Gelesen: „Sitzen vier Polen im Auto“. Von Alexandra Tobor.

„Sitzen vier Polen im Auto“. Also nee. Von Titel und Einband her hätte ich dieses Buch wohl nie gekauft. Da hat sich der Verlag m.E. keinen Gefallen getan.
Zum Glück aber gibt es Blogs – und Twitter! Denn dort lese ich Alexandra Tobor (aka @silenttiffy) schon seit Jahren. Hie und da machte sie Andeutungen zum Werdegang des Buches, und eines Abend fand ich mich in einer Münchner Twitter-Veranstaltung wieder, auf der sie ein erstes Kapitel vorlas – unter der Ansage, dass sie keine Ahnung habe, ob dieses Buch je ein Buch und wenn ja, ob es je fertig würde, aber sie läse es halt jetzt mal. 🙂 Ich lauschte und war gefesselt. Das musste ich sofort haben, sobald es gedruckt war. Irgendwann die Ankündigung: Es gibt einen Erscheinungstermin! Selten habe ich so schnell etwas vorbestellt.

Und das Warten hat sich gelohnt! „Sitzen vier Polen im Auto“ ist ein wahres Juwel unter den Kultur-Aussiedler-Heimat-Kindheits-Komödien-Dramen. Mit einer unglaublich bildhaften, nie eitlen Sprache beschreibt die Autorin das Abenteuer „Rausfahren“. So nennen es die Erwachsenen um die kleine Hauptfigur Ola herum, wenn sie das sozialistische Polen heimlich verlassen – immer auf der Suche nach dem Westen, der besseren Zukunft, dem süßeren Leben.
Die kindliche Erzählperspektive ist klug gewählt, denn so erhält die Geschichte eine naive Aufrichtigkeit, die zu Herzen geht und gleichzeitig absolut glaubwürdig sowie zwerchfellzerfetzend witzig ist.

Ola also, ein verträumtes, leicht überspanntes polnisches Mädchen von 6 Jahren, träumt von Deutschland. Seit sie ein goldenes Buch – den Quelle-Katalog – gefunden hat, ist sie sicher, dass das gelobte Land der 1980er-Jahre nur so glitzert und duftet und voller schöner Menschen ist. Die Erzählungen derer, die schon rausgefahren sind, bestätigen ihre Vorstellung.

Und dann ist es eines Tages soweit: Mit des Onkels Maluch, einem senfgelben Winzling von Fiat, fährt auch Ola, zusammen mit Eltern und Bruder, raus. Die großartig resolute Oma Greta, die man bis zu diesem Zeitpunkt bereits als Olas Fels in der Brandung kennen und lieben gelernt hat, bleibt zunächst zurück. Schon die Fahrt gerät zu einem Abenteuer, denn natürlich geht dies und jenes schief und natürlich begegnet man weiteren überspannten Charakteren wie z.B. dem Ehepaar Ogórek, dessen weiblicher Part Dorota im weiteren Verlauf des Buches noch eine ebenso funkelnde wie nervige 😉 Rolle spielen wird.

Im Auffanglager in Dojczland angekommen, sieht sich Ola trotz aller Behelfsmäßigkeit am Ziel ihrer Träume. Alexandra Tobor beschreibt diesen Augenblick ebenso rührend wie bildlich:

„Wenn ich tief einatmete, öffnete sich eine Tür in meiner Brust, nur einen Spaltbreit, und in mir war ein Tumult, als hätte das hereinsickernde Licht jemanden geweckt, der dort die ganze Zeit eingesperrt gewesen war und nur auf diesen einen Moment gewartet hatte.“

Man badet noch in diesen Worten, fühlt noch mit der kleinen Ola, da strapaziert die Autorin auch schon wieder die Lachmuskeln. Denn als Olas Mutter sich über die Hosen tragenden deutschen Frauen wundert, lässt uns Ola wissen:

„Eine Polin ließ sich nicht einmal von wurmdicken Krampfadern davon abhalten, in der Öffentlichkeit Bein zu zeigen“!

Wissen wir das jetzt also auch.

Überhaupt, kindliche Prioritäten!

„Für Kinder gab es einen Spielplatz, der für viele ältere Jungs in Polen sicher eine Enttäuschung gewesen wäre: Die Chancen, sich hier interessante Verletzungen zuzuziehen, mit denen man vor seinen Freunden angeben konnte, waren sehr gering.“

Bei allem Humor und allem Staunen erzählt Ola aber auch von den ernsten Seiten der Einreise: Quartiersuche, Aufnahmeverfahren, Fremdheit, Arbeitslosigkeit und Armut werden ebenfalls thematisiert – immer aus Kindessicht und gerade deshalb manchmal schonungslos brutal. „Ich habe kein Geld“ ist der erste Satz, den Ola von ihrer Mutter lernt, und mit ihm kommt sie erstaunlich weit. „Wir müssen sparen“, sagt die Mutter denn auch, als Ola einen Teddybären begehrt … und gibt ihr zum Kuscheln kurzerhand einen Teppichmusterkatalog. Überhaupt ist Olas Mutter ein Ausbund an Sparsamkeit – und einige ihrer Reaktionen könnte man durchaus als pädagogisch wertvoll bezeichnen.
Der kapitalismusverliebte Gegenpol von Olas Mutter heißt übrigens Dorota Ogórek. Für sie ist alles Westliche „Lux! Einfach Lux!“ – selbst die von entrümpelnden Deutschen ausgemusterten Dinge vom Spärrmiel, der Olas Familie fortan das Möbelhaus ersetzt. So lässt sich das neue Land langsam, aber sicher im Alltag der Ausgesiedelten nieder.

Was fehlt noch? Die Schule, natürlich. Die erste Liebe. Enttäuschungen und Überraschungen. Freundschaft. Wachsendes Selbstbewusstsein. Rückschläge und Erkenntnisse. Und über allem die stetige Lust am Nach-vorn-Schauen und der unerschütterliche Zusammenhalt in der Familie. Ich glaube, Ola war ein sehr glückliches kleines Mädchen.

Und jetzt: psssst! Obwohl „Sitzen vier Polen im Auto“* voll wortwitziger Anekdoten und kluger Beobachtungen steckt, möchte ich zum weiteren Verlauf der Geschichte ab hier schweigen, denn man sollte diesen gelungenen Debütroman sowieso selbst er-lesen. Ich kann es nur mit allem Nachdruck empfehlen.

*Bittebitte kauft bei Eurem örtlichen Buchhändler. Amazon ist reich und scheiße genug. 

 


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