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Corona, wir haben ein Problem. Ein Lockdownregeln-Verständnisproblem.

Heute ist Montag, der 11. Januar 2021. Ein Tag im ersten Jahr, das mitten in einer Pandemie begonnen hat und wohl noch ein Weilchen damit wird leben müssen. Heute treten deutschlandweit neue, strengere Corona-Regeln in Kraft – im allgemeinen Sprachgebrauch ein harter Lockdown. Er ist notwendig geworden, weil der sogenannte „Lockdown light“ über die Weihnachtsfeiertage die irrwitzig hohen Infektions- und Todeszahlen leider nicht senken konnte. Im Gegenteil: Seit etwa 2 Wochen sind in Deutschland ziemlich konstant über 1.000 Corona-Tote zu beklagen. Jeden Tag.

Nun soll man sich also zusätzlich zu nächtlicher Ausgangssperre, Restaurant-/Laden- und Grenzschließungen etc. bis mindestens Ende Januar nur noch mit einer einzigen Person (ab 3 Jahre) treffen dürfen statt bisher mit maximal 5 Personen aus 2 Haushalten. Schulen und Kitas bleiben erstmal zu, Geschäfte des nicht unmittelbar lebensnotwendigen Bedarfs sowieso. In Bayern wird bei landkreisweiten Inzidenzzahlen von >200 der Bewegungsradius auf 15km begrenzt.

So schön, so gut: Das Virus muss „ausgehungert“, Kontakte müssen reduziert werden. Wir verstehen das schon. ABER.

Aber irgendwie ist das alles nicht sooo total nachvollziehbar.
Nicht für die meisten und auch nicht für mich, die ich ehrlich nach Kräften dazu beitragen möchte, diesen Pandemieschissdrack endlich zu beenden.

Es gibt zu viele Fragezeichen.
Bei zu vielen Maßnahmen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was sich gefühlt jede:r Zweite fragt, sind Sachen wie diese:

  • Wie genau berechne ich für den blöden Fall, dass mein Heimatlandkreis in eine Inzidenz von >200 rutscht, den 15km-Bewegungsradius: ab Grundstück oder ab Stadtgrenze?
  • Ist bei der Radius-Regel der „Start-“ oder der „Ziellandkreis“ bezüglich Inzidenz ausschlaggebend?
  • Gilt der 15km-Radius auch für den Arbeitsweg, notwendige Besuche bei z.B. betreuungsbedürftigen älteren Personen oder die Fahrt zum einzigen Laden, der eine unaufschiebbare Sache X führt?
  • Was ist das mit dieser Ein-Personen-Regel: Gilt das nur, wenn ich 1 Person einlade, oder auch, wenn wir als Paar die alleinstehende Oma besuchen, abholen, ihr den Haushalt machen? (Ein „Wer besucht wen“-Ding quasi, mit Augenmerk auf die Besuchsrichtung)
  • Überhaupt, nur eine Person treffen: Warum auch draußen, wenn Aerosolverdünnung und Abstand total gewahrt sind?
  • Was haargenau sind diese sprichwörtlichen „triftigen Gründe“, die zum Rausgehen, Überschreiten des 15km-Radius etc. berechtigen?
  • Gab es echt keine andere Lösung als eine komplette abendliche Ausgangssperre, um besoffen feiernde Engtanz-Rudel zu verhindern?
  • etc. etc.

Als Texterin und Medizinjournalistin bin ich wahrhaftig geübt im Googeln und Auswerten von Quellen. Doch selbst ich habe immer wieder Schwierigkeiten, 100% unmissverständliche Aussagen zu den geltenden Regeln zu finden. Wie mag es erst Personen gehen, die nicht internetaffin sind, denen Fachbegriffe wie „Inzidenz“, „Reproduktionszahl“ und „Hybridunterricht“ fremd sind, deren Muttersprache nicht Deutsch ist?

Noch schlimmer allerdings: Mittlerweile hat das Verständnis vieler Mitbürger:innen für manche (!) Maßnahmen ein Loch.
Da nämlich, wo bei jeder und jedem durchschnittlichen Pandemiemüden anstatt eines seufzenden „Menno, aber dann ist das jetzt eben so, packen wir’s an“ ein dickes „WTF?!“ vor dem inneren Auge aufsteigt.

An der Lebenswirklichkeit vorbei.

Diese WTF-Momente kennt offensichtlich auch Christoph Fröhlich, der für den STERN folgenden Artikel geschrieben hat: „Ich habe mich an alle Corona-Regeln gehalten, doch allmählich werde ich zum Wutbürger“. Dem ich leider zustimmen muss. 🤷‍♀️

Denn manche der Maßnahmen gehen derart an der Lebenswirklichkeit vorbei, dass man ein Schleudertrauma vom Kopfschütteln kriegen könnte – und das bei ungebrochen bestem Willen, diesem Mistvirus endlich den Hahn abzudrehen!

Fast alle werden von den Maßnahmen härter getroffen als z.B. ich, die ich hübsch wie sowieso immer allein im Homeoffice (!) mit Blick in den eigenen Garten (!) sitze, die nicht mehr betreuungsbedürftige (!) 19-Jährige selbstständig (!) digitallernend (!) am Küchentisch, der Kerl easy zwischen Homeoffice und nahegelegenem Arbeitsplatz (!) herumradelnd, die Eltern im selben Haus (!) beruhigend nahe.

Doch selbst hier ist Ende Gelände mit 100% aufopferungsbereit lächelnder Hinnahme. Mindestens emotional gehe selbst ich in meinem ganzen pandematösen Lebensluxus (s.o.) manchmal ganz schön auf dem Zahnfleisch.

Klar machen wir weiterhin mit. Weil halt alles genau so unbedingt notwendig und absolut sinnv… but wait. Ist das wirklich rundum so?

Was sich ganz normale Leute bezüglich der neuesten Maßnahmen z.B. fragen:

  • Sollen sich jetzt ernsthaft 2 alleinerziehende Mütter mit je (!) 1 Kleinkind um die 4 Jahre NICHT mehr treffen dürfen, weil dann eine Person zu viel im Spiel ist? Ja soll denn Mutter B ihr Kind allein schicken oder in Fremdbetreuung geben (hallo Zusatzkontakt!), damit sie im Solomama-Irrsinn mal wieder einen erwachsenen Menschen live sprechen kann? 🙄
  • Sollen jetzt wirklich nicht mehr BEIDE Schwiegereltern zum Sonntagsspaziergang oder Abstandskaffee kommen dürfen, obwohl so oder so die zwei gleichen Haushalte beisammen sind? (Blöd besonders dann, wenn z.B. einer der beiden nicht Auto fährt und auf den „Fahrdienst“ des Partners angewiesen ist) 🙄
  • Soll ich wirklich meiner Tochter verbieten, im Beisein ihres Freundes, der seit Pandemiebeginn quasi hier wohnt, ihre beste Freundin zum Quatschen bei aufgerissenen Fenstern zu sehen … während einen Tag später alle 3 mit größter Selbstverständlichkeit im Schulbus oder in der Schule mit 20-50 anderen Schulter an Schulter sitzen müssen? (Spoiler: einen Scheiß werde ich) 🙄
  • Soll mein 21-jähriger Sohn, der einen Hauch mehr als 15 km weit weg wohnt, aber dank Homeoffice und nerdigkeitsbedingt quasi inexistentem Sozialleben die vermutlich kleinstmögliche Gefahr ever darstellt, im Falle einer >200-Inzidenz seine Familie nicht mehr sehen dürfen? 🙄
  • etc. etc.

Liebe Politik, als absolute Befürworterin der meisten Maßnahmen sage ich: Es ist nicht vermittelbar. Nicht so!

Bei allem Verständnis fur eure wenig beneidenswerte Lage, eine Pandemie managen zu müssen: Da ist ne Meeeeenge Luft nach oben.
In Sachen Maßnahmenauswahl ebenso wie in Sachen Kommunikation an die Bevölkerung.

Was dabei helfen könnte, ein ebenso wirksames wie nachvollziehbares Maßnahmenpaket zu schnüren:

  • Holt euch ein paar ganz normale Bürger:innen mit gesundem Menschenverstand in die Gremien. (Neiiin, natürlich keine sogenannten Querdenker und Verschwörungsklöppler.)
  • Lasst rechtzeitig (!) Vertreter:innen aus direkt betroffenen Berufsgruppen zu Wort kommen – neben Medizin, Pflege und Pädagogik auch Gastronomie, „nicht lebenswichtiger“ Einzelhandel, Dienstleistung etc.
  • Und dann braucht diese Regierung dringend echte Kommunikationsprofis, die wichtige Entscheidungen so erklären, dass „das Volk“ sie nachvollziehen und ohne weitere Nachfragen umsetzen kann! Fragt doch z.B. Sascha Lobo, dem schon vor Christoph Fröhlich auf gewohnt benickenswerte Art der Kragen platzte.

Für die textliche Umsetzung eurer Krisenkommunikation stehe dann gern auch ich zur Verfügung – oder eine:r meiner unzähligen fähigen Kolleg:innen aus dem Textbereich. Wir sind wirklich, wirklich gut im Erklären. Versprochen.

Sonst wird das nix.
Amen.

Disclaimer:
Pandemieverharmlosende, abschätzige, mansplainende und verschwörungstheoretische Kommentare werden gar nicht erst freigeschaltet, die Mühe ist also vergebens.

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