Gerade gelesen im Medizin-Newsletter √ľber den aktuellen Standard in der Behandlung von Ohrenentz√ľndungen:

„Bei schweren Formen erfolgt eine systemische antibiotische Therapie, vorwiegend mit Ciprofloxacin zur Abdeckung von Pseudomonaden. Eine mikrobiologische Diagnostik ist nur in therapierefrakt√§ren F√§llen notwendig.“

ūüė°ūüė°ūüė° ES. MACHT. MICH. SO. W√úTEND. ūüė°ūüė°ūüė°

Auf gut Deutsch heißt das nämlich:

„Bei einer Ohrenentz√ľndung k√∂nnten¬†immerhin rein theoretisch (!) echte Superschurken-Keime im Spiel sein. Au√üerdem jammern Patienten ja gern mal nach irgendwas, das m√∂glichst schnell hilft. Weil wir au√üerdem¬†keine Lust auf das Anlegen von Bakterienkulturen haben,¬†Ciprofloxacin 2002 noch als ungef√§hrlich eingeordnet war und immerhin meist gut hilft, verschreiben wir es ohne mit der Wimper zu zucken und ohne zu testen, ob es √ľberhaupt anschlagen w√ľrde. Fluorchinolone wie Ciprofloxacin sind Antibiotika, die a) eigentlich mal als Reserveantibiotika gegen multiresistente Keime gedacht waren und b) neben den bekannten Nebenwirkungen¬†z.B. Abrisse der Achillessehne, chronische Ersch√∂pfung und Schmerzen sowie lustige Herzrhythmusst√∂rungen hervorrufen k√∂nnen – irreversibel. Hatten wir die psychotischen Symptome und Krampfanf√§lle schon erw√§hnt? Ja genau, das auch. Sonst aber alles supi.“¬†


Bitte auf der Zunge zergehen lassen:
Ciprofloxacin ist grunds√§tzlich ein RESERVEANTIBIOTIKUM¬†gegen schwerste Infekte mit multiresistenten Erregern (MRSA). Das sind die, man sich √ľberwiegend im Krankenhaus [sic!] einf√§ngt und wegen derer einem dann das Bein abfault, man m√∂chte gar nicht daran denken.¬†In den USA nimmt man das Wort „Reserveantibiotikum“ ernst und setzt es tats√§chlich nur bei Keimen ein, gegen die g√§ngige Antibiotika schon resistent sind. Nur Deutschland f√§hrt mal wieder die Vogel-Strau√ü-Taktik.

Trotzdem kann ich sofort 5 Freundinnen aufz√§hlen, die das Ciprofloxacin-Rezept wegen einer unkomplizierten Blasenentz√ľndung (!) in die Hand gedr√ľckt bekamen – nat√ľrlich ohne vorherige Keimbestimmung, weil es ja „so bew√§hrt“ ist und die „mikrobiologische Diagnostik nur notwendig, wenn alles andere versagt hat“, siehe oben.
Und mir wollte es k√ľrzlich die HNO-√Ąrztin bei einer lokalen Geh√∂rgang(!)entz√ľndung verschreiben. Die danach √ľbrigens mit meiner selbstgemachten Weidenr√∂schen-Tinktur binnen 24h ausheilte, aber darauf muss man ja auch erstmal kommen. [Hier darf man sich jetzt gern eine ganze Reihe saftiger, nicht jugendfreier Fl√ľche hindenken.]

Wegen dieser sehr gängigen, von mir liebevoll Smarties-Party genannten Verschreibungspraxis ist die Resistenzenlage jetzt schon hochkritisch. 

Und ja:
Neben den o.g. unverantwortlichen Wei√ükitteln ist jeder, der √ľber Antibiotika-Resistenzen jemals etwas geh√∂rt hat, sich aber im Krankheitsfall unkritisch alles einpfeift, was Tante oder Onkel Doktor verschreiben, daran mit schuld.

Jeder, der das alles nicht gen√ľgend penetrant hinterfragt und notfalls eben googelt oder eben Leute wie mich als Freundin fragt, IST DARAN MIT SCHULD.
ūüíõ¬†Werdet deshalb BITTE, BITTE, BITTE kritischere Patient*innen! ūüíõ

Antibiotika sind nämlich zweifellos bei sehr schlimmen bakteriellen (!) Infekten ein Segen Рaber ein verdammt stumpfes Schwert, wenn Heilende damit völlig unreflektiert um sich werfen und 100% chemie- und weißkittelhörige Kranke bei jedem eingewachsenen Zehennagel danach plärren.

Denn holdrio!, das tun sie!
Um genau zu sein, bewerten Patienten √Ąrzte auf entsprechenden Portalen sogar besser, wenn diese ihnen gegen Halskratzen & Co. Antibiotika verschreiben.¬†Nachrichten wie diese lassen mich an unserem baldigen Aussterben wirklich kaum noch zweifeln.

(Denkt man nach diesem Text, dass ich stinkw√ľtend bin? Naja, ich bin stinkw√ľtend. Und zu was? Zu Recht.)

2 Kommentare zu “„Wenn sie keine Smarties haben, sollen sie eben Antibiotika essen!“”

  1. Peter Spohn sagt:

    Du hast Recht, stinkw√ľtend zu sein. Auch mir geht bei der Handhabe mit Antibiotika der Hut hoch. Wenn auch einige Patienten den Sinn und Zweck von Antibiotika nicht kennen und das Zeug als Schmerzmittel ansehen, dann sollte doch wenigstens der Arzt so verantwortungsvoll damit umgehen, und nur dann verschreiben, wenn es nicht anders geht. Dazu geh√∂rt auch, die Ursache des Patientenproblems zu erforschen. Bis jetzt habe ich eine √Ąrztin, die wirklich verantwortungsvoll damit umgeht und vor der Verschreibung von Mendikamenten wirklich die Ursache erforscht.

  2. Miriam sagt:

    Kann ich nur unterschreiben und verstehe deinen √Ąrger sehr gut. Habe vor kurzem dazu intensiv recherchiert und hier eine Bildergalerie der h√§ufigsten Krankheiten, bei denen AB nachweislich √ľberfl√ľssig ist, erstellt. https://www.lifeline.de/medikamente/antibiotika/galerie-antibiotika-ueberfluessig-id169251.html

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