Glosse: Melkfett.

20. Mai 2009

Neulich bei der RĂŒckenmassage. Ich liege mehr oder weniger entspannt auf dem Bauch, den Kopf ein wenig zur Seite gedreht, um nicht zu ersticken. Der auf Nasenhöhe angebrachte Schlitz in der Massageliege ist ja nett gemeint, doch außer vielleicht fĂŒr MöwenschnĂ€bel anatomisch fehlkonstruiert: Leider werden beim Hineinstecken des Riechorgans dessen FlĂŒgel auf brutale Weise zusammengepresst und die Luft entsprechend knapp. Von tiefer Bauchatmung keine Spur! Dann doch lieber die der Symmetrie unförderliche SeitwĂ€rts-Stellung eingenommen, einmal tief geseufzt und auf den Masseur gewartet.

melkfettdoseDer kommt auch, greift zuerst in den obligaten roten Topf mit Creme und dann herzhaft in meinen gepeinigten SchultergĂŒrtel. O seliger Schmerz! Als meine Muskeln endlich den Kampf gegen die knetenden HĂ€nde aufgeben, schlage ich die bis dahin zusammengekniffenen Augen wieder auf. Mein waidwunder Blick fĂ€llt auf die eben schon genannte rote Dose, platziert auf einem Regal in der Ecke der Kabine. Kein halber Meter trennt das Kopfende der Liege von dem Kunststoff-Tiegel, dem Pein und Wonne gleichermaßen entspringen. Ich werde neugierig, mit welcher Wunderwaffe der Mann in meinem RĂŒcken einmal pro Woche Kontakt zu meiner Haut aufnimmt. Man will ja wissen, was man hat.

Mir zugewendet ist die RĂŒckseite der Dose. Weiße Schrift auf rotem Grund verkĂŒndet in kapitalen Lettern „EUTRA TETINA, Schweizer Melkfett – DAS ECHTE“. Schweizer Melkfett. Melkfett! Ja ist denn heutÂŽ schon Almabtrieb oder was? Bin ich eine Kuh oder doch Karrierefrau und Mutter im 21. Jahrhundert? Nun gut, ich sehe ein, manchmal sind die „guten alten Hausmittel“ besser als das „neumodische Zeug“ und obendrein billiger. Deshalb lese ich weiter, gespannt, was dem ordinĂ€ren oder vielmehr veterinĂ€ren Fett die Berechtigung gibt, fĂŒr ĂŒber 30 € pro halbe Stunde auf meinem RĂŒcken verteilt zu werden.

Die Argumente sind schlagend: mit â€žĂŒber 100 Jahren Erfahrung in Euterpflege und -hygiene“ wirbt der Hersteller. Das ist beeindruckend, aber nicht unbedingt der ultimative Spaß- oder Kauffaktor, finde ich. Das Mittel sei obendrein „fĂŒr Melkmaschinen und Handmelken bestens geeignet“. Eigentlich hat das Stillen seinerzeit ganz gut ohne Melkfett geklappt und eine Maschine musste ich dazu auch nicht bemĂŒhen. Weiter im Text: „geruchs- und geschmacksneutral“ sei das Fett, was ich – zumindest vom olfaktorischen Standpunkt aus – bestĂ€tigen kann. Genascht habe ich davon noch nicht und werde das auch in den nĂ€chsten Jahren nicht nachholen! Es folgen die Fakten. Die „nichtoxidierenden Salbenbestandteile auf Basis hochwertiger Mineralöle“ stechen mir jetzt ins Auge. Sagt man nicht immer, an seine Haut solle man dies und jenes lassen, nur keine Mineralöle? Gehören solche Schmierereien nicht eher ins Getriebe eines Sportwagens oder – nun ja – einer Melkmaschine? Der nĂ€chste Punkt versöhnt mich ein bisschen, wenn ich auch den Zusammenhang mit dem letzten Argument nicht nachvollziehen kann. „Ohne kĂŒnstliche Farb-, Duft- oder Konservierungsstoffe“ und dennoch „unbegrenzt haltbar“ soll sie sein, die wundersame Paste? Ich stutze.

Doch schnell weitergelesen, denn die wohltuende, teure halbe Stunde ist fast vorbei, der Masseur bearbeitet schon meinen „Lendenwirbelbereich“ (wie er es nennt), also die Po-Partie (wie ich dazu sagen wĂŒrde) mit flinken und mitleidslosen Fingern. Nach allen Kaufargumenten verrĂ€t mir der rote Tiegel nĂ€mlich endlich noch, wie genau die Anwendung des „Originals mit Melkmaschineneignung“ stattzufinden hat. „EUTRA TETINA Melkfett gleich nach dem Melken auf Zitzen und Euter auftragen und gut einmassieren.“ Obgleich in intimer Gesellschaft von tierisch-weiblichen Körperteilen – hier ist es, das Wort – „Massage“! Es legitimiert das cremig-fettige Geschehen auf meinem RĂŒcken vollstĂ€ndig, ich muss hier also niemanden verklagen wegen vorsĂ€tzlicher Körperverletzung! Oder doch?

Der letzte Satz, schon wischt sich mein Peiniger die HĂ€nde an einem vorher bereitgelegten Tuch ab: „Zitzenöffnungen mit einem feinen EUTRA TETINA Schutzfilm schließen.“ Oh. Ich sollte wohl doch lieber schnell aufstehen und gehen, bevor er auf die Idee kommt, diese Anweisung zu befolgen.

9 Kommentare zu “Glosse: Melkfett.”

  1. Sibylle sagt:

    Uah, was bin ich froh, dass ich immer meine Brille abnehmen kann!

  2. Susi sagt:

    Sag mal, hast du den Text auswendig gelernt? 🙂

  3. textzicke sagt:

    Nee. Aber seinerzeit auf einer Zwillings-Dose im nachbarlichen Kuhstall nachgelesen! 😉

  4. Ines sagt:

    Die Dosenbeschriftung ist unterhaltsam, das Melkfett nĂŒtzlich. Gehört seit vielen Jahren zu unserem Badezimmer, weil auch Kinder mit sehr trockener und empfindlicher Haut das Zeug hervorragend vertragen. Was fĂŒr Zitzen gut ist …

  5. gerhard sagt:

    super tipp! melkfett eignet sich sehr gut zum sonnenbaden. aber vorsicht, hat natĂŒrlich keinen lichtschutzfaktor. wer allerdings nicht so empfindlich ist, wird mit melkfett eine wahnsinnsbrĂ€une bekommen. selbst probiert.

  6. Steffi sagt:

    Ich mach ja beim massieren die Augen zu. Deswegen entgehen mir wohl auch solch belustigende Details – die ich aber auch viel lieber von dir in Worte gefasst lese *gg*

  7. nina sagt:

    sehr gut 😉

  8. Die Milch machtÂŽs « Bachmichels Haus sagt:

    […] Über ein Melkhilfsmittel hat die @Textzicke eine nette Glosse geschrieben. […]

  9. Julia Maria sagt:

    Raue FĂŒĂŸe? Das Zeug ist nicht zu ĂŒberbieten!Dick einschmieren, Socken drĂŒber, ĂŒber Nacht einziehen lassen. Hast du am nĂ€chsten Tag Samtpfötchen 🙂

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