Was Stephen Fry über lebende Sprache sagt.

Wow, was für ein Text. Über Sprache. Lebendige, sich entwickelnde Sprache, um genau zu sein, die eben nicht jahrhundertelang gleich bleibt und bei der es deshalb keinen Sinn macht*, auf jahrhundertealten Regelungen herumzureiten. Dieses von Matt Rogers wundervoll typografisch umgesetzte Exzerpt aus einem Podcast des britischen Schriftstellers, Drehbuchautors, Regisseurs und Schauspielers Stephen Fry ist ein Plädoyer dafür, der Sprache ihre Veränderung zu gewähren. Ein Plädoyer dafür, neue Strömungen auch mal wohlwollend in Augenschein zu nehmen, sie auf fruchtbaren Boden fallen zu lassen und zu sehen, was daraus keimt. Mit Worten zu spielen, wenn es dem Rahmen ihrer Verwendung dient. Neues zu erschaffen, mit Sprache zu kitzeln, zu verführen, zu provozieren. Stephen Fry erklärt die selbst ernannten „guardians of language“, die solche Wortgeburten mit einem missbilligenden Kopfschütteln betrachten, zu furzlangweiligen Spießern:

„Do they ever yoke impossible words together for the sound-sex of it? I doubt it. They’re too farting busy sneering at a greengrocer’s less than perfect use of the apostrophe.“

*haha! Ertappt! „Sinn machen“ schrub ich! Böse, böse – das sollte eine Texterin doch nicht verwenden! Und ich tue es doch. 😉

Ich persönlich finde z.B. manche Anglizismen durchaus verwendenswert. Warum sollte ich den phonetisch perfekten „Laptop“ zugunsten des gartengerätehaft anmutenden „Klapprechners“ über Bord werfen? Auch empfinde ich den Ausdruck „Sinn machen“ als irgendwie stärker, ja aktiver denn „Sinn ergeben“ und verwende ihn je nach Laune neben seiner korrekten deutschen Form. Wie verwegen! 🙂 Meinen Texten hat das bisher keinen Abbruch getan, jedenfalls hat bis heute keiner gemeckert.

„Oho“, sagen Sie, „und das aus dem Munde einer bekennenden Rechtschreibfetischistin!“? Sie haben ja Recht. Echte, richtig doll doofe und falsche Fehler lasse ich ja auch nicht durchgehen. Aber diese Diskussionsfälle, wo es nicht um Falsch und Richtig geht, sondern darum, ob ein Ausdruck, ein Wort, ein Wortgebilde vielleicht tatsächlich besser sein könnte als das Original … wenn er etwa direkt das Kopfkino anknipst, statt nur zu beschreiben … da bin ich eben flexibel. Und neugierig. Weil Sprache lebt, Trends unterliegt und – wie ich finde – ein legitimes Transportmittel für Persönlickeit sein darf. Sich dem zu verleugnen, würde Stillstand bedeuten. Und auf den habe ich keine Lust. PAMM!

5 Comments

  • Ute

    Dem stimme ich zumindest zum Teil zu.

    Ich denke allerdings auch gerne an die Braut im Hochzeitsforum, die sich bitterlich beklagte, daß sie ja über die Suchmaschinen gar keine Infos zum Theme „Einwegkammeras“ finden könne. Oder an die andere Dame, der man partout nicht begreiflich machen konnte, daß die guten Infoseiten über Zuckerkrankheit eben mit dem Stichwort „Diabet.e.s“ zu finden sind – nicht unter „Diabet.i.s“.

    Das sind zwar eher zwei der gravierenden Rechtschreibfehler, die Du oben angesprochen hast, aber es ist ein schönes Beispiel, warum es nicht immer die schlechteste Wahl ist, sprachliche Konventionen einzuhalten. Neue Wortgebilde mögen originell und vielleicht sogar aussagekräftig sein, aber man muß sich schon gut überlegen, ob denn auch die Nachricht überhaupt noch ankommt, wenn man auf Biegen und Brechen Eigenkreationen benutzt. 🙂

  • Fiona

    Hach, schmacht, Stephen Fry ist der Beste. Einen ähnlichen Text findet man auch in seinem „Paperweight“. Zum Totlachen!

  • text-burger

    Stephie!!!! Ich liebe ihn. Danke Lilian für deinen Post. Die Diskussion mit dem Klapprechner und dem Laptop ist mir auch schon mal unter gekommen. Ich bin froh, dass ich so viel Phantasie besitze, dass ich mit Sprache kreativ umgehen kann. Dann erfinde ich auch gern mal Worte, wenn es z.B. ein Geräusch treffender umschreibt. Wenn es gut gewählt ist, versteht es auch jeder. Deswegen werfe ich ja nicht gleich alles über den Haufen. Aber das ist ein spannendes Feld. Es gibt solche und solche Verfechter. Aber alles, was zu starr wird, gerät engstirnig. Finde ich. Maß halten hat auch was mit Sprache zu tun.

  • Bernd

    Ich teile Deine Ansicht voll und ganz. Obendrein war ich überwältigt von Stephen Frys Erzählkunst und von seinem Talent, einen Text so vorzutragen, dass man dem Sprecher förmlich an den Lippen klebt. Stundenlang könnte ich seiner Stimme und seinem Englisch lauschen. Aber: Was Fry über die lebende Sprache sagt, teile ich – ähnlich wie Ute in ihrem Kommentar Nr. 1 – nur ansatzweise.

    Ja, Sprache lebt. Das muss auch so sein, damit sich eine Gesellschaft weiterentwickeln kann. Neue Wortschöpfungen, Umdeutungen von Begriffen und auch zeitgemäße Anpassungen von Orthografie und Grammatik haben ihre Daseinsberechtigung. Aber: Sprache ist doch viel mehr als nur reine Inhaltsvermittlung. Sprache besitzt ihre ganz eigene Ästhetik, sie kann manipulieren, kann Wert- oder Geringschätzung ausdrücken, sie kann Gefühle vermitteln, sie kann provozieren. Sprache ist Kommunikationsmittel, aber auch Kunst. Sie kann sowohl trivial sein als auch äußerst komplex.

    Es hat meines Erachtens nichts mit Pedanterie zu tun, wenn man den Nuancenreichtum und die Feinheit einer Sprache zu bewahren versucht und in gewisser Weise sogar dafür kämpft, dass sich die (Mutter-)Sprache nicht auf ein Mindestvokabular ohne Regelwerk verstümmeln lässt. Dazu gehört meiner Meinung nach aber auch das Einhalten von Konventionen, die im Laufe der Zeit aus unterschiedlichsten Gründen getroffen wurden. Gerade das bewusste Brechen dieser Übereinkünfte kann dann aber wiederum zu einem eigenen Stilmittel der Kommunikation werden. Viele vermeintlich starre Regeln ermöglichen es doch überhaupt erst, nackten Inhalten den gewünschten Feinschliff zu geben. Den rein praktischen Nutzen solcher Regeln hat Ute in ihrem Kommentar anhand der Beispiele schon deutlich gemacht.

    Mit der Sprache ist es doch wie mit einem guten Wein. Natürlich schmeckt auch der Rote für 2,99 Euro vom Discounter irgendwie nach Wein. Wer aber echten Genuss schätzt, weiß, dass er dafür ein paar Euro mehr auf den Tisch legen muss. Besoffen machen am Ende beide.

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