Über die Dankbarkeit.

Gestern war ein komischer Tag. Überhaupt bin ich seit Wochen in einem komischen Zustand (und nein, ich bin nicht schwanger). Atemlos fühle ich mich irgendwie, ganz nah am Wasser gebaut, aufmerksamer als sonst – fast so, als wäre ich auf der Suche nach etwas und hätte gleichzeitig Angst davor.

Viele meiner Gedanken drehen sich um Familie, um meine Kinder vor allem. Wir haben im Moment viel Ärger mit ihnen – kein Wunder, der Turbosohn pubertiert und für Töchterchen Liebreiz wurde der Begriff „Traumsuse“ erfunden. Viel Ärger bedeutet viel schimpfen, sie sehr oft sehr doof finden, sich manchmal auf eine einsame Insel wünschen und jeden kinderlosen Menschen davor warnen, sich das jemals anzutun. Das ist natürlich Blödsinn, denn naturbedingt liebe ich meine Brut selbst in den grässlichsten Situationen mehr als mein Leben … aber ich ertappe mich doch immer wieder dabei, an ihnen herumzukritisieren, sie für unfähig der Sache X, Y oder Z zu befinden oder einfach nur genervt mit den Augen zu rollen. Gestern nun postete @saripari auf Twitter einen Link zu einer preisgekrönten Fotostrecke der Fotografin Renée C. Byer aus dem Jahr 2007. Sie heißt „A mother’s journey“ und dokumentiert die letzten Monate eines krebskranken Teenagers, der von seiner alleinerziehenden Mutter bis zum letzten Atemzug begleitet wird.

a_mothers_journey

Der Verfall des Jungen, seine unmenschlichen Schmerzen, das Aufblitzen von Lebensfreude trotz allem. Die unumstößliche Liebe dieser Mutter, ihr schwerer Weg an der Seite ihres sterbenden Kindes und am Schluss der viel zu kleine Sarg (ein Sarg darf doch nicht so klein sein, dass ein Kind reinpasst!) trieben mir in Sekundenschnelle heiße Tränen in die Augen. Stundenlang war ich arbeitsunfähig, immer wieder brachen wahre Sturzbäche aus mir heraus – doch nicht allein vor Bestürzung und Mitleid, sondern auch und vor allem aus einer Dankbarkeit, die mich beinahe sprengte.

Dankbarkeit wofür? Für meine Kinder, die vollständig gesund sind! Sie sind so gesund, dass sie super Leistungen im Geräteturnen erbringen. Sie sind so gesund, dass sie in der Schule gut mitkommen und Baumhäuser bauen. Ja, sie sind sogar so gesund, dass sie uns auf die Palme treiben und dabei noch frech lachen können. ICH HABE ZWEI GESUNDE KINDER!!! Das ist alles andere als selbstverständlich. Mein Unfall vor 10 Jahren und verschiedenste Schicksale in unserem Bekanntenkreis haben mich schon oft dankbar sein lassen für das, was wir haben. Aber seit ich die Bilder von Renée C. Byer gesehen habe, hat diese Dankbarkeit eine völlig neue Qualität bekommen. Es hat nicht „klick“ gemacht … das war eher ein donnerhallartiges „RATSCH!“.

Ich habe beschlossen, mir und uns das Leben nicht mehr mies machen zu lassen. Es gibt in meiner Umgebung Menschen, die das – bewusst oder unbewusst – versuchen. Sie werden keinen Erfolg mehr damit haben. (Wer dazu etwas lesen möchte, dem sei ein großartiger Artikel von Andreas Lebert in der „ZEIT“ empfohlen – ein Auszug aus seinem Buch „Der Ernst des Lebens und was man dagegen tun muss“.)

Ich habe zudem beschlossen, mein Leben und das meiner Kinder als das größte Geschenk der Welt zu betrachten. Ich habe beschlossen, meinen sowieso schon ausgeprägten Optimismus nicht mehr nur passiv, sondern durchaus kämpferisch einzusetzen.

„Da es förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein“,

sagte ja bereits Voltaire und auch dazu habe ich schon einmal gebloggt. Ich denke nach wie vor so, aber es ist mir seit gestern nicht mehr genug. Mein Plan heißt Ausmisten. Und zwar nicht die Schublade da hinten rechts, sondern Menschen. Mitmenschen, die mir das Leben schwer machen. Kunden, die meine gute Leistung für schlechtes Honorar abgreifen wollen. „Freunde“, die ausschließlich dann daherkommen, wenn sie etwas brauchen, sonst aber nie. Verkäufer, die ihre grässliche private Laune an mir auslassen wollen. All diese Zeitgenossen bekommen von mir ein letztes freundliches Lächeln sowie eine klare Ansage … und weg bin ich.

Das ist jedenfalls der Plan. Zu dem auch gehört, dass ich meine Kinder bei jeder nur möglichen Gelegenheit die Freude spüren lasse, die ich an ihrem puren Dasein habe – auch wenn sie sich gerade wieder mal total danebenbenehmen. Mir ist klar, dass das bei Weitem nicht immer klappen wird, aber ich gebe mein Bestes.

Jede Minute genießen und versuchen, gute Spuren zu hinterlassen. Ja, das ist der Plan.

31 Comments

  • frenja

    Na toll, jetzt heule ich auch. Absolut wahre Worte, ich unterschreibe jedes einzelne.

  • Miriam

    Guter Plan und sehr schön geschrieben. Manchmal muss man einfach daran erinnert werden, wie wertvoll unser Leben und das unserer Lieben ist.
    Enjoy!

  • Volkmar

    Ein guter Plan.So muss man leben.Ich bin berührt von Deinem Text.Auch weil es mir auch so geht.Und weil ich meinen Sohn mehr als alles liebe,egal wie er grad drauf ist.Und ich bin dankbar dass er gesund ist und dass wir uns erleben dürfen.
    Danke für diesen tollen Blogeintrag.
    Jede Minute geniessen und versuchen, gute Spuren zu hinterlassen. Diesen Satz werd ich mitnehmen. Danke dafür.

  • Caro

    Habe keine Kinder, aber einen geliebten Mann, Hund, Katze, nen knietiefen Dispo, einen guten Job, Gesundheit und nur wenige aber gute Freunde.Kurzum: Bin glücklich mit dem was ich habe! Ausmisten, auch Menschen gehört dennoch zum Älterwerden dazu, aber liebes Zicklein, wenn Du weiter so hart daran arbeitest, kannst Du auch bald keine Zicke mehr sein. Du wirst, über kurz oder lang, auch mit Deinen Kindern wieder zum Kind, und damit zum kleinen Zicklein, was Bocksprünge über die blühenden Wiesen des Lebens macht! Ich wünsche Dir dabei alles Gute!

  • Daniela

    Ich unterschreibe jedes Wort! Auch bei mir flossen die Tränen bei diesen bewegenden Bildern. Warum aber braucht es eigentlich immer wieder solche Anstöße von außen, damit man sich bewusst wird, wie wertvoll das ist, was man hat: Familie, Freunde, Menschen die einen lieben und die man selber liebt? Die Dankbarkeit geht viel zu oft und viel zu schnell wieder im Alltag verloren. Gut, dass man ab und zu daran erinnert wird. Deshalb danke für diesen Beitrag!

  • Biggi

    Liebste Textzicke,
    du bist gar keine Zicke. Du bist eine wunderwunderwunderbare Bloggerin und Schreiberin und Denkerin und Schlussfolgerin.
    Genau dieses Posting hab ich gebraucht und bin einfach nicht von selbst drauf gekommen.
    Ich mach dir jetzt mal was nach und probiere das auch mal mit dem Ausmisten. Danke!

  • sandra

    an schlechten tagen, sage ich mir immer wieder es hätte schlimmer kommen können …vieles hätte schlimmer werden können , doch das schicksal gab mir einen vorwitzigen tollen und frechen kleinen franzl 😀
    das mit dem ignorieren von denen die uns nur weh tun und nicht gut für uns sind bekommen wir auch noch hin 😉

    lg

  • textzicke

    Biggi, ich danke Dir. Du weißt hoffentlich, wie sehr ich Dich als Mensch und Mit-Textine schätze? Dann weißt Du auch, wie viel es mir bedeutet, Dich damit „erreicht“ zu haben. Und umso schöner, dass Du es gerade gut gebrauchen kannst! Alles wird gut. Alles, alles, alles. Und wir sind daran schuld. Ist das nicht wunderbar? 🙂

  • Carolina

    Liebe Textzicke, schön hast Du das geschrieben!
    Oft neigt man dazu, sich zu fragen, wann es endlich besser wird und dieser abwartende, hoffende Blick in die Zukunft verschleiert gerne einmal die Gegenwart. Wenn sich dieses und jenes ändert, dann, ja dann wird es besser. Sich Ziele zu stecken ist nie verkehrt, aber das, was man jetzt gerade hat, darf man darüber nicht aus den Augen verlieren. Es ist utopisch zu sagen, man lebt jeden Tag so, als ob es der letzte wäre, denn wir alle haben Pflichten, die es zu erfüllen gilt, ob wir nun mögen oder nicht. Aber ich bin ganz sicher, dass es an jedem Tag mindestens einen kleinen Grund gibt, der einen zum Lachen bringt und für den man dankbar sein kann.

    Und ich wünsche Dir genau JETZT einen wunderschönen und glücklichen Moment.

    Deine Carolina, die dankbar dafür ist, Dich als Freundin haben zu dürfen.

  • Magnus

    Ganz großer Text. Der hat mich selbst wieder zum Nachdenken über meine Kinder gebracht. Und, um einigen Kommentaren Recht zu geben: „Es ist nicht alles zickig, was Text ist“ – in diesem Fall passt dein Pseudonym ja nicht wirklich.

  • nina

    du sprichst mir aus der seele. vom ersten bis zum letzten wort
    ich danke dir!
    mehr solcher beiträge bitte 🙂

  • Arnd Klinkhart

    Och menno, ich wusste es vorher. Ich hätte es nicht lesen sollen. Jetzt bin ich im Heulen. Danke für das Teilen. Und halte durch mit Deinem Plan. Der einzig richtige Weg. Ich glaube, Deine Kinder haben eine tolle Mutter.

  • textzicke

    Mehr davon findest Du in den Kategorien „Wichtiges“, „Bewegendes“ und „Kinder“. Und es kommt immer wieder mal was.
    Manchmal muss es einfach raus, oder?

  • textzicke

    Danke. Daran zweifle ich zwar täglich, aber wichtig ist doch, dass man es versucht. Oder?

  • aebby

    Zuerst einmal „Hallo“ – das ist schließlich mein erster Kommentar hier. Ansonsten nur ein „Dankeschön“ für diesen Text.

  • judith

    Hallo Textzicke! Wow – so ehrlich und unverblümt schreibend – das habe ich noch nirgends gelesen. Gefällt mir. Gruß, Judith

  • jotembe

    Ich kann Voltaire nur voll und ganz beipflichten:
    “Da es förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein”.

    Ich möchte dies noch um zwei weitere Zitat-Sätze
    „Willst du glücklich sein im Leben, trage bei zu andrer Glück. Denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zurück.“
    (Quelle oder Autor nicht bekannt)

    Auch mich haben unsere drei inzwischen Großen so manchesmal schier auf alle verfügbaren Palmen treiben können. Ich freue mich aber, dass wir sie haben, und werde es ihnen nie nachtragen.

    Herzliche Grüße aus dem Land der Schwaben
    Jürgen M. Beith

  • calceola

    Ich habe den Text heute vormittag schon gelesen und brauchte bis jetzt um mich zu beruhigen. Der Plan ist toll und ich hoffe Du bleibst damit nicht allein.

    Man stelle sich vor ganz Viele wollen so weiter machen, dann wären ja auf einmal sehr viele nette Menschen unterwegs.

    Deine Kinder können sich glücklich schätzen, dass die Mama hin und wieder darüber nachdenkt und es zu solchen Erkenntnissen kommt.

    Wünsche maximales Vergnügen mit den Kindern und mit dem „ausmisten“. Danach geht es einem besser.

    cfb

  • binaschnecki

    Zum Video gibt es nichts zu sagen – es fehlen die Worte. Zu deinem Vorsatz, deinen Kindern dein Dankbarkeit für ihr Dasein zu zeigen, fällt mir ein Kalenderspruch ein, den ich irgendwo mal gelesen habe (und mir immer wieder ins Gedächtnis rufe, wenn’s mal wieder ganz schlimm ist):

    Kinder brauchen Liebe – ganz besonders dann, wenn sie sie gerade nicht verdienen!

  • wandklex Ingrid

    Liebe Lilian,
    normalerweise bin ich auch nie um einen ausführlichen und dezidierten Kommentar verlegen.
    Hier muss ein „Danke, das ist genau das was ich gerade brauche“ fast schon reichen, weil es mich persönlich so stark betrifft dass mir jedes Wort blöd vorkommt.
    Lilian, ich schätze Dich sehr, das weißt Du.
    Als Mensch, als Texterin sowieso. Und seit heute auch noch für etwas Namenloses, Intuitives, Rechtzeitiges und Not-Wendiges, das mir genau das „Etwas“ in mir wiederfinden lässt, nach dem ich seit langem suche. (Benutzen muss ichs schon selber, klar – aber danke fürs Findenhelfen!)
    Sei herzlich umarmt von
    Deiner Ingrid

  • Uwe Richel

    Du hast alles gesagt und man sollte sich jeden Tag daran erinnern! Danke

  • Tina

    Hallo,
    ich habe genau diesen Plan vor ein paar Jahren in die Tat umgesetzt und ich fühle mich so sauwohl dabei! Ich wünsche Dir viel Kraft! Es ist anstrengend und nicht leicht unliebsame Menschen auch mal vor den Kopf zu stoßen. Und es ist ein Balanceakt nur noch Dinge zu tun, die einem gut tun ohne dabei egoistisch zu sein. Aber es lohnt sich!!
    Liebe Grüße Tina

  • Sofia

    Der Bericht ist so toll geschrieben. Welche Schicksale manche Familien erleiden müssen, da sollte man doch ab und an dankbar sein.

  • Markus

    Ich sehe das genauso. Auch ich habe zwei !gesunde! Kinder (Zwillinge, 22 Monate alt) und ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass sie wild sind, denn ein gesundes Kind ist eben so. Deine Worte haben mich sehr berührt.

    Und „ausmisten“ ist ein guter Plan, ein sehr guter. Räume alles auf und sei für Deine Familie da. Ich habe es genauso gemacht.

    Alles Liebe

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