Anschnallen. Bitte.

Wow. Dass mich manche Themen mehr bewegen als andere, wusste ich. Aber dass mir mal ein Werbespot direkt Sturzbäche aus den Augen fluten und ich frühmorgens haltlos in mein Porridge weinen würde … das hätte ich nicht gedacht.

Ich spreche von einem Aufklärungs-Spot der englischen Sussex Safer Road Partnership, der heute Morgen durch einen Blogpost der wunderbaren @ApfelMuse in meine Twitter-Timeline gespült wurde. Der Titel: „Embrace Life“ (nie war ein Titel passender). Das Thema: Anschnallen. Die Umsetzung: völlig anders als die Schocker-Werbungen, die man gemeinhin als abschreckende Maßnahme einsetzt. Ich halte auch die Schocker für durchaus effektiv, aber dieser Spot hier strahlt eine Tiefe aus, die seine brutalen Vorgänger vermissen lassen. Er erreicht mich auf eine Weise, die ich nur ganz schwer beschreiben kann. Hier kommt er. Ton an! Herz auf! Verstand auf Empfang! Und fahrt NIE wieder unangeschnallt. Bitte.

ssrp_spot

Natürlich habe ich eine besondere Affinität zu Anschnallgurten, seit ich im Jahr 2000 bei Tempo 80 frontal in einen Lkw crashte. Wären ich und der damals halbjährige Turbosohn nicht perfekt angeschnallt gewesen, säße ich jetzt wohl nicht hier. Ich danke meinen Eltern dafür, dass sie mir sehr früh klar machten, wie wichtig Anschnallen im Auto ist. Ich danke meinem Mann dafür, dass er mich am Vorabend des Unfalls damals noch darauf hinwies, dass auf der Rückbank unbedingt das in die richtige Richtung zeigende Gurtschloss für die Babyschale benutzt werden muss – und nicht einfach das, welches man gerade am besten zu greifen kriegt. Ich danke dem Zufall/Schicksal, dass meine Nachbarin, die eigentlich mitfahren wollte, dann doch nicht konnte, weil sie sonst von der in den Innenraum hinein spießenden A-Säule meines Opels gepfählt worden wäre. Und ich danke, halleluja, meinem Gurt, der hielt und zusammen mit dem Airbag einen verdammt guten Job machte.

unfall

Aus diesem Blechhaufen kroch ich am 27. März 2000 „nur“ mit einem gebrochenen Brustwirbel, Prellungen und einigen Schnittwunden, raus. Wäre ich nicht angeschnallt gewesen und hätten nicht alle Airbags in Sekundenbruchteilen ausgelöst, hätte man mich wohl als klebriges Häufchen Blut und Knochen von der Motorhaube des Lkw kratzen können. Dem Sohn geschah nichts. NICHTS. Weil nämlich seine Babyschale, vorschriftsmäßig auf der Rückbank (!!!) entgegen der Fahrtrichtung angeschnallt, den Aufprall perfekt abfing.

Ehrlich, Leute: Unangeschnallt fahren ist alles andere als cool. Es ist auch nicht „Freiheit“ im Sinne von „ich lass mir doch nix vorschreiben“. Es ist einfach nur dumm und gefährlich. Bringt Euren Kindern so früh wie möglich bei, dass Anschnallen – genau wie das Sitzen in einem altersgerechten Kindersitz – das Selbstverständlichste der Welt ist. Macht klar, dass kein Meter gefahren wird, wenn nicht alle Personen im Auto angeschnallt sind. Ihr könnt gern von mir und den vielen zehntausend anderen Menschen erzählen, die schlimme Unfälle mit nur unwesentlichen Verletzungen überlebten, weil sie eben nicht durch die Scheibe an den nächsten Baum flogen, sondern im zerknautschten Auto einigermaßen geschützt blieben.

Ich hörte letztens das Argument „Ich schnalle mich nicht an, weil ich bei einem Unfall lieber gleich tot statt gelähmt sein will“. Denkweisen wie diese erschließen sich mir nicht, sorry.

Update: Noch ein preisgekrönter Spot zum Thema kommt aus der Produktion der belgischen Bank Axion by dexia. Er heißt „Heaven can wait“ und transportiert diese Message ziemlich gut:

27 Comments

  • rachel lindenbaum

    das auto meiner omma (opel astra) piepst erst enervierend, wenn man nicht angeschnallt ist und nach einer weile geht es einfach aus und fährt nicht weiter. leider sind erst die modernen autos derart ausgestattet.

  • Deditte

    Ich werde immer ausgelacht, da ich mich anschnalle bevor ich den Schlüssel drehe – bei mir ist der Automatismus so groß, dass ich das automatisch auch dann mache, wenn ich in der Garage die Autos umparke. Ohne Gurt zu fahren fühlt sich völlig falsch an. Und wenn man dann solche Erlebnisse hatte wie Du, natürlich noch viel mehr.
    Ich werde den Link auch auf Facebook einstellen, über Twitter läuft der RT ja bereits.

  • Trischa

    Vielen Dank, ich werde das gleich mal an meine Freundin weiterleiten. Deren Mann hat neulich die dreijährigen Zwillinge ohne Kindersitz auf den Vordersitzen eines Transporters durch die Gegend chauffiert. Er selbst würde ja immer vorsichtig fahren, war seine Begründung.

  • ApfelMuse

    Dein Blogpost hat mich noch mehr berührt als das Video. Danke, dass du durch deine Geschichte die Wirkung des Videos noch verstärkt hast.
    Auch bei mir hat meine Mutter in frühester Kindheit einen Automatismus gelegt. Während ich einsteige greife ich schon nach dem Gurt, das geht gar nicht anders.

    Wie schön, dass nicht durch dein Gurt damals gehalten, deine Airbags ausgelöst und dein Sohn richtig angeschnallt war. Wie schön, dass auch Eure Schutzengel richtig gut aufgepasst haben :-))

    Ach ja und danke für die „wunderbare“ ApfelMuse 😉

  • wilmer

    Ich kann garnicht anders. Wenn ich nicht angeschnallt bin, fühle ich mich irgendwie falsch im Auto. Und das Argument mit „lieber tod als gelähmt“ ist keins: Eigentlich muss es heißen: lieber ein paar blaue Flecken als Tod.
    Sicherheitstechnik in halbwegs modernen Auto schützt hervorragend bis ca 100km/h. Danach ist man mit, oder ohne Gurt tod. Deswegen ist es mir ein Rätsel wie man bei 140km/h auf 2m auffahren kann …

  • Franz

    Ich habe in meiner Zeit als Volontär bei einer Lokalzeitung vielen Auto-Unfälle gesehen. Die „Auswahl“ zwischen gelähmt und tot gab es fast nie. Entweder war der Unfall so schrecklich, dass auch der Gurt nichts geholfen hat, oder der Gurt hätte „gesund leben“ statt „tot“ bedeutet. Nur zwei Fälle, an die ich mich noch besonders erinnere:

    Porsche gegen Baum – das Auto war in relativ gutem Zustand, Fahrgastzelle weitgehen intakt. Aber der Fahrer war nicht angeschnallt und flog durch die Scheibe. Der Aufprall mit dem Kopf durch die Scheiben und dann auf den Boden hat ihn getötet.

    VW Golf missachtet innerorts die Vorfahrt und wird von der Seite mit (nur!) Tempo 45 erwischt. Die Fahrerin war nicht angeschnallt, wurde durchs Fenster geschleudert und überlebte den Aufprall auf den Asphalt nicht. Das unglaublich bedrückende Gefühl beim Anblick ihrer leblosen Hand mit ihrem Ehering, der unter der Abgeckplane hervorstand, werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

    Ich kann Dir nur absolut und uneingeschränkt zustimmen: Ohne Gurt fahren ist unglaublich dumm und hat mit „cool“ nicht das Geringste zu tun.

  • ice2more

    In vergangener Zeit habe ich selten so gute Werbespots gesehen. Schön durchdachte, emotionale Umsetzung. So muss Werbung aussehen! Danke für diesen Beitrag.

    @Deditte: Dieser Automatismus ist mir auch bekannt – fehlt leider vielen anderen.

  • Reflektionen

    Alles gesagt!

    Ich fahre niemals los, wenn nicht alle angeschnallt sind.

  • golupo62

    Da hatte ich echt Pipi in den Augen. Sogar beim zweiten Mal war ich so intensiv berührt. Diese Komposition um so ein Thema umzusetzen – Respekt!

    Ich bin Taxifahrer und habe mir vor vielen Jahren angewöhnt, mich immer anzugurten. Eigentlich bräuchten wir das nicht, wenn wir mit Gästen fahren. Aber gerade im Stadtverkehr kann man täglich viele Situationen erleben, die die Anschnallpflicht rechtfertigen.Solche Spots sollten zur Sendepflicht auf allen Fernsehkanälen bestimmt werden.

  • Daniel

    Ich habe schon immer gelernt nur angeschnallt zu fahren.
    Da ich erst vor einem halben Jahr meinen Führerschein gemacht habe ist es auch noch (und bleibt hoffentlich immer) ein Automatismus, dass ich mich hinsetze, Gurt anlege und dann erst weiter mache.

  • sandra

    ich habe während meiner Abizeit mehrere Mitschüler verloren, bei einem Autounfall, unangeschnallt – besoffen !
    Vernünftiges Verhalten in unserer Gesellschaft wird immer weniger weitergegeben , ist mein Gefühl. Mich wundert nur immer das gerade Eltern oft so leichtsinnig sind ?! Sollte ihnen nicht die Sicherheit des eigenen Kindes besonders am Herzen liegen ???

    liebe grüsse sandra

  • Agent Dexter

    Ich habe einen jüngeren Cousin, dessen Vorliebe schnelle Autos sind. Das darf natürlich sein, aber er hat schon einige Unfälle mit seinen bisherigen Autos gehabt und hat seit einigen Wochen einen BMW, über den er eigentlich nur im Zusammenhang mit dem Schnellfahren und das Gefühl, das er dabei hat, spricht. Leider tut er das auch im Beisein, von Eltern und Großeltern und manchmal will ich ihn nur sagen, wie bekloppt das alle ist.

    Und ja – ich stehe dazu – ich bin ein Anschnaller! 😉

  • scaramut

    Meine Güte Liebes, was bin ich froh, dass Dir und Deinem Turbosohn nichts gravierendes geschehen ist!
    Und ja; Anschnallen ist nicht nur Pflicht, es ist auch die Versicherung auf ein längeres Leben!

    Danke für solch offene und wachrüttelnden Zeilen!

  • scaramut

    …und dieses Video, ich werde es weitertragen, denn die Botschaft ist wirklich mehr als wichtig.. mir lief es eiskalt den Rücken runter.. Diese Tiefe ist wirklich beeindruckend…

  • Oli

    Einfache und effektive Regel, bevor der Zündschlüssel gedreht wird:

    Wenn es weit genug ist um zu fahren, ist es auch weit genug um sich anzuschnallen.

    Auch als Beifahrer sollte man den Fahrer stets daran erinnern – noch bevor ein Gurtassistent Alarm schlägt.

  • Oliver Schwab

    Ach Zicklein,

    das mach ich doch auch im Feuerwehrauto: Vor dem Starten des Triebwerks wird eine Ansage nach hinten gemacht: „Anschnallen nicht vergessen“ und dann gehts los – nachdem man von hinten das Klicken der Gurtschlösser gehört hat.

    Safety first – auch im Feuerwehreinsatz.

    Oli

  • Bianca

    Bei Apfelmuse hatte ich das Video auch entdeckt und am Dienstag hatte ein Teil unseres Twitter-Stammtisches mir erzählt, was für einen bewegenden Text Du dazu geschrieben hast. Es ist mehr als Beispielhaft. Und Du hast allen Nörglern und Proleten, die ohne Gurt fahren, eins vorraus: Erfahrung. Und das zählt. Danke für diese Worte und dank, dass wir daran teilhaben durften!

  • VerSacrum

    Hier Gänsehaut, Sch****!!
    Wer Anschnallen spießig findet, dem ist nicht mehr zu helfen. Das muss einem in Fleisch und Blut übergegangen sein.

  • Jan

    Da ich passionierter Fahrer bin und wir auch im Motorsportclub(wir gehören zum ADAC) Verkehrserziehung mit den Grundschülern hier machen, kann ich das nur vollends unterstützen. Und ja ich schmeiße auch leute raus, wenn ich merke, dass sie sich wieder abschnallen(passiert, wenn man Freunde ausm Club abholt.)
    Leute die mich kennen, wissen wie bei mir im Wagen der Hase läuft.

    Auch eine Unsitte ist dieses mehr leute mitnehmen, als Sitzplätze im Auto erlaubt sind.
    Durch so eine Scheiße(verzeiht die deutlichen Worte) stand ich schon Grab eines Bekannten.

    Und diesen Film möchte ich bei diesem Thema auch noch einwerfen http://vimeo.com/9393347

  • Beate Elena Koch

    Ich schnalle mich auch automatisch an, wenn ich im Auto sitze, aber oft muss ich die Mit- und Beifahrer ermahnen. Ist schon mühsam, diese Kontrolle. Und nicht immer, aber oft, wird dadurch ja ein Leben gerettet.

  • Katja

    Vor Jahren habe ich mal Mitgliedern meiner Projektgruppe angeboten, sie in das andere Büro unserer Firma zu fahren, in einem anderen Stadtteil. Die Spanierin wollte sich partout nicht anschnallen, obwohl ich mich weigerte, so loszufahren. Sowas hätte sie ja noch nie gemacht. Ob ich denn so schlecht fahren würde? (Nein, aber ich weiß ja nicht, wie die anderen Verkehrsteilnehmer so drauf sind. Shit happens. Außerdem bin ich hier der Chef im Auto.) Die peinlich lange Diskussion konnte ich dann schließlich beenden, indem ich ihr sagte: „Wenn du ein Verkehrsmittel suchst, in dem du dich nicht anschnallen musst – fahr mit der S-Bahn. Der Bahnhof ist da hinten.“ Da hat sie sich dann schließlich murrend angeschnallt.
    Ich selbst fühle mich ohne Gurt im Auto übrigens auch nackt.

  • textzicke

    Liebe Katja,

    sehr gut gemacht!
    Ein bisschen drastischer ging ich mit einer (ebenfalls spanischen) ehemaligen Mitbewohnerin vor: Als sie sich partout weigerte, sich anzuschnallen, meinte ich nur „oh, na gut, wie du meinst“, fuhr los und legte in unserer Wohnstraße bei ca. Tempo 20 eine Vollbremsung hin. Sie rumpelte bilderbuchreif mit der Stirn aufs Armaturenbrett und kreischte. Passiert ist nichts, aber der Schreck saß – ich lächelte sie danach nur freundlich an und meinte „DAS waren jetzt schlappe 20 km/h“. Sie schnappte sich den Gurt und das Thema war fortan vom Tisch. ^^

  • Katja

    Das ist ja viel besser! Die Dame hast du damit ehrlich und hoffentlich nachhaltig überzeugt. Das hat meine Erpressung sicher nicht geschafft und wahrscheinlich geistere ich noch heute als „die bekloppte Deutsche“ durch die Anekdotenfolklore besagter Dame. (Falls sie nicht inzwischen bei einem Autounfall… Lassen wir das.)

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