Der Absturz der Germanwings-Passagiermaschine 4U9525 am 24. März 2015 hat die Welt aufgewühlt. Vorherrschend sind Gefühle von Trauer, fassungslosem Entsetzen, Hilflosigkeit, Angst und Wut auf den eventuellen Verursacher der Tragödie.

Doch als wäre der Flugsteugabsturz, der 150 Menschen das Leben kostete, nicht schrecklich genug, offenbaren sich in der Berichterstattung die tiefsten stinkenden Sümpfe menschlichen Seins.

Da wurden „Experten“ bereits zu einem Zeitpunkt befragt, zu dem sie noch keinerlei Aussagen machen konnten, nur damit irgendjemand irgendwas sagt.
Die Folge: wilde Mutmaßungen ohne jeden Rückhalt, die man sich ebenso sparen kann.
Nutzen für den Fortgang der Ermittlungen oder den Trost Hinterbliebener: null.

Da werden, pietätlos wie immer, Bilder von weinenden Angehörigen gezeigt, von Trümmerteilen und von Ortsschildern, nur damit man irgendwas sieht.
Die Folge: Explodierende Klickraten auf Bildstrecken, lodernder Voyeurismus unter den Betrachtern.
Nutzen für den Fortgang der Ermittlungen oder den Trost Hinterbliebener: null.

Da befragt man wahllos Familienangehörige, Nachbarn, entfernte Bekannte, wen auch immer, nur damit wir an den Bildschirmen sehen, dass da draußen etwas Schreckliches, nicht wahr sein Dürfendes geschehen ist, aber gottseidank nicht uns selbst.
Die Folge: Traumhafte Einschaltquoten bei Brennpunkten & Co. – aber vor allem alptraumhafte zusätzliche Belastungen für Menschen, die gerade erst ihre Liebsten verloren haben und mit dem kreischenden „WARUM!?“ in ihrem Kopf sowieso schon mehr tragen müssen, als ein Mensch jemals ertragen müssen sollte.
Nutzen für den Fortgang der Ermittlungen oder den Trost Hinterbliebener: null.

Und dann wird zu einem Zeitpunkt, an dem man zwar eine furchtbare Schuld vermutet, aber keinerlei Beweise hat, eine widerwärtige Hatz auf die Familie eines Mannes gemacht, der vielleicht aus irgendwelchen Gründen 149 weitere mit in den Freitod nahm. Vielleicht. Auch hier: null Nutzen, dafür aber Hass in Dimensionen, die mir schon beim Hinlesen Übelkeit verursachen. Dass auch diese Familie ein Mitglied verloren hat, interessiert längst niemanden mehr. Er ist ja vermutlich DER BÖSE, und um DEN BÖSEN darf man nicht trauern, sondern ist – hey, Pech gehabt! – als Familie automatisch mit schuld.
Was soll man zu solchen Dingen sagen? Es ist absurd.

„Witwenschütteln“ nennt man all das, und dieser Begriff umschreibt den ganzen gifttriefenden Kern der Sache leider gut.

Ich möchte an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen, wie enorm mich die Art, in der derartige Unglücke ausgeschlachtet werden, anwidert – ebenso wie die Konsumenten dieser Art von Berichterstattung. Es beschämt mich, dass selbst respektable Medien (also nicht nur die BILD, von der man freilich nichts anderes erwartet hat) hier ohne jegliches Fingerspitzengefühl agieren und sich schlicht benehmen wie eine tollwütige Axt im Wald.
Andere haben das schon zur Genüge getan und ich sammle hier einfach mal diejenigen Artikel, die mir aus der Seele sprechen:

Mit diesen drei Artikeln ist fast alles gesagt, was ich zu diesem Zeitpunkt auch sagen möchte. Für weitere Hinweise auf fundierte Mitdenker bin ich aber dankbar und verlinke sie hier gern.

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2 Kommentare zu “Witwenschütteln. Berichterstattung in Zeiten von BILD-„Intelligenz“.”

  1. »Die Hölle, das sind die anderen« | Image and View sagt:

    […] verlorene Ehre der schreibenden Zunft« (Meike Lobo, »Frau Meike sagt«, 27.3.2015) »Witwenschütteln. Berichterstattung in Zeiten von BILD-Intelligenz« (Lilian Kura aka »Textzicke«, […]

  2. Links, Kalenderwoche 14/2015 | Alles ist wahr. sagt:

    […] lest einfach, was Frau Meike und die Textzicke geschrieben […]

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