Glosse: Telefonierverhalten mit Kindern.

Ich bin Freiberuflerin. Werbetexterin, um genau zu sein. Und ich habe Kinder, zwei an der Zahl. Die ich sehr liebe, wohlgemerkt – was mich aber nicht im Geringsten daran hindert, sie manchmal herzhaft zu verfluchen! Zum Beispiel dann, wenn ich eigentlich mit einem Kunden telefonieren müsste. So geschehen, als Töchterchen Liebreiz süße vier Jahre alt war:

Mit den Kindern im Schlepptau betrete ich soeben den Flur, lasse Taschen, Rucksäcke & Co. fallen und winde mich mit einem Arm aus der Jacke. Töchterlein Liebreiz, 4 Jahre, zickt wie immer und wegen allem. Da klingelt das Telefon. Ich eile, die Jacke noch an einem Ärmel am Boden nachschleifend, mit dem „Schnurlosen“ ins Büro, um eine Tür hinter mir schließen zu können. Denn auf dem Display – hurra! – sehe ich die Nummer meines derzeit zahlungskräftigsten Kunden, auf dessen Rückruf ich dringend warte. Ziemlich dringend, um genau zu sein, denn es geht um die Honorarabstimmung für ein neues, großes, sehr lukratives und obendrein prestigeträchtiges Projekt. Ein kleiner Exkurs: Dieser Kunde ist wirklich, wirklich nett. Er weiß, dass ich meinen Job gut mache, und auch um meine Mutterschaft. Er kann sich deshalb denken, dass bei Anrufen am offiziell bürofreien Nachmittag fast grundsätzlich mit kindlichem Hintergrundgeblöke zu rechnen ist. Unsere Gespräche beginnen deshalb immer mit einem freundlichen „Geht´s denn gerade?“ Nun ja. Aber zurück zur versprochenen Peinlichkeits-Anekdote.

Ich verkrümle mich also unter dem Protest meiner zickenden Nachfahrin ins Büro. Das Telefon klemmt bereits zwischen Ohr und Schulter, ich habe bereits abgehoben und mich freudig-halbprofessionell gemeldet. Doch leider vermasselt mir nun die Jacke voll die Tour, indem sie mit ihrem am Handgelenk baumelnden Gewicht die den Hörer einklemmende Schulter herunterzieht. Sie ahnen es: Natürlich kracht das Telefon auf den Boden. Kunde: „Hallo? Hallo, Frau Kura? Ist Ihnen was passiert?“. Ächzend, weil die Hose kneift, hebe ich den Hörer auf und sage so lässig wie möglich „ups, Entschuldigung, mir ist bloß gerade das Telefon ausgekommen.“ Währenddessen hat sich Miss Hollywood, an der Klinke hängend, mehrmals voller Wut mit der ganzen Wucht ihrer 14 Kilo gegen die Bürotür geschmissen; diese ist jetzt offen, und nun steht das kleine Ungetüm gerade mal einen Meter vor mir und plärrt ungefiltert aus Leibeskräften:

„MAMAAAAA! Du sollst KOMMEN! Meine SCHEIDE JUCKT!!!! Tu eine CREME drauf!!!!“ Der Kunde: „Sind Sie sicher, dass ich nicht lieber in zehn Minuten nochmal anrufen soll?“ Fragen Sie jetzt nicht, welcher Teufel mich geritten hat (wahrscheinlich wollte ich mir einen letzten Rest Würde bewahren oder so), dass ich meinte: „Nein, nein, das geht schon.“ Hätte ich doch bloß nicht … denn als mein Geldgeber nun loslegt mit den wichtigen Details des aktuellen Auftrags, krabbelt der allover in Rosa gewandete, als Vierjährige verkleidete Satansbraten auf meinen Schoß und versucht es mit der Schmusenummer. Kennen Sie die Mama-telefoniert-Schmusenummer? Ort des Geschehens ist grundsätzlich diejenige Backe, welche der Sprechmuschel am nähesten ist. Dabei wird lauthals geschnauft und geflüstert, Konzentration: unmöglich. Ich bedecke also den Hörer vermeintlich schalldicht mit der Hand und zische bösartig: „Halt jetzt die Klappe!“ … wovon sich der Kunde leider angesprochen fühlt. Aber nein, natürlich galt das der kleinen Zicke hier, wiegle ich ab, und uff: er lacht. Ich, die inkompetenteste Mutter aller Zeiten, sitze jedoch da mit hochroter Birne: zuerst der Telefonabsturz. Dann die juckenden Geschlechtsteile. Und schließlich eine energische Zurechtweisung im Xanthippen-Ton. Au weia …

Wie es weiterging, wollen Sie wissen? Der gute Mann hat so gelacht, dass er nur noch japsen konnte: „Wissen Sie was? Ich fasse Ihnen das alles einfach in einer schönen Mail zusammen. Und Sie gehen jetzt mal lieber spielen, damit da a Ruh ist.“

Ja, ich MAG diesen Kunden.

13 Comments

  • Textaroma

    Sehr anschaulich. Sehr wahr. Leider ergeht es mir mit Teenies in meinem Wohn-Schlaf-Arbeitszimmer während des Arbeitens nicht viel besser: endlose Telefon-Blockaden, zwanghaftes Gilmore-Girls-Gucken, Beschwerden über angeblich zu rare, meist aber „falsche“ Kühlschrankinhalte, heftige Geräuschkulissen währdend Telefoninterviews et cetera…

  • kasiwortundbild

    Hab soeben Tränen gelacht. Und ich dachte immer, so etwas gibt es nur bei mir… Mein Thronfolger hat unlängst zu einem zurückrufenden Bürgermeister, den ich für ein wichtiges Feature brauchte, eiskalt gesagt: „Wer bist Du? Und Müller heißt Du? Ach weißt Du, meine Mama ist eigentlich gar nie da.“ Schön. Dann wissen gleich alle, dass Du bei Deinem Erziehungsauftrag versagt hast. Danke für den tollen Text und die moralische Unterstützung! Ich bin nicht allein.

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  • schalalaoleole

    Herrlich! Habe sehr gelacht. Hab auch schon eine Menge erlebt mit meinen beiden Überkindern. Aber „Meine Scheide juckt“ toppt wirklich alles. Großartig! Weiter so.

  • tsrafouin

    ich musste breit grinsen.
    als ich ungefähr in diesem Alter war, hab ich meine Mutter mal kräftig in den Hintern gebissen, weil sie elend lange telefonierte und ich was von ihr wollte. ich glaube auch heute noch zu sehen, dass sie ihren Hintern von mir wegdreht wenn ich ins Wohnzimmer komme und sie gerade am Telefon ist… 😉

  • Sven

    Hm, warum kommt mir das so bekannt vor?

    Bei den Kleinen Rackern (2+5) ist es manchmal ähnlich. Gerade dann muss Papa Lego zusammenbauen oder es muss gerade jetzt was zu trinken sein.

    Aber mit dem Headset und dann zwei freien Händen vermeidet man einen steifen Nacken!

    Und, mittlerweile… der Kleine will was, kommt der große hinterher und sagt „Psst, Papa telefoniert“. wobei das manchmal aus so laut, das der Gegenüber genau das hört und nicht die Frage des kleinen Bruders.

    Aber auch bei mir- ich liebe meine Kunden und die sind so nett. :-)))

  • redaktion42

    Sehr gelacht, danke schön. Wir haben bei uns die Regelung: Wenn Papa im Dach im Arbeitszimmer ist, dann ist die Klappe zu. Wir haben seit klein auf eingeübt und bei mir klappt es, doch wenn Muttern kommt, ist die Disziplin vorbei: MAMA, wo ist die MAMA!

  • seebaerkiel

    Ganz ehrlich? Willkommen in meiner Welt…
    Ein Kunde hat mich gerade heute gefragt, warum ich denn meiner Tochter nix zu essen geben würde.
    Vielleicht war ihr Schmatzen direkt neben dem Hörer ein BISSCHEN zu laut…

  • Idalia Slutsky

    Die Seite ist klasse, leider sind bei mir die Ladezeiten ziemlich lang. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass es an meiner Leitung liegt, die meisten anderen Web sites laden sehr schnell. Haben andere Leser auch diese Erfahrung gemacht?.

  • Tina

    sehr sehr schön! ich habe es auch erst heute entdeckt! mein sohn hat die angewohnheit vor mir ans telefon zu rennen und sich dann gerne mal mit „pizza-service“ oder „der imperator“ zu melden. auch schön, wenn kunden dran sind 🙂

  • calceola

    Ich bin nicht allein – danke.

    Im Homeoffice sitzen, die Kinder sind in ihrem Zen, spielen seit geraumer Zeit vollkommen ruhig. Die Mama ist kurz mal weg, mit dem Hund, Einkaufen, was auch immer, es ist still und ich kann wunderbar arbeiten.

    Das Telefon geht und innerhalb von Sekunden haben die Kinder Durst, müssen auf die Toilette, wollen Fernsehen, fangen an zu streiten, langweilen sich.

    Wirklich wunderbar ist der Gegensatz dazu, wenn die Kinder den Nachmittag mit streiten, maulen, sich langweilen und laut sein verbracht haben und man dann gemeinsam weg will. Dann spielen die Kinder in ihrem Zen und sind erbost darüber wie man sie jetzt stören kann.

    p.s.: Wir sagen dazu „In ihrem Zen“ wenn die Kinder die Welt vergessend mit der Brio spielen, am Puppenhaus stehen etc.

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