Leben? Ja! Kids with a little extra.

Nicht jeder Mensch wird mit einem perfekten Chromosomensatz geboren. Einer der häufigsten Chromosomendefekte ist die Trisomie 21, auch Down-Syndrom (früher: Mongoloismus) genannt. Die Diagnose ist für werdende Eltern meist ein Schock; nicht jeder kann sich das Leben mit einem Kind vorstellen, das sowohl im Aussehen als auch in der Entwicklung aus der Reihe tanzt. Fakt ist aber: „Downies“ sind zu einem überwältigenden Teil echte Sonnenscheine, die das Leben aller Beteiligten, trotz mancher Einschränkungen, bereichern und mit ihrer positiven Lebensfreude viele Herzen im Sturm erobern.

Auch ich, wie wahrscheinlich die meisten, hatte trotzdem immer irgendwie Angst, uns „könnte das passieren“. Auch Mitleid mit mir bekannten „Betroffenen“ war schon mal drin (Seite an Seite mit Ehrfurcht vor ihrer elterlichen Leistung). Ein Down-Kind haben, uh, wie heftig – ob ich das wohl könnte?

So dachte ich bis gerade eben. Bis ich über das Blog der Stuttgarter Fotografin Conny Wenk stolperte. Sie ist selbst Mutter einer Tochter mit Trisomie 21, und sie hat ihr großartiges Fotografie-Projekt nicht umsonst „A little extra“ getauft. Das überzählige Chromosom als Zusatzfeature, nicht als Fehler … was für ein wundervoller Gedanke! Nicht vorstellbar, dass auch nur eines dieser Kinder abgetrieben worden wäre. Was für ein Geschenk sie doch sind.

In der Einleitung ihrer englischsprachigen Website schreibt sie:

„I believe there’s something magical about the 47th chromosome. In the last six years I have been privileged to photograph some of the most beautiful kids on this planet who happen to have a little extra in their chromosomal make-up.“

Die Liebe, die in diesen Worten steckt, potenziert sich in jedem einzelnen Bild. Conny Wenk fotografiert Kinder mit Down-Syndrom. In all ihrer Unbeschwertheit, mit oder ohne ihre Familien, in allen möglichen Alltagssituationen. Das Ergebnis sind Bilder voll von sprudelnder Liebe, funkelnder Lebenslust und unumstößlichem Optimismus. Diese Kinder sind – wie Conny Wenk schon sagt – unfassbar schön. Ihnen fehlt, noch mehr als anderen Kindern, jede Verstelltheit und jede Schwere. Sie leben im Hier und Jetzt, ihr Glück des Augenblicks ist vollkommen. Das sieht man ihnen an. Durchklicken und staunen:

Mich haben die Fotos auf eine sehr besondere Weise berührt. Zum ersten Mal fühlt sich der Gedanke an ein Leben mit Kindern abseits der Norm völlig, aber auch völlig okay an.

(Anmerkung: Ich bin natürlich dankbar bis zum Mond und wieder zurück, dass der Turbosohn und Töchterchen Liebreiz gesund sind. Aber behinderte Kinder werden immer wieder geboren, auch in meinem Bekanntenkreis – und da ist es auch als nur mittelbar Beteiligte wichtig, derart positive Impulse aufzunehmen. Finde ich. Und wer weiß, in meinem nächsten Leben …? Angst habe ich jedenfalls nicht mehr.)

Titelblatt des Kalenders "A little extra 2011"Übrigens: Conny Wenk hat aus ihren schönsten Motiven einen Kalender 2011 gemacht sowie das absolut zauberhafte Buch „Freundschaft“. Speziell an Väter von Kindern mit Down-Syndrom richtet sich das Fotobuch „Außergewöhnlich: Väterglück“. Ach was – ihre Bücher sind alle großartig! Stöbern Sie deshalb hier!

13 Comments

  • Mela

    Zumal auch der erste Mensch mit Downsyndrom und Abitur beweist: es ist nichts unmöglich … es ist für die meisten Menschen nur undenkbar.

    Down Kinder brauchen schlicht mehr Förderung, dann können sie viel mehr erreichen als ihnen immer zugeschrieben wurde.

    Die Politik sie nur ja früh in rundum betreute Heime zu stecken.. die hat ihnen nicht gut getan.

  • poetin

    liebe lilian,

    ich habe in paris mit behinderten menschen leben und arbeiten dürfen. wenn ich die photos sehe, ist das glück von damals wieder sehr präsent in mir. danke für den hinweis.
    ein wunderbarer film darüber, was im leben wirklich zählt, ist übrigens „le huitième jour/am achten tag“, in dem pascal duquenne (mit trisomie 21) als georges daniel auteuil (ohne trisomie 21) als henri mit seiner lebenswelt konfrontiert und sein herz erobert. leider nicht auf deutsch, aber für die nicht französischsprachigen immerhin englisch synchronisiert.
    lilith

  • Martina

    Hallo liebe @Textzicke,

    ich möchte Dir erstmal für diesen ehrlich Blogeintrag danken.

    Ich arbeite neben meinem Psychologie-Studium, ein paar Stunden in der Woche,
    an einer Förderschule und betreue dort Kinder, die vielleicht etwas mehr besondere Fürsorge brauchen. Darunter sind Autisten, Kinder mit Epilepsie, Kinder mit ADS/ADHS und auch „Downies“.
    Als ich den Job vor ca. 3 Jahren angefangen habe, war in der ersten Zeit sehr skeptisch, ob es das Richtige für mich ist. Ich hatte ziemliche Berührungsängste und auch Angst etwas falsch zu machen.
    Heute weiß ich, dass es der beste Job ist, der mit passieren konnte.
    Ich habe viel gelernt, für mich und mein Leben. Und ich habe erst hier gemerkt, dass auch die kleinsten Kleinigkeiten einen Menschen glücklich machen können!

    Viele Grüße,
    Martina ( @MissFortuni )

  • sandra

    guten morgen 🙂

    Ich habe noch einen Filmtipp , der auch super dazu passt „me too“ (http://www.movienetfilm.de/metoo/)!!!
    Ich hatte das Glück in einer integrativen Klasse gewesen zu sein, 4 Jahre lang mit einem Jungen , der das downsyndrom hatte. Ich finde es schade, dass ein Kind mit Handicap letztendlich doch meist nicht in „normalen“ Schulen landet. Denn für gesunde Kinder und der Eltern wäre es eine positive Erfahrung , dass man mit Kindern / Menschen mit Behinderung sehr gut zusammenleben kann und sich auch nicht so extremst einschränken muß!
    Die Fotos sind toll, durch Facebook kenn ich auch einige Mütter mit Kindern mit DownSyndrom und alle sind tolle Eltern und tolle Kinder 😀

    lg , sandra

  • Zartbeseitet

    Danke für den Artikel, Textzicke! 🙂
    Klicke mich gerade durch die Gallery von Conny und die Bilder sind so wunderschön. Hach.

  • Lakritze

    Wunderbar.

    Ich habe in vielen verschiedenen Situationen mit Down-Kindern und -Erwachsenen zu tun gehabt und sie meist schnell ins Herz geschlossen. Conny Wenks Fotos fangen ein, was diese Menschen auszeichnet.

  • Hermann

    ich konnte nie was mit behinderten Kindern / Erwachsenen anfangen. Irgendwie habe ich immer versucht Ihnen aus den Weg zu gehen, weil ich nicht wußte wie ich mit Ihnen umgehen sollte.

    Das hat sich bei dann 2006 geändert, unsere Pia wurde geboren. Wir wußten schon vor Pias Geburt das sie Trisomie 21 hat. Seitdem sie da ist sehe ich behinderte Menschen mit anderen Augen.

  • Miriam

    Liebe Textzicke,

    ich danke Dir für diesen Link zu diesen wunderbaren Fotos. Ich habe ihn gleich meiner Bekannten, die im August (wissentlich) ein Kind mit Trisomie 8 geboren hat, weitergeleitet. Wir sprechen immer nur von besonderen Kindern, denn gehandicapt oder behindert bezieht sich doch schon auf eine (fragwürdige )Norm. 😉

    Bloggte ebenfalls zum ähnlichen Thema im vergangenen Mai: http://miriamfunk.online.de/2010/05/02/ein-kind-gerne-aber-bitte-gesund/

    Liebste Grüße

    Miriam

  • Maik

    Lehrreicher Post. Bereichernd, wenn man sowas auch mal aus einem anderen Blickwinkel ansehen kann.

  • Stjama

    Vielen Dank für diesen wunderbaren Link! Mir geht es genauso: Angst hätte ich keine mehr.

    Liebe Grüße,
    Stjama

  • Sonea Sonnenschein

    Vielen Dank für diese wunderbaren Worte als „Nicht-Betroffene“.

    Ganz liebe Grüße
    Katharina

    P.S. ich werde den Post mal an Conny weiterleiten. Sie wird sich sicherlich riesig freuen 🙂

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