeschw├╝r kriegen, wenn ich nicht … so weit, so gut.

Heute nun stie├č ich auf zwei Gleichgesinnte: Jeff Deck und Benjamin D. Herson. Die zwei US-amerikanischen Rechtschreibfanatiker hatten – gerade so wie ich – die Nase voll von Buchstabendrehern in Ortsnamen, Falschschreibung italienischer Delikatessen auf Restauranttafeln und Werbeschild-Peinlichkeiten. Also gingen sie auf Korrektur-Tournee. Radierten, ├╝berklebten, strichen durch und platzierten Klebebuchstaben. Sie taten dies zweieinhalb Monate lang quer durchs Land. Nat├╝rlich z├╝ckten sie Tipp-Ex & Co. nicht ohne die Einwilligung der Schildverantwortlichen (jedenfalls fast nie), und nat├╝rlich waren nicht alle davon so begeistert wie ich. Aber hey, egal: geile Aktion! Finde ich.

Ach so, fast vergessen: Ein Buch haben sie ├╝brigens auch dar├╝ber geschrieben. „The Great Typo Hunt“. Muss ich nat├╝rlich haben, klaro. ­čÖé

the_great_typo_hunt

(Vielen Dank ├╝brigens an den formidablen @doppelfish, durch dessen Tweet ich heute diesen Artikel fand.)

Frisch aus T├Âchterchen Liebreizens (8) Feder und auf dem Weg in die Bestsellerlisten: der „Ratschlager f├╝r Junghexen“. Ein Standardwerk f├╝r Junghexen, die etwas auf sich halten!

ratschlager

(Sie meinen, es m├╝sste „RatGEBER“ hei├čen? Da sindse aber auf dem Holzweg. Findet die Liebreizende.)