Anschnallen. Bitte.

29. Januar 2010

Wow. Dass mich manche Themen mehr bewegen als andere, wusste ich. Aber dass mir mal ein Werbespot direkt Sturzb├Ąche aus den Augen fluten und ich fr├╝hmorgens haltlos in mein Porridge weinen w├╝rde … das h├Ątte ich nicht gedacht.

Ich spreche von einem Aufkl├Ąrungs-Spot der englischen Sussex Safer Road Partnership, der heute Morgen durch einen Blogpost der wunderbaren @ApfelMuse in meine Twitter-Timeline gesp├╝lt wurde. Der Titel: „Embrace Life“ (nie war ein Titel passender). Das Thema: Anschnallen. Die Umsetzung: v├Âllig anders als die Schocker-Werbungen, die man gemeinhin als abschreckende Ma├čnahme einsetzt. Ich halte auch die Schocker f├╝r durchaus effektiv, aber dieser Spot hier strahlt eine Tiefe aus, die seine brutalen Vorg├Ąnger vermissen lassen. Er erreicht mich auf eine Weise, die ich nur ganz schwer beschreiben kann. Hier kommt er. Ton an! Herz auf! Verstand auf Empfang! Und fahrt NIE wieder unangeschnallt. Bitte.

ssrp_spot

Nat├╝rlich habe ich eine besondere Affinit├Ąt zu Anschnallgurten, seit ich im Jahr 2000 bei Tempo 80 frontal in einen Lkw crashte. W├Ąren ich und der damals halbj├Ąhrige Turbosohn nicht perfekt angeschnallt gewesen, s├Ą├če ich jetzt wohl nicht hier. Ich danke meinen Eltern daf├╝r, dass sie mir sehr fr├╝h klar machten, wie wichtig Anschnallen im Auto ist. Ich danke meinem Mann daf├╝r, dass er mich am Vorabend des Unfalls damals noch darauf hinwies, dass auf der R├╝ckbank unbedingt das in die richtige Richtung zeigende Gurtschloss f├╝r die Babyschale benutzt werden muss – und nicht einfach das, welches man gerade am besten zu greifen kriegt. Ich danke dem Zufall/Schicksal, dass meine Nachbarin, die eigentlich mitfahren wollte, dann doch nicht konnte, weil sie sonst von der in den Innenraum hinein spie├čenden A-S├Ąule meines Opels gepf├Ąhlt worden w├Ąre. Und ich danke, halleluja, meinem Gurt, der hielt und zusammen mit dem Airbag einen verdammt guten Job machte.

unfall

Aus diesem Blechhaufen kroch ich am 27. M├Ąrz 2000 „nur“ mit einem gebrochenen Brustwirbel, Prellungen und einigen Schnittwunden, raus. W├Ąre ich nicht angeschnallt gewesen und h├Ątten nicht alle Airbags in Sekundenbruchteilen ausgel├Âst, h├Ątte man mich wohl als klebriges H├Ąufchen Blut und Knochen von der Motorhaube des Lkw kratzen k├Ânnen. Dem Sohn geschah nichts. NICHTS. Weil n├Ąmlich seine Babyschale, vorschriftsm├Ą├čig auf der R├╝ckbank (!!!) entgegen der Fahrtrichtung angeschnallt, den Aufprall perfekt abfing.

Ehrlich, Leute: Unangeschnallt fahren ist alles andere als cool. Es ist auch nicht „Freiheit“ im Sinne von „ich lass mir doch nix vorschreiben“. Es ist einfach nur dumm und gef├Ąhrlich. Bringt Euren Kindern so fr├╝h wie m├Âglich bei, dass Anschnallen – genau wie das Sitzen in einem altersgerechten Kindersitz – das Selbstverst├Ąndlichste der Welt ist. Macht klar, dass kein Meter gefahren wird, wenn nicht alle Personen im Auto angeschnallt sind. Ihr k├Ânnt gern von mir und den vielen zehntausend anderen Menschen erz├Ąhlen, die schlimme Unf├Ąlle mit nur unwesentlichen Verletzungen ├╝berlebten, weil sie eben nicht durch die Scheibe an den n├Ąchsten Baum flogen, sondern im zerknautschten Auto einigerma├čen gesch├╝tzt blieben.

Ich h├Ârte letztens das Argument „Ich schnalle mich nicht an, weil ich bei einem Unfall lieber gleich tot statt gel├Ąhmt sein will“. Denkweisen wie diese erschlie├čen sich mir nicht, sorry.

Update: Noch ein preisgekr├Ânter Spot zum Thema kommt aus der Produktion der belgischen Bank Axion by dexia. Er hei├čt „Heaven can wait“ und transportiert diese Message ziemlich gut:

27 Kommentare zu “Anschnallen. Bitte.”

  1. rachel lindenbaum sagt:

    das auto meiner omma (opel astra) piepst erst enervierend, wenn man nicht angeschnallt ist und nach einer weile geht es einfach aus und f├Ąhrt nicht weiter. leider sind erst die modernen autos derart ausgestattet.

  2. Deditte sagt:

    Ich werde immer ausgelacht, da ich mich anschnalle bevor ich den Schl├╝ssel drehe – bei mir ist der Automatismus so gro├č, dass ich das automatisch auch dann mache, wenn ich in der Garage die Autos umparke. Ohne Gurt zu fahren f├╝hlt sich v├Âllig falsch an. Und wenn man dann solche Erlebnisse hatte wie Du, nat├╝rlich noch viel mehr.
    Ich werde den Link auch auf Facebook einstellen, ├╝ber Twitter l├Ąuft der RT ja bereits.

  3. Trischa sagt:

    Vielen Dank, ich werde das gleich mal an meine Freundin weiterleiten. Deren Mann hat neulich die dreij├Ąhrigen Zwillinge ohne Kindersitz auf den Vordersitzen eines Transporters durch die Gegend chauffiert. Er selbst w├╝rde ja immer vorsichtig fahren, war seine Begr├╝ndung.

  4. ApfelMuse sagt:

    Dein Blogpost hat mich noch mehr ber├╝hrt als das Video. Danke, dass du durch deine Geschichte die Wirkung des Videos noch verst├Ąrkt hast.
    Auch bei mir hat meine Mutter in fr├╝hester Kindheit einen Automatismus gelegt. W├Ąhrend ich einsteige greife ich schon nach dem Gurt, das geht gar nicht anders.

    Wie sch├Ân, dass nicht durch dein Gurt damals gehalten, deine Airbags ausgel├Âst und dein Sohn richtig angeschnallt war. Wie sch├Ân, dass auch Eure Schutzengel richtig gut aufgepasst haben :-))

    Ach ja und danke f├╝r die „wunderbare“ ApfelMuse ­čśë

  5. wilmer sagt:

    Ich kann garnicht anders. Wenn ich nicht angeschnallt bin, f├╝hle ich mich irgendwie falsch im Auto. Und das Argument mit „lieber tod als gel├Ąhmt“ ist keins: Eigentlich muss es hei├čen: lieber ein paar blaue Flecken als Tod.
    Sicherheitstechnik in halbwegs modernen Auto sch├╝tzt hervorragend bis ca 100km/h. Danach ist man mit, oder ohne Gurt tod. Deswegen ist es mir ein R├Ątsel wie man bei 140km/h auf 2m auffahren kann …

  6. Franz sagt:

    Ich habe in meiner Zeit als Volont├Ąr bei einer Lokalzeitung vielen Auto-Unf├Ąlle gesehen. Die „Auswahl“ zwischen gel├Ąhmt und tot gab es fast nie. Entweder war der Unfall so schrecklich, dass auch der Gurt nichts geholfen hat, oder der Gurt h├Ątte „gesund leben“ statt „tot“ bedeutet. Nur zwei F├Ąlle, an die ich mich noch besonders erinnere:

    Porsche gegen Baum – das Auto war in relativ gutem Zustand, Fahrgastzelle weitgehen intakt. Aber der Fahrer war nicht angeschnallt und flog durch die Scheibe. Der Aufprall mit dem Kopf durch die Scheiben und dann auf den Boden hat ihn get├Âtet.

    VW Golf missachtet innerorts die Vorfahrt und wird von der Seite mit (nur!) Tempo 45 erwischt. Die Fahrerin war nicht angeschnallt, wurde durchs Fenster geschleudert und ├╝berlebte den Aufprall auf den Asphalt nicht. Das unglaublich bedr├╝ckende Gef├╝hl beim Anblick ihrer leblosen Hand mit ihrem Ehering, der unter der Abgeckplane hervorstand, werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

    Ich kann Dir nur absolut und uneingeschr├Ąnkt zustimmen: Ohne Gurt fahren ist unglaublich dumm und hat mit „cool“ nicht das Geringste zu tun.

  7. uberVU - social comments sagt:

    Social comments and analytics for this post…

    This post was mentioned on Twitter by casowi: RT @textzicke Gebloggt: Anschnallen. Bitte. http://www.textzicke.de/29/01/2010/anschnallen-bitte/ #Sicherheit…

  8. ice2more sagt:

    In vergangener Zeit habe ich selten so gute Werbespots gesehen. Sch├Ân durchdachte, emotionale Umsetzung. So muss Werbung aussehen! Danke f├╝r diesen Beitrag.

    @Deditte: Dieser Automatismus ist mir auch bekannt – fehlt leider vielen anderen.

  9. Reflektionen sagt:

    Alles gesagt!

    Ich fahre niemals los, wenn nicht alle angeschnallt sind.

  10. golupo62 sagt:

    Da hatte ich echt Pipi in den Augen. Sogar beim zweiten Mal war ich so intensiv ber├╝hrt. Diese Komposition um so ein Thema umzusetzen – Respekt!

    Ich bin Taxifahrer und habe mir vor vielen Jahren angew├Âhnt, mich immer anzugurten. Eigentlich br├Ąuchten wir das nicht, wenn wir mit G├Ąsten fahren. Aber gerade im Stadtverkehr kann man t├Ąglich viele Situationen erleben, die die Anschnallpflicht rechtfertigen.Solche Spots sollten zur Sendepflicht auf allen Fernsehkan├Ąlen bestimmt werden.

  11. Daniel sagt:

    Ich habe schon immer gelernt nur angeschnallt zu fahren.
    Da ich erst vor einem halben Jahr meinen F├╝hrerschein gemacht habe ist es auch noch (und bleibt hoffentlich immer) ein Automatismus, dass ich mich hinsetze, Gurt anlege und dann erst weiter mache.

  12. sandra sagt:

    ich habe w├Ąhrend meiner Abizeit mehrere Mitsch├╝ler verloren, bei einem Autounfall, unangeschnallt – besoffen !
    Vern├╝nftiges Verhalten in unserer Gesellschaft wird immer weniger weitergegeben , ist mein Gef├╝hl. Mich wundert nur immer das gerade Eltern oft so leichtsinnig sind ?! Sollte ihnen nicht die Sicherheit des eigenen Kindes besonders am Herzen liegen ???

    liebe gr├╝sse sandra

  13. Agent Dexter sagt:

    Ich habe einen j├╝ngeren Cousin, dessen Vorliebe schnelle Autos sind. Das darf nat├╝rlich sein, aber er hat schon einige Unf├Ąlle mit seinen bisherigen Autos gehabt und hat seit einigen Wochen einen BMW, ├╝ber den er eigentlich nur im Zusammenhang mit dem Schnellfahren und das Gef├╝hl, das er dabei hat, spricht. Leider tut er das auch im Beisein, von Eltern und Gro├čeltern und manchmal will ich ihn nur sagen, wie bekloppt das alle ist.

    Und ja – ich stehe dazu – ich bin ein Anschnaller! ­čśë

  14. scaramut sagt:

    Meine G├╝te Liebes, was bin ich froh, dass Dir und Deinem Turbosohn nichts gravierendes geschehen ist!
    Und ja; Anschnallen ist nicht nur Pflicht, es ist auch die Versicherung auf ein l├Ąngeres Leben!

    Danke f├╝r solch offene und wachr├╝ttelnden Zeilen!

  15. scaramut sagt:

    …und dieses Video, ich werde es weitertragen, denn die Botschaft ist wirklich mehr als wichtig.. mir lief es eiskalt den R├╝cken runter.. Diese Tiefe ist wirklich beeindruckend…

  16. Oli sagt:

    Einfache und effektive Regel, bevor der Z├╝ndschl├╝ssel gedreht wird:

    Wenn es weit genug ist um zu fahren, ist es auch weit genug um sich anzuschnallen.

    Auch als Beifahrer sollte man den Fahrer stets daran erinnern – noch bevor ein Gurtassistent Alarm schl├Ągt.

  17. Oliver Schwab sagt:

    Ach Zicklein,

    das mach ich doch auch im Feuerwehrauto: Vor dem Starten des Triebwerks wird eine Ansage nach hinten gemacht: „Anschnallen nicht vergessen“ und dann gehts los – nachdem man von hinten das Klicken der Gurtschl├Âsser geh├Ârt hat.

    Safety first – auch im Feuerwehreinsatz.

    Oli

  18. Bianca sagt:

    Bei Apfelmuse hatte ich das Video auch entdeckt und am Dienstag hatte ein Teil unseres Twitter-Stammtisches mir erz├Ąhlt, was f├╝r einen bewegenden Text Du dazu geschrieben hast. Es ist mehr als Beispielhaft. Und Du hast allen N├Ârglern und Proleten, die ohne Gurt fahren, eins vorraus: Erfahrung. Und das z├Ąhlt. Danke f├╝r diese Worte und dank, dass wir daran teilhaben durften!

  19. VerSacrum sagt:

    Hier G├Ąnsehaut, Sch****!!
    Wer Anschnallen spie├čig findet, dem ist nicht mehr zu helfen. Das muss einem in Fleisch und Blut ├╝bergegangen sein.

  20. Jan sagt:

    Da ich passionierter Fahrer bin und wir auch im Motorsportclub(wir geh├Âren zum ADAC) Verkehrserziehung mit den Grundsch├╝lern hier machen, kann ich das nur vollends unterst├╝tzen. Und ja ich schmei├če auch leute raus, wenn ich merke, dass sie sich wieder abschnallen(passiert, wenn man Freunde ausm Club abholt.)
    Leute die mich kennen, wissen wie bei mir im Wagen der Hase l├Ąuft.

    Auch eine Unsitte ist dieses mehr leute mitnehmen, als Sitzpl├Ątze im Auto erlaubt sind.
    Durch so eine Schei├če(verzeiht die deutlichen Worte) stand ich schon Grab eines Bekannten.

    Und diesen Film m├Âchte ich bei diesem Thema auch noch einwerfen http://vimeo.com/9393347

  21. Beate Elena Koch sagt:

    Ich schnalle mich auch automatisch an, wenn ich im Auto sitze, aber oft muss ich die Mit- und Beifahrer ermahnen. Ist schon m├╝hsam, diese Kontrolle. Und nicht immer, aber oft, wird dadurch ja ein Leben gerettet.

  22. fahrschulb├Âgen sagt:

    auch wenn es uncool oder ungem├╝tlich ist, es kann dir den arsch retten. darum “ last uns anschnallen!“

  23. Textzicke. Das Blog. » Archiv » Zweimal im Jahr Geburtstag feiern: unbezahlbar. sagt:

    […] Frontalcrash mit einem Lkw. Was dabei passierte bzw. nicht passierte, habe ich in meinem Artikel “Anschnallen. Bitte.” kurz […]

  24. Katja sagt:

    Vor Jahren habe ich mal Mitgliedern meiner Projektgruppe angeboten, sie in das andere B├╝ro unserer Firma zu fahren, in einem anderen Stadtteil. Die Spanierin wollte sich partout nicht anschnallen, obwohl ich mich weigerte, so loszufahren. Sowas h├Ątte sie ja noch nie gemacht. Ob ich denn so schlecht fahren w├╝rde? (Nein, aber ich wei├č ja nicht, wie die anderen Verkehrsteilnehmer so drauf sind. Shit happens. Au├čerdem bin ich hier der Chef im Auto.) Die peinlich lange Diskussion konnte ich dann schlie├člich beenden, indem ich ihr sagte: „Wenn du ein Verkehrsmittel suchst, in dem du dich nicht anschnallen musst – fahr mit der S-Bahn. Der Bahnhof ist da hinten.“ Da hat sie sich dann schlie├člich murrend angeschnallt.
    Ich selbst f├╝hle mich ohne Gurt im Auto ├╝brigens auch nackt.

  25. textzicke sagt:

    Liebe Katja,

    sehr gut gemacht!
    Ein bisschen drastischer ging ich mit einer (ebenfalls spanischen) ehemaligen Mitbewohnerin vor: Als sie sich partout weigerte, sich anzuschnallen, meinte ich nur „oh, na gut, wie du meinst“, fuhr los und legte in unserer Wohnstra├če bei ca. Tempo 20 eine Vollbremsung hin. Sie rumpelte bilderbuchreif mit der Stirn aufs Armaturenbrett und kreischte. Passiert ist nichts, aber der Schreck sa├č – ich l├Ąchelte sie danach nur freundlich an und meinte „DAS waren jetzt schlappe 20 km/h“. Sie schnappte sich den Gurt und das Thema war fortan vom Tisch. ^^

  26. Katja sagt:

    Das ist ja viel besser! Die Dame hast du damit ehrlich und hoffentlich nachhaltig ├╝berzeugt. Das hat meine Erpressung sicher nicht geschafft und wahrscheinlich geistere ich noch heute als „die bekloppte Deutsche“ durch die Anekdotenfolklore besagter Dame. (Falls sie nicht inzwischen bei einem Autounfall… Lassen wir das.)

  27. Textzicke. Das Blog. » Archiv » Absurde Suchbegriffe, Teil 10. sagt:

    […] spie├čig: Nein, ist es nicht. Es rettet vielmehr Leben. Diese Info ist f├╝r Sie als treue Leser […]

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