„Er ist seit einem Unfall an den Rollstuhl gefesselt.“
„Trotz ihrer Behinderung strahlt sie Lebensfreude aus.“
„Tapfer meistert sie ihr Schicksal.“

Nett gemeinte Sätze wie diese lesen wir in Berichten über Menschen mit Behinderung täglich. Dass sie bei den – haha – „Betroffenen“ (merken Sie was?) das genaue Gegenteil bewirken, ist den Artikelschreibern selten bewusst.
Warum? Weil Menschen, die eben aus diesen oder jenen Gründen „anders“ (waaahhh!) sind, allermeistens kein Mitleid wollen – und erst recht keine mitleidige Berichterstattung!

Ganz im Sinne der Inklusion hat die Seite leidmedien.de nun Tipps und Meinungen zusammengetragen, die für das Thema „Berichten über Menschen mit Behinderung“ sensibilisieren sollen.

Zum Beispiel kommentiert der Rolli-Fahrer Michael Z. aus Berlin den „an den Rollstuhl gefesselt“-Satz so:

„Ein Rollstuhl ist keine Einschränkung, sondern ein Fortbewegungsmittel. Sollten Sie tatsächlich jemanden treffen, der an den Rollstuhl gefesselt ist, binden Sie ihn los!“

Er hat Recht. Natürlich! Aber auf die Idee muss man ja erstmal kommen, wenn man selbst auf zwei gesunden Beinen durch die Gegend hopst. Auch dass der völlig geläufige Ausdruck „geistig behindert“ viel unfreundlicher – und unrealistischer! – ist als einfach „Mensch mit Lernschwierigkeiten“, liegt normal Begabten (halt! Darf ich das denn nun wieder sagen oder nicht?) zunächst fern.

Sie sehen schon: Selbst mir als professioneller Texterin fällt es schwer, Stereotypien beim Schreiben oder Erzählen zu vermeiden. Dabei sind mehrere meiner Freunde und Kollegen gehörlos, blind oder gehbehindert. Meine Kinder besuchen eine Montessorischule, in der Inklusion gelebt wird, und sind völlig selbstverständlich auch mit den „Integrationskindern“ befreundet.  In unserem Bekanntenkreis gibt es mehrere absolut wunderbare Down-Kinder – Sie wissen schon, die mit dem „gewissen Extra“. Der Umgang mit Behinderung ist mir also nicht fremd. Ich sehe, dass alle diese Menschen mehr oder minder lebenslustig sind, mehr oder minder funktionierende Beziehungen haben und einer mehr oder minder geregelten Arbeit nachgehen. Genau wie wir „Normalos“ eben auch, herrjeh nochmal.
Mir ist all das klar, und trotzdem ertappe ich mich bei der Verwendung unsensibler oder wenig durchdachter Formulierungen. Um genau zu sein: Ist die viel beschworene Awareness erstmal da, klingt eigentlich alles, was man bisher so sagte, doof. Aber ich bleibe dran! 😉

Auf leidmedien.de heißt es sehr eindringlich:

„Beiträge, die alleine die Behinderung eines Menschen thematisieren, wirken reduzierend. Inklusion heißt auch, erst einmal danach zu fragen, was eine Person macht, denkt oder sagt, und erst dann danach, was sie ist. Schließlich werden behinderte Menschen oft viel weniger von ihrem Körper geprägt, als von der Welt in der sie leben – mit all ihren Barrieren und gesellschaftlichen Behinderungen.“

Dazu muss man eigentlich nicht viel mehr sagen, oder? In den FAQ der sehr informativen Seite finden deshalb interessierte Journalisten, Texter und Autoren Hinweise darauf, wie man die Berichterstattung über Menschen mit Behinderung mit maximalem Fingerspitzengefühl anpacken kann. In den journalistischen Tipps beantworten die Seitenbetreiber Fragen über die sinnvolle Themenfindung, gute Interviews und Begriffsdefinitionen. Und nein, es geht dabei nicht um political correctness.

Fazit: leidmedien.de ist ein wichtiges, engagiertes und gut gemachtes Informationsportal für alle, die mit Sprache arbeiten und anderen Menschen mit größtmöglichem Respekt begegnen wollen. Ich kann nur empfehlen, sich mal ein, zwei Stündchen Zeit zu nehmen und die Seite aufmerksam zu durchsurfen. Aus Gründen.

PS: Vielen Dank an @nikanaaa, durch deren Tweet ich auf diese Website gestoßen bin!
(By the way: Lest ihr Blog; es ist toll!)

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