Der dicke Mann und die Boje.

Ich sitze also am Gardasee. Den Gatten zu meiner Linken, die Brut irgendwo, die Sonne knusperisierend im Gesicht und viele hämatomal hochwirksame Steine unter dem Allerwertesten. Wir haben Spaß an den Angeber-Rennbooten, die mit teils eleganten, teils stümperhaften Umkehrschwüngen das Wasser aufpeitschen. Am Steuer sieht man fast ausnahmslos ältere Herren mit Bauch, die stolz wie Gockel am Lenkrad kurbeln und dabei debil grinsen, weil sie sich ja schließlich gerade einen Kindheitstraum erfüllen. Nur eine einzige weitere Spezies scheint in solcherlei Wassergefährten eine Daseinsberechtigung zu haben: die Söhne dieser Bauchträger. Unglaublich teure Sonnenbrillen auf der Nase, viel Sixpack in der Mitte und eine Auswahl knackiger Bunnies auf dem Sonnendeck gehören bei ihnen dazu. Papa hingegen darf nie mit, das haben wir auch schon rausgefunden. Wundert uns aber nicht so außerordentlich. Wäre mir auch peinlich.

Von rechts braust jetzt ein quietschgelbes Exemplar (das Boot, nicht der Mann) ins Bild. Am Steuer: Herr mit Bauch. Seine Frau, eine Mittfünfzigerin im Bikini, ist das Sinnbild von „er lässt mir nie was zum Essen übrig“. Ich möchte sie gern füttern, aber sie ist ja nun mal zu weit weg. Bauchmann nimmt Gas weg, denn das Land ist nah. Gelbboot schaukelt auf die Boje seines Begehrs zu. Magergattin schwingt einen gefährlich aussehenden Bootshaken und versucht damit, auf Knien herumrutschend, das Halteseil der Boje zu erhaschen. Weit gefehlt, schon ist man viele Meter dran vorbei. OK, Bauchmann knattert sein Boot in einer uneleganten Kurve von der anderen Seite ran. Angel, angel … knierutsch, knierutsch … Mist, wieder nix. Die Wellen schlagen den beiden Ankerwilligen jedes Mal ein Schnippchen. Oder die Boje ist von einem Kobold besessen, könnte ja auch sein, ich kenn mich da nicht so aus. Minuten vergehen. Die Kuras am Strand, weil schadenfrohe Gesellen, amüsieren sich königlich.

Nach vier (!!!) erfolglosen Versuchen werden ein paar nebenan vor Anker liegende Jungspunde aufmerksam. Die Bunnies kichern, die Typen ringen noch um Contenance. Schließlich entscheidet einer von ihnen, dass Bauchmann geholfen und die Bunnie-Schar beeindruckt werden muss. Heldenhaft stürzt er seinen Astralkörper in die Fluten und krault auf Gelbboot zu. Magergattin scheint erfreut über die herannahende Hilfe und bedeutet Bauchmann, den Motor erstmal abzustellen. Er tut, wie ihm geheißen, und man wirft dem am hinteren Bootsende wassertretenden Jüngling eine Leine zu. Der klemmt sich das Tau zwischen die Zähne, schwimmt los und fühlt sich dabei wahrscheinlich wie James Bond. Bei der Boje angekommen, verknotet er das Tau betont fachmännisch an der dafür vorgesehenen Öse, zeigt Dickmann und Magergattin den hochgestreckten Daumen und krault wieder Richtung eigenes Boot. Die Kumpels schulterklopfen, die Bunnies finden ihn toll: Ziel erreicht.

Die Sache scheint also geritzt – aber was ist das? Offensichtlich war das andere Ende des Seils gar nicht an Gelbboot festgemacht! Magergattin hatte das zweite Ende nur in ihren manikürten, doch verhungerten Händchen, und natürlich reicht DAS nicht aus, um das in der Strömung davonstrebende Boot an Ort und Stelle zu halten. Sie tut einen piepsigen Schrei, fuchtelt wild mit den Armen und Bauchmann zetert. Auf Österreichisch. Glaube ich.

Gelbboot schwankt jetzt unter den gewichtigen Schritten seines Lenkers, als dieser die Sache selbst in die Hand nehmen will. Traut Magergattin wohl nix zu, was! Denkt wohl, er ist ein toller Hecht, was! Ist er nicht. Auch er angelt vergeblich nach dem Seil. Die Bande auf dem Nachbarboot kringelt sich mittlerweile nicht minder als wir an Land. Hat Jüngling das vielleicht mit Absicht gemacht? Zuzutrauen wär’s ihm. Könnte ich mir jetzt auch spaßig vorstellen.

Die Geschichte hat bis hierhin etwa 20 Minuten gedauert. ZWANZIG MINUTEN! Wir Kuras am Strand, spaßige Gesellen wie wir eben sind, sagen Sachen wie „Jetzt. Jetzt gleich haut es sie VOLL ins Wasser!“ oder „Weia. Bevor das klappt, geht die Sonne unter.“ Der Rest des Strandpublikums feixt mit und verwirft abendliche Kinopläne.

Trotzdem ist das Ende der Story weder sehr spannend noch pädagogisch wertvoll, lieber Leser. Insofern kann es sein, dass Sie jetzt ein bisschen enttäuscht sind. Dickmann hat nämlich einfach aufgegeben. Einfach so! Bauftragte die Magere mit der endgültigen Einholung des Seils, gab Gas und knatterte unter Erzeugung einer irgendwie geknickt aussehenden Bugwelle davon.

Wirklich – nicht mal Kapitäne taugen mehr als Heldenfiguren. Ich bin sehr, sehr desillusioniert.

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