Ich bin mit dem Fahrrad in Starnberg unterwegs. Eigentlich muss ich in den Bioladen; Brot und Käse sind alle. Als ich mein Ziel fast erreicht habe, lenkt eine Bewegung meine Blicke auf die gegenüberliegende Straßenseite. Da ist ein Dreiergespann unterwegs, augenscheinlich bestehend aus Mutter, Oma und Kind. Nein, falsch, sie sind gerade nicht unterwegs, denn die Oma ist stehen geblieben, packt den höchstens 5-jährigen Buben grob an den Oberarmen und schüttelt ihn. „Du hasch die Mama g’ärgert! Sei endlich brav, du unmöglichs Kind!“ tönt es in gehässigem Schwäbisch bis zu mir hinüber. Es folgt weiteres, noch heftigeres Schütteln und weitere Beschimpfungen. Der Bub sieht zu Boden, murmelt irgendwas und lässt sich schütteln, als wäre er es gewohnt. Ein schrecklicher Anblick, der mich an einen kürzlich verbloggten Werbespot erinnert. Die Mutter steht einfach daneben. Entweder findet sie das handgreifliche Vorgehen der anderen Frau völlig okay oder sie greift aus anderen Gründen nicht ein.

Mein Mutterherz macht komische Hopser, in meinem Bauch rumpeln Wackersteine. Da ist eine mir völlig fremde Frau, die ein mir ebenfalls fremdes Kind behandelt, wie ein Kind nicht behandelt werden sollte. Tatenlos zusehen? Ist nicht mein Ding. Mein erster Impuls ist „Hinrennen, das Kind schnappen, weglaufen und über die Schulter zurückrufen: SIE HABEN DIESES KIND GAR NICHT VERDIENT!“. So viel zur Theorie, denn in die „Erziehung“ wildfremder Menschen einzugreifen, kann für das Kind übel nach hinten losgehen.

Ich beschließe fürs Erste, dem mittlerweile weitermarschierenden Trio zu folgen. Das Fahrrad lasse ich unabgesperrt stehen; es gibt jetzt Wichtigeres. Der Abstand ist ungefähr so groß, dass ich noch verstehen kann, was gesprochen, nein, gekeift wird. Was ich höre, ist nicht schön. Was ich sehe, ist aber noch viel weniger schön. Der Bub – laut einem Schild am Rucksack heißt er „Luca“ – versucht nämlich trotz allem immer wieder, die sorgfältig manikürte Hand der Oma zu greifen. Wie kleine Buben es eben tun sollen, wenn sie mit der Oma an der Straße gehen; man predigt es ihnen ja immer wieder. Brav und fügsam trottet er dahin, die kleine Hand wandert vorsichtig Richtung Omas Hand. Omas Hand jedoch ergreift nicht die seine, kleine, weiche – nein, Omas Hand krallt sich wie ein Schraubstock um den dünnen Unterarm und zieht ihn grob zu sich heran. Ein kleiner Schmerzlaut entfährt dem Jungen, ein zaghafter Befreiungsversuch folgt – aber Oma lässt nicht los. Fünfzig Schritte weiter wird es Oma zu blöd und sie stößt den Kinderarm verächtlich wieder weg. Der Junge reibt ihn sich verstohlen, und jetzt sehe ich die blauen Flecken. An beiden Unterarmen, omafingergroß. Neu sind die Flecken nicht. Mir bleibt die Luft weg.

Jetzt fahren in meinem Hirn die Gedanken Karussell: Polizei? Jugendamt? Kinderschutzbund? Ich? Irgendjemand muss doch hier was unternehmen! Es ist Kindesmisshandlung, die ich hier gerade beobachte, oder nicht? Mindestens ist es gemeine Gefühlskälte, auch seitens der Mutter, die nach wie vor so tut, als ginge sie das alles nichts an. Ich bin kurz davor, zu ihr zu rennen und zu schreien: „Ist das denn nicht Ihr Kind? TUN Sie doch endlich was!“

Der Junge wird wieder am Arm gepackt, weil er es wagte, wieder nach Omas Hand zu greifen. Kleiner Schmerzlaut. Wieder wird er nach wenigen Metern weggestoßen. Wieder kriecht eine kleine Hand nach oben, diesmal lässt die Oma zu, dass er ihre Hand ergreift. Schlaff wie ein toter Fisch ist jedoch die Omahand, keinerlei Gegendruck, es muss anstrengend sein, sich daran festzuhalten. Jeder Millimeter ihres Verhaltens zeigt, wie ätzend sie die Anwesenheit dieses kleinen Wesens an ihrer Seite findet. Mir schießen die Tränen in die Augen, ich fühle mich wütend, hilflos und überflüssig und weiß absolut nicht, was jetzt angebracht ist.

Das Trio überquert die Straße, ich hinterher. Da steht ein Auto, eine silberne Mercedes B-Klasse, hübsch sauber gewaschen und poliert, Starnberger Kennzeichen. Die Mutter sperrt auf, der kleine Luca klettert schniefend in seinen Kindersitz und wird von Oma ungeduldig zerrend angeschnallt. Meine letzte Chance, irgendwas zu unternehmen, doch ich stehe wie angenagelt. Was könnte ich ausrichten, ich, ein fremder Mensch, der zufällig beobachtet hat, was durchaus als Kindesmisshandlung durchgeht? Wenn ich jetzt hinlaufe und die beiden „Damen“ zur Rede stelle – wer wird es zuhause dann wohl ausbaden müssen? Genau. Ich lasse den Gedanken fallen.

Die Türen fallen zu, die Mutter startet den Motor. Oma hat sich neben das arme Kind auf die Rückbank gesetzt, man sieht nichts mehr, die hinteren Scheiben sind abgedunkelt. Ich zapple hilflos herum, notiere das Kennzeichen auf meinem iPhone, mache einen Schritt nach vorn, dann wieder zurück. Zu spät, zu spät! Sie fahren weg, die hasserfüllte Oma sitzt genau neben dem armen Luca, bestimmt macht sie ihn die ganze Fahrt über weiter zur Schnecke und ich habe nichts dagegen getan.

Das Auto biegt um die Ecke, ich stehe mit hängenden Schultern sinnlos herum und  heule. Dann fällt mir ein, dass ja mein Vater ehrenamtlich beim Kinderschutzbund arbeitet. Bestimmt weiß er, was zu tun ist; ich rufe ihn an. Traurig und erbost erzähle ich ihm, wa sich beobachtet habe. Frage nach seiner Meinung. Bekomme die Antwort, dass der Kinderschutzbund in solchen Fällen leider auch nur als Vermittler auftritt, rechtlich gar keine Befugnisse hat und deshalb bei Verdacht auf Kindesmisshandlung immer mit Polizei und Jugendamt kooperieren muss. Ob er für mich bei der Polizei anrufen solle? Er habe da einen Ansprechpartner. Dankbar gebe ich ihm das Kennzeichen und nochmal alle Details. Dann lege ich auf, setze mich auf einen Betonpfeiler und starre stumpf vor mich hin, ohne die Tränen abzuwischen, die mir jetzt übers Gesicht strömen.

Fünf Minuten später klingelt mein Handy, Papa ist dran und erzählt mir, was man bei der Polizei gesagt hatte. Natürlich: Ohne „Gefahr im Verzug“ und handfeste Beweise könne man gar nix tun. Eine Halterfeststellung via Autokennzeichen, klar. Es würde dann auch eine Streife zu der dahinter steckenden Adresse fahren und „mal gucken, ob sich irgendwas Verdächtiges tut“ (damit meinen sie wohl, dass die böse Oma vor dem Haus den Kleinen verprügelt, nehme ich an. So blöd wird sie nur „leider“ nicht sein). Bei der Familie direkt nachfragen würde man jedoch nicht. Das Jugendamt verständige man, klaro, und dann würde man sehen, ob in der Vergangenheit Ähnliches bekannt geworden sei. Falls ja, könne man die Familie wieder stärker ins Visier nehmen und eventuell Hausbesuche machen. Sollte sich aber herausstellen, dass zu dem silbern blitzenden Mercedes eine ebenso sauber blitzende, unbescholtene Starnberger Familie gehört, müsse man sie in Ruhe lassen. BINGO. :-(

Das soll’s also gewesen sein? Ein Kind erleidet seelischen und körperlichen Schmerz in einem Land, das Kinderrechte ach so groß schreibt – und es passiert NICHTS?

Vielleicht hätte ich ja doch hinrennen und direkt eingreifen sollen. Vielleicht hätte ich heimlich mit dem Handy filmen sollen, was sich da wenige Meter vor mir zutrug. Vielleicht hätte ich … ach, was hätte ich tun können? Wisst Ihr es, liebe Leser? Was in solchen Situationen richtig ist und was falsch?

Eure Gedanken und Vorschläge interessieren mich. Was hättet Ihr getan?

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29 Kommentare zu “Hilfloses Zusehen und Schämen.”

  1. Christian sagt:

    : denn in die “Erziehung” wildfremder Menschen
    : einzugreifen, kann für das Kind übel nach hinten
    : losgehen.

    Ja, hm. Klar, irgendwie ja.
    Ich habe mich für mich(!) irgendwann entschieden bei so etwas dazwischen zu gehen. (Ich biete meist an, wenn sie schlagen wollten, dann sollten sie sich jemanden nehmen, der genau so groß wäre wie sie.)

    Klar stoße ich auch einmal auf Reaktionen, wo ich denke „jetzt bekommt der/die kleine noch einen drüber“. Stellt sich nur die Frage, ob’s das wirklich schlimmer macht – oder ob irgendwo im Kinderkopf hängebleibt „da ist jemand, der findet Papas/Mamas Verhalten auch doof“

    Ich habe aber auch schon mehrfach erlebt, dass in dem Moment die Eltern inne hielten und merkten, was passierte.

    (Nein, das ist kein Ratschlag, kein „hättest Du mal. Das ist nur meine Erfahrung)

  2. Dankeschön sagt:

    Lass dich mal drücken. Für deinen Mut, nicht weg zu sehen und darüber hier zu berichten. Danke, dass du dieses Erlebnis mit uns geteilt hast.

    Ich glaube es gibt in dieser Situation keine generelle Empfehlungsweise. Die einen hätten eingegriffen, die anderen nicht. Manche hätten weggesehen, manche die Autonummer im Web veröffentlicht und dort angeprangert. Du hast es genau so gemacht, wie du es in dieser Situation machen konntest.

    Was uns Betroffen macht ist unsere Hilflosigkeit. Denn selbst ein Eingreifen in dieser Situation würde das Leid des kleinen Luca wahrscheinlich nur kurzfristig geändert haben. Im Grund kannst du nur all die Liebe die du hast, deinen eigenen Kindern zu Gute kommen lassen und wissen, dass sie es gut bei dir haben. Wie so viele Kindern bei ihren Eltern. Und weiter mit offenen Augen durch die Gegend gehen. Und wenn sich eine solche Gelegenheit nochmal auftut, wirst du einfach so handeln, wie du handeln kannst. Und es wird immer „richtig“ sein.

  3. Mirka sagt:

    Uff. Ich sitze gerade am Bahnhof und bin ebenso hilflos, wie du es warst, wenn ich mir vorstelle, ICH wäre in deiner Situation gewesen. Ich glaube, das ist eine dieser Sackgassenszenen, wo man viel versuchen kann, aber nichts wirklich fruchten wird. Ich glaube, ich hätte mich ähnlich verhalten, wäre gefolgt und hätte das Kennzeichen notiert – vielleicht, in Anbetracht der Tatsache, wie wenig Behörden hier zu tun scheinen, wäre es richtiger gewesen, einzuschreiten – aber sowas kann ja sehr schnell nach hinten losgehen, vor allem, wenn man sich als Fremde gegenübersteht.
    Uff.
    Ich bin ratlos.

  4. PattaFeuFeu sagt:

    Hallo,

    ich bin nicht der größte Kinderfreund – was nicht heißt, dass ich Kinder hasse und sie wegstoße, wenn ich welchen begegne, aber ich mag keine haben und kann nicht so richtig viel mit ihnen anfangen, bevor sie so 13-14 Jahre alt sind.
    Ich hätte in deiner Situation jedoch auch ziemlich fassungslos reagiert und dein Text hat mich etwas geschockt. Ich hätte allerdings auch nur hilflos zugesehen, denn, wie du schon sagtest, ist ein Eingriff in eine fremde Erziehung meist mit größeren Problemen verbunden. Denn es gibt nur ein paar Möglichkeiten, von denen viele aber wegen Unwahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden können:
    a) »Oh, ja, danke. Ich werde mein Verhalten sofort ändern. Böse Oma!«
    b) »Mhm, ja, vielleicht haben sie Recht…«
    oder, was viel wahrscheinlicher ist:
    c) »Was mischen sie sich in _meine_ Erziehung ein? Das ist _mein_ Kind, halten Sie sich da gefälligst raus!

    Es ist wirklich traurig, so etwas mitzuerleben und da wünsche ich mir auch immer, dass solche Eltern lieber gar nicht erst hätten Kinder bekommen sollen, aber viel kann man da als Zivilperson wohl glaube ich nicht unternehmen. =(

    Patrick

  5. Sprachtraum sagt:

    Ich finde nicht, dass denkende, erwachsene Menschen in solchen Situationen hilflos sind. Wir können hingehen, sagen, dass solch ein Umgang definitiv Scheiße ist, dass wir uns das Kennzeichen notieren und Anzeige erstatten wegen Gewalt gegenüber Kindern. Wir können andere Erwachsene als Zeugen hinzuziehen.
    Ich habe mir in solch einer Situation schon mal die Ohrfeige einer schlagenden Mutter eingehandelt – allein der Blick des Kindes, das merkte, dass es jemanden auf seiner Seite hatte, war es mir wert!
    Bevor ich mir allerdings diese Haltung zulegen konnte, musste ich auch erst einmal genau solch eine Situation erleben, in der ich vor Schockstarre nicht handeln konnte. Dieses nagende schlechte Gewissen möchte ich nie mehr erleben.
    Du kannst immer noch Anzeige erstatten, Du hast das Kennzeichen. Und wenn es nur dazu kommt, dass diese Familie eine Nachricht darüber bekommt, dass jemand hingesehen hat. Was meinst Du?
    Viel Kraft und Mut wünsche ich Dir!
    Sprachtraum

  6. Iris sagt:

    Die Hilflosigkeit und die Idee davon, was dieses Kind vielleicht ertragen muss, ist wirklich schwer auszuhalten.
    Mit Sicherheit hätte ich, wie Du, geweint. Ich wünsche mir, ich würde in einer solchen Situation direkt eingreifen und die Menschen zur Rede stellen, kann mir aber gut vorstellen, dass es mir genauso ginge wie Dir: erstmal beobachten und sammeln, Für und Wider abwägen (man will ja dem Kind nicht noch zusätzlich schaden), auf den richtigen Moment warten …
    Nicht wegzusehen, das Kennzeichen zu notieren, die Polizei zu verständigen (in dem Fall über Deinen Vater), war gut und richtig; Du bist nicht untätig gewesen. Es bleibt noch die Möglichkeit, selbst beim Jugendamt anzurufen und ihnen die Fakten aus erster Hand zu liefern.

  7. textzicke sagt:

    Liebe Kommentatoren,

    ich danke für Euren ersten Einschätzungen. Fast alle teilt Ihr meine Bedenken, was das direkte Eingreifen/Nichteingreifen betrifft.

    Klar stellen möchte ich unbedingt noch eines: Würde das Einschreiten eine blutige Nase FÜR MICH bedeuten, zögerte ich nicht eine Sekunde lang. Ich bin nicht der Typ Frau, der wegschaut, nur weil er keinen Bock auf Ärger hat, sich nicht zuständig fühlt („ist ja schließlich nicht mein Kind!“) oder in einer physischen Auseinandersetzung körperlich den Kürzeren ziehen wird. Das wäre es mir JEDERZEIT wert.

    Der einzige Grund, warum ich „nichts“ tat, war die Sorge um dieses Kind. Wir wissen ja alle, was charakterschwacke Erwachsene tun, wenn man an ihrem Ego kratzt: Sie lassen es am nächstbesten Schwachen aus. Und das ist das Schreckliche in solchen Situationen.

    Weil: Homo hominis lupus. Scheiße.

  8. Barbara sagt:

    Liebe Lilian, mir steckt auch ein dicker Kloß im Hals, wenn ich sowas lese und ich kann es kaum aushalten. Ich hätte wohl ähnlich reagiert und hätte nicht direkt eingegriffen. Nachher bekommt der Junge noch ein paar extra gewischt, weil sie aufgefallen sind:-(. Aber alleine schon, dass du nicht weg geschaut hast, dass du etwas getan hast, ist wichtig. Ich würde es auf jeden Fall nochmal beim Jugendamt versuchen. Den Fall schildern. Rat holen. Vielleicht fragen die ja wenigstens mal nach. Eine Freundin von mir arbeitet beim Jugendamt in Köln, und zwar genau in der Abteilung, die dann in die Wohnungen geht und schaut, was los ist, wenn jemand Alarm geschlagen hat – oder die Kinder (!) selbst antufen – oder auch die Eltern. Wenn du magst, frag ich sie mal, wie sie den Fall einschätzt. So von Jugendamtsseite. Liebe Grüße: Barbara

  9. textzicke sagt:

    Liebe Barbara,

    oh ja, bitte frag doch Deine Freundin! Das fände ich großartig.

    Danke und liebe Grüße
    Lilian

  10. Barbara sagt:

    mach ich!
    Hab ihr erstmal deinen Blogeintrag weitergeleitet. Meld mich dann. LG, Barbara

  11. frauziefle sagt:

    Liebe Lilian,
    ich sehe das so wie manch anderer hier: man muss erst einmal durch solch eine Situation durch – weil man in dem Moment, gerade als Mutter, dermaßen viele Filme im Kopf hat, vor allem was die Justierung und die Bewertung angeht.
    Sieht man sich da nicht im ersten Moment selber stehen? Hat man nicht selber schon oft sein Kind hinter sich hergeschleppt? Oder es etwas gröber angefasst als man für richtig hält?
    Wohl wissend, dass man vor 5 Minuten angemessen gehandelt hat und in 5 Minuten wieder, nur eben jetzt nicht?
    Wie du sagst, wurde dir nach und nach klar, dass es sich hier NICHT um sowas gehandelt hat, das Kind hatte blaue Flecken am Arm, die apathische Mutter dabei – das sieht anders aus. Aber geh nicht zu hart mit dir um – du musstest das erst sehen.
    Hätte man mich angesprochen in einem wilden Kinderhinterherschleppmoment, vielleicht wäre ich sauer gewesen, wahrscheinlich hätte ich losgeheult, weil ich aus purer Anspannung gehandelt hätte.
    Nicht so hier. Hier sieht das systematischer aus.
    Vielleicht hat die Mutter selber psychische Probleme, vielleicht ist sie krank, depressiv, die Oma überfordert mit Tochter und Enkel – alles denkbar.
    Konkret in diesem Fall würde ich dir raten dranzubleiben. Hinsehen bedeutet nicht Verurteilen. Hinsehen kann Hilfestellung beinhalten, die zu mehr Entlastung führt, für das Kind und für die Großmutter.

    Aus der Perspektive des Kindes, die ich nur allzu gut kenne, ist es immer richtig, hinzugehen und den Mund aufzumachen. FALLS die Eltern später deswegen prügeln tuts nur halb so weh. Und prügeln würden sie ja eh – solange niemand kommt und ihnen beisteht.

  12. Jule sagt:

    Liebe Lilian,

    wie würdest Du denn in einer solchen Situation nun reagieren, solltest Du nochmals in die Lage kommen?
    Was ist Dein ganz persönliches Ziel in einer solchen Konstellation?

    Ist Dein Handeln davon „getragen“ zu vermeiden, dass der kleine Bub Dein Einmischen ausbaden müsste? Oder ist es Dir wichtig, den Erwachsenen zu signalisieren „Hier ist jemand, der Sie sieht bei dem, was Sie dem Kleinen antun“.

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein klares Auftreten mit einer sehr, sehr klaren Ich-Botschaft in Konfliktsituationen oftmals eine positive Wirkung zeigt. Und ich kann mir vorstellen, dass Du es schaffst, in Deinen Worten klar und deutlich zu sein.

    Trotzdem „hebt“ es mich auch immer wieder, wenn ich darüber nachdenke, was Erwachsene ihren Kindern antun. Ich war jahrelang ehrenamtlich in einem Verein tätig, der u.a. viel mit Heimen gearbeitet hat, in dem missbrauchte und misshandelte Kinder wohnten. Und was ich da an Geschichten gehört und gesehen habe, war für mich unfassbar! Und seitdem ich selbst Mutter bin, packen mich diese Geschichten stärker. Und auch, wenn die Geduld mit den Kindern manchmal zu Ende scheint, ist es doch der Unterschied, wie ich mit der Situation umgehe. Mein Credo: Raum zwischen Reiz und (meiner) Reaktion. So verlieren viele Situation an (gefährlicher) Brisanz, dass der Geduldsfaden reissen könnte.

  13. Violine sagt:

    Ich bin nicht gerade diejenige, die tätig wird. Eben weil ich auch weiss, dass der Schuss nach hinten losgehen kann.

    Das weiss ich auch aus eigenem Erleben.
    Mein Vater ist hochpathologisch, u.a. ist er wahnsinnig und ich bin sein Wahninhalt. Von dem er nicht loskommt (klar, sonst wäre es kein Wahn). Und immer geht er dabei gegen meine Mutter, seine geschiedene Frau los (er hat die Scheidung nie verwunden) und behauptet, er sei mein Retter gegen diese böse Frau und all das (meine Mutter ist kein bisschen böse, im Gegenteil).
    Und mit dieser Geschichte rennt er von einem zum anderen, völlig aufgelöst und leidend. Leider gab es immer wieder Leute, die darauf reinfielen und ihm und mir „helfen“ wollten. Dass der Mann gaga ist, das fiel nicht jedem auf.
    Als ich 19 war, hat er sie wegen Kindesmissbrauchs bei der Polizei angezeigt. Dachte, er hätte mich als Zeuge.
    Ich war fassungslos damals, habe überhaupt nichts mehr begriffen. (Von Wahn hatte ich damals überhaupt keine Ahnung.) Wie man sich nur so versteigen kann! Dass die Ermittlungen zu nichts in seinem Sinne geführt haben, das hat ihn nicht aufgehalten. (Klar, er muss zum Psychiater und braucht Tabletten, das reale Geschehen heilt einen Wahn nicht.)

    Ich denke da gerade dran, weil ich in nächster Zeit eine Cousine seinerseits anrufen werde, die sich für ihn eingesetzt hatte. (Ich verstehe mich an sich mit ihr, so ist das nicht, aber ich werde ihr sagen müssen, dass der Mann wahnsinnig und hochpathologisch ist. Und ausgesprochen was für den Fachmann.)

  14. textzicke sagt:

    Liebe Jule,
    liebe Pia,
    liebe Sprachtraum-Katrin,

    vielen Dank für Eure ehrliche Einschätzung. Nein, ich bin mit meiner Reaktion (oder eben Nichtreaktion) nicht glücklich. Je mehr ich drüber nachdenke, je mehr ich drüber schreibe, mit je mehr Leuten ich darüber spreche, umso klarer wird mir, dass es vielleicht doch gut gewesen wäre, hier ein Signal zu setzen. Dem Kind zu zeigen, dass es NICHT okay ist, wie mit ihm umgegangen ist. Denn: Das Kind kennt es ja nicht anders. Wie soll es unterscheiden können, was angemessen ist und was nicht? Wie soll es sich je wehren lernen, wenn ihm nie jemand die Grenze elterlicher/großelterlicher „Erziehungs“gewalt aufzeigt? Selbst wenn dieses eine Mal Fremdeingriff zu einem weiteren beschissenen Tag in des Kindes Leben führt – vielleicht nimmt es etwas daraus mit, das ihm in Zukunft hundertfach hilft. Hoffentlich.

    Ja, das ist ein guter, sehr guter Punkt. Ich danke Dir, Pia und Katrin dafür, dass Ihr ihn eingebracht habt!!!

    Liebe Grüße
    Lilian

  15. Mela sagt:

    Puha, üble Sache.
    Wie man reagieren sollte ist eine schwere Frage. Bei mir käme es mitunter auf die Tagesform an. Im realen Leben bin ich meist nur in homöopathischen Dosen schlagfertig und reaktionssicher. Ich muß mich darauf vorbereiten können(was sage ich, wie sage ich es damit es überhaupt Wirkung erzielt und nicht sinnlos verpufft oder nach hinten losgeht), aber die von dir beschriebene Situation lässt keine Vorbereitung zu. Wut und Verzweiflung im Bauch ist auch kein guter Ratgeber und führt selten zu souveränem Verhalten.

    Die Variante einen Menschen anzurufen, der weiß von was er redet finde ich deswegen sinnvoll – wenn sie auch nicht befriedigt.

    Auch bist du nicht alleine für das Wohl dieses Jungen zuständig. Es gibt da (vermutlich) noch den Vater, Kindergärtner oder Lehrer die hoffentlich aufmerksam sind und zu deren Job es gehört unangenehme Themen ins Gespräch zu bringen.

    Fazit: Du hast nicht NICHTs getan und das ist sehr lobenswert. Sei also nicht zu hart zu dir. Falls dich die Sache nicht loslässt … mit etwas Social Engeneering sollte sich der Halter ausfindig machen und über den Wohnort vielleicht sogar Kindergarten/Schule. Dort könntest du ja mit den Erziehern reden und sie bitten sie sollten doch mal deutlicher darauf achten.

  16. Frau Elise sagt:

    Achje, ich kenne diese Situation. Das Problem für solche Kinder ist: sie merken, dass das nicht ok ist, finden dafür aber keine Beweise. Weil es halt nie jemanden gibt, der bestätigt: Das ist so nicht in Ordnung, sondern falsch. Das schliesslich für sich selbst herauszufinden, kann viele Jahre dauern und das Traurige ist, dass man sich dabei ziemlich alleine gelassen fühlt. Weil man ja merkt, dass es eigentlich immer mal wieder jemanden gibt, der das eigentlich mitbekommt, aus der Familie, unter den Freunden, Bekannten oder Nachbarn. Und das tut dann oft noch viel mehr weh.

    Von daher hilft es vielleicht erst einmal nicht direkt, den Mund aufzumachen – das Kind wird bei den Eltern bleiben und dort vermutlich eine mittelprächtige Zeit erleben, bis es da weg kommt, aber es weiss halt wenigstens, dass die Eltern Fehler machen und dass die nicht ok sind – alleine das hilft viel mehr, als man vielleicht glauben mag.

    <3

  17. Georg Rittstieg sagt:

    Liebe Lilian,
    liebe Leserinnen,
    liebe Leser,

    wer kennt sie nicht diese Situationen bei denen man nachher die guten Ideen hat, bei denen man im Nachhinein unglücklich ist, (vermeintlich) nicht gehandelt zu haben.

    Doch aus meiner Sicht ist es so:
    Du hast gehandelt, Ihr alle habt gehandelt.
    Luca hat sozusagen ein Gesicht bekommen, Luca und all die anderen Lucas, Petras und wie sie noch heissen, die Kinder, denen Böses widerfährt. Ein Gesicht, einen Namen und Aufmerksamkeit.

    Aus meiner Sicht möchte ich sagen: Hardere nicht mit Dir Lilian, Du hast nicht nicht gehandelt, Du HAST gehandelt. Siehe Deinen Blogbeitrag. Die wenigsten Menschen hätten aktiver gehandelt. Und für mich, ich habe jahrelang Jugendarbeit gemacht, bleibt immer der Zweifel: Hätte ein dazwischen gehen den kleinen Luca gerettet? Nein. Es wäre vielleicht schlimmer geworden für ihn, die Handlungen womöglich heimlicher. Das „Problem“ liegt meistens viel viel tiefer, bei Mutter, Oma oder sonstwem. Sie handeln, vielleicht, aus Wut, aus Aggression. Oder aus welchen Motiven auch immer. Diese lassen sich aber nicht so einfach auf der Strasse klären. Dafür braucht es längere Gespräche, andere Leute die hoffentlich so aufmerksam sind wie Du: Lehrer, Kindergärtner etc.

    Zurück zur Strasse:
    Begegene ich Aggression mit Aggression wird es die Aggression ziemlich sicher nicht mindern, oder? Zeichen setzen finde ich gut (wenn Du den Mut hast), aber was ist mit einem anderen Weg den viele spirituelle Grössen vorschlagen, den aber sogar schon Forscher als gangbar und wirkungsvoll bewiesen haben: begegne Aggression mit dem was der Aggression als Motor dient weil zu wenig davon da ist- mit Liebe.

    Klingt extrem, oder? Aus Mangel an Liebe handeln viele Menschen böse. Ergebnis: noch weniger Liebe. Folge: Wut und Aggression steigen. Und so weiter.
    Was ich oft probiert habe und es faszinierend fand, so könnte es gehen: Gehe nicht hin und segne sie offen mit Liebe, Oma und Mutter. Das kann und wird kaum funktionieren. Was aber hindert Dich JETZT, was hindert uns jetzt, Oma und Mutter mit Liebe zu segnen?? Etwa: „Danke, dass es den kleinen Luca gibt. Danke, dass ich von Dir lernen durfte. Ich vergebe Dir und segne Dich mit Liebe.“ Von ganzem Herzen gedacht und gefühlt und mit Gedanken an Oma und Mutter gesandt hat es Wirkung. Garantiert.

    Mir ist bewusst, wie jetzt über mich gedacht wird („wahnsinnig!“, „blödsinn!“, „dümmeres nie gelesen!“, „hardcore-esoteriker!“) etc. etc. So in etwa habe ich auch gedacht, als mir jemand diesen Vorschlag machte. Als ich hörte, wer aber alles davon spricht und es schon tausende Jahre empfiehlt, dass es sogar schon in der wissenschaftlichen Forschung Nachweise über die Wirksamkeit der Methode gibt, war ich etwas „mutiger“. Ich blieb zwar in Abwehr, aber probierte es (was sollte schon passieren?). Ja, es funktionierte bei mir. Nicht beim ersten mal, nicht immer, aber oft. Und es verändert mich selbst. Ich werde dankbarer, ruhiger. Und faszinierter. Was alles so möglich ist.

    DANKE für Deinen Blob.

    Liebe Grüße,

    Georg

  18. Ulrike Hartmann sagt:

    Liebe Lilian,

    ich war in einer ähnlichen Situation wie du. Es hat mich – genau wie dich – völlig fertig gemacht und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich wollte das Kind schützen und nicht gefährden, andererseits aber der Mutter eine eindeutige Botschaft zukommen lassen.

    Dann habe ich wenig später mitbekommen, wie eine Freundin von mir handelte: Sie ging auf das misshandelte Kind zu, sah ihm direkt in die Augen und fragte ganz freundlich: „Hallo, kleiner Mann! Geht es dir gut?“
    Die Mutter, die ihn vorher so hart behandelt hatte, war sofort still. Sie hatte verstanden. Der Kleine guckte ganz erstaunt und dankbar, dass jemand auf ihn achtete.
    Mich hat das sehr beeindruckt. Sicherlich ist das nicht für jede Situation passend. Aber vielleicht ist es ein kleiner Weg, eine Eskalation zu Lasten des Kindes zu verhindern, weil die Mutter ihr Gesicht wahren konnte.

    Liebe Grüße
    Ulrike

  19. Dunja Voos sagt:

    Ich kann hier diesen Psychologie-Heute-Artikel empfehlen: „Kindesmisshandlung ist ungeheuerlich, aber nicht unbegreiflich“ (http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/kindesmisshandlung_ist_ungeheuerlich_aber_nicht_unbegreiflich/).
    Der Kinderpsychoanalytiker Hans von Lüpke schreibt hier über betroffene Eltern – darüber, dass sie zum Beispiel oft Versuche unternehmen, um Hilfe zu finden. Doch ihre eigene Scham einerseits und die kontrollierenden, moralisierenden Blicke der „Helfer“ andererseits verhindern wirkliches Verstehen.

  20. Ute sagt:

    Liebe Lilian, ich muss Georg zumindest teilweise recht geben: „Die wenigsten Menschen hätten aktiver gehandelt als du.“ Und, wer weiß, hättest du vor Ort ein deutliches Signal gesetzt, hätte die Oma vielleicht von dem Kind für den Moment abgelassen, hätte dann aber möglicherweise die Wut mit nach Hause genommen und diese dann erst recht an ihrem Enkel ausgelassen. Andererseits: Wegschauen und vergessen geht auch nicht.
    Vielleicht hast du noch das Auto-Kennzeichen? Du hast diesen Blogbeitrag geschrieben, dich beschäftigt dieser Vorfall und du bist mit dem Thema noch lange nicht durch. Also wirst du wahrscheinlich doch noch etwas tun MÜSSEN, das über diesen Blogpost hinausgeht. Möglicherweise doch das Jugendamt / die Polizeit auf den Vorfall aufmerksam machen? Den Kindergarten wirst du vermutlich kaum ausfindig machen können oder die Schule. Dort könnte man den Erziehern einen Wink geben und sie darauf aufmerksam machen, dass sie bei dem kleinen Mann ein wenig genauer hinschauen. Leider haben viele misshandelte Kinder die blauen Flecken genau da, wo man die normalerweise nicht sehen kann, weil sie von Kleidung bedeckt sind. Deine Geschichte geht mir sehr nah, auch, weil ich, wenn ich so etwas lese, immer daran denken muss, was die kleinen Menschen in solchen Situationen wohl denken und empfinden, welche Angst sie haben müssen und wie wehr- und schutzlos sie Erwachsenen ausgeliefert sind.
    Ich habe mit 17 erlebt, wie ein türkischer Vater seine Tochter vor den Augen aller Anwesenden mehrmals und heftig ohrfeigte, einzig weil das kleine Mädchen – sie war damals noch keine zehn Jahre alt -, an unserem Baggersee nur mit einer Unterhose bekleidet, zum Plantschen ins Wasser ging. Es war ein heißer Tag und die Kleine fand nichts dabei, es den anderen Kindern gleichzutun. Ich kannte sie, weil sie mich oft beim Austragen des Anzeigenblattes im Ort abpasste und ein Stück mitlief. Sie war ein ganz munteres, neugieriges Mädchen, das nicht sehr gut Deutsch sprach, aber es unbedingt lernen wollte, so hatte ich den Eindruck. Damals, am See, bin ich zu ihrem Vater gegangen und bat ihn, seine Tochter in Ruhe zu lassen, sie habe sich bei der Hitze doch nur etwas erfrischen wollen wie wir alle. Er sah mich nur spöttisch an, fasste seine Tochter am Ohr und zog sie mit sich, während er mir in gebrochenem Deutsch unmissverständlich zu verstehen gab, dass ich mich gefälligst heraushalten solle. Das Mädchen habe ich nach diesem Vorfall nicht mehr alleine auf der Straße gesehen. Mit 18 zog ich zum Studieren weg und verlor sie aus den Augen. Als ich sie rund 6 Jahre später wieder sah, trug sie Kopftuch, war sehr dick geworden und zudem hochschwanger. Sie ging nicht neben ihrem Mann, sondern einige Schritte hinter ihm durchs Dorf. Mit gesenktem Kopf. Wir sahen uns nur kurz an, aber alles, was als Kind in ihrem Blick war, Lebendigkeit, Fröhlichkeit, Neugier, Unbeschwertheit…all das war einem Ausdruck gewichen, in dem davon nichts mehr übrig war, dafür aber Leere, Scheu und Resignation. Was habe ich mit meiner verbalen Intervention damals am Baggersee erreicht? Wenig.Diesen Vorfall schleppe ich bis heute mit mir herum und ich frage mich, was ich damals noch hätte tun können? Und heute denke ich: ich hätte noch was tun können. Ich hätte zum Äußersten gehen sollen: die ganze Palette. Hätte. Und dieses „hätte“, das verzeihe ich mir – nicht.

  21. Textzicke. Das Blog. » Archiv » Hilfloses Zusehen und Schämen. sagt:

    […] den Originalbeitrag weiterlesen: Textzicke. Das Blog. » Archiv » Hilfloses Zusehen und Schämen. Bookmarken Sie uns, Danke! Mit Klick auf diese Icons kann man diese Webseite mit anderen […]

  22. Heartcore sagt:

    ch schreibe es nicht gerne, doch ich kenne derartiges Verhalten aus
    meiner Familie und habe es auch unzählige Male am eigenen Leib
    erfahren dürfen.

    Um verstehen zu können, weshalb manche Familien so handeln und manche
    nicht, muss man in die Familienhistorie schauen. Für meine Eltern und
    auch für die meisten meiner Verwandten ist es „normal“, die eigenen
    Kinder mit Gewalt zu „bearbeiten“, denn so haben sie es von ihren
    Vorfahren gelernt. Dabei spielt das Alter keine Rolle, Kind ist man
    auch mit 22. Spricht man Menschen mit solchen „Angewohnheiten“ an,
    denken diese meistens etwas aus dieser Richtung: „Was sollte daran
    schon falsch sein, schließlich wurde das schon immer so gemacht! Von
    meinen Eltern, von den Eltern meiner Eltern, und jetzt auch von mir!
    Ich wurde so, wie ich jetzt bin, weil meine Eltern mich so behandelt
    haben. Und so wie ich bin, bin ich richtig! Also behandle ich mein
    Kind, wie ich es für richtig halte. Und niemand kann mir das
    vorwerfen, denn es ist mein Kind und ich erziehe es nach meinen
    Wertvorstellungen. Ich will nur das Beste für mein Kind, und meine
    Methode ist die einzige und beste, die ich kenne. Punkt.“

    Das Problem liegt nicht an der Oma selbst, das Problem liegt an der
    Prägung der Oma. Sie kennt es nicht anders und hält ihre Art des
    Umganges mit dem Kinde für richtig. Denn so hat sie es gelernt, so
    wurde sie sozialisiert. Wärest du zur Oma hin gegangen und hättest ihr
    gesagt, dass du ihr Verhalten gegenüber dem Jungen für unangemessen,
    grob und einfach falsch hältst, hätte sie dich verwundert angesehen
    und wahrscheinlich innerlich ausgelacht. Denn die Oma, die versteht
    dich nicht. Und sie wird dich auch niemals verstehen können, denn
    dafür ist es viel zu spät. Diese Frau hat ein ganzes Leben hinter
    sich, indem sie wahrscheinlich stets genauso gehandelt hat und auch so
    behandelt wurde. Du kannst ihr nicht sagen, dass ihr Verhalten nicht
    okay ist, denn so hat sie das ihr ganzes Leben lang gemacht. Damit
    würdest du sie in ihrer Würde verletzen und sie würde wütend reagieren
    oder dich mit Sätzen wie „Das ist mein Enkel!“ zurechtweisen. Die
    Mutter des Kindes würde zur Oma stehen, denn auch die Mutter kennt es
    nicht anders. Du würdest also nur auf Unverständnis stoßen.

    Nur das Kind wäre in der Lage, dich zu verstehen. Das ist nämlich noch
    nicht verformt, geprägt oder vollkommen an die groben Gesten der
    Familie gewöhnt; außerdem leidet es. Aber das Kind würde niemals in
    der Nähe der Familie aussprechen, dass es dich versteht. Krasser
    Vergleich: was passierte mit Deutschen während des Zweiten
    Weltkrieges, die öffentlich dazu standen, dass sie Juden mögen und
    ihnen helfen würden, ganz gleich, was der Staat dazu sagt?

    Du sieht: die Situation ist sehr kompliziert und schier ohne Ausweg.
    Der einzige Hoffnungsschimmer ist das Kind. Dem muss du helfen. Es
    hilft niemandem, wenn du die Eltern ansprichst; die werden ihre
    Erziehungsmethoden von dir nicht kritisieren lassen und diese
    womöglich sogar verteidigen. Du musst, wenn du wirklich helfen willst,
    mit dem Kind reden, es von Außen stärken, ihm dabei helfen, sich einen
    Panzer zu bauen. Das Kind muss in gewisser Weise „gerettet“ werden,
    damit es nicht später selbst so handelt wie die eigene Familie. Der
    Junge braucht jetzt Unterstützung bei einer Sache, die er noch gar
    nicht begreifen kann, und muss emotional stärker werden, damit er sich
    gegen solche Gewalttaten wehren kann. Und das dauert.

    Ich bin jetzt 18 Jahre alt und war erst mit 16 Jahren in der Lage,
    mich wehren zu können. Dabei habe ich nicht zurückgeschlagen oder mit
    Worten gedroht, ich habe mich weiterentwickelt, indem ich mir einen
    Panzer aus Wissen und emotionaler Stärke zugelegt habe. Mir wurde
    schon von Klein auf geholfen, ohne dass das jemandem bewusst war; im
    Kindergarten und in der Schule habe ich erkannt, dass meine Eltern
    mich nicht so behandeln sollten, dass ich es leid bin, angeschrien und
    geschlagen zu werden. Dann kam noch das Internet dazu und gab mir den
    Rest an Stärke.

    Mein Tipp: Sprich mit dem Jungen über diese Situation, auf einem
    Spielplatz oder so, und frag‘ ihn, wie er das alles empfindet. Sag‘
    ihm noch nicht, wie du das als erwachsene Frau, als Mutter findest;
    hör‘ ihm erst zu. Und erst dann, wenn er seine Sicht geschildert hat,
    kannst du dein Empfinden zu Wort bringen. Du musst es subtil machen,
    am besten mit suggestiven Fragen. Im Grunde musst du das Kind
    manipulieren und ihm erklären, dass das Verhalten der Oma und der
    Mutter falsch war.

    Ich hoffe, das hilft dir und dem Jungen weiter. Ich spreche nur aus
    meiner Erfahrung, und dass es dem Jungen dabei helfen könnte, groß und
    stark, selbstbewusst und selbstsicher zu werden, das kann ich leider
    nicht versprechen.

    Ich wünsche dir viel Erfolg!

  23. Mella sagt:

    Es ist wichtig und richtig zu handeln, wenn ein begründeter ! Verdacht besteht. Du hast ja eindeutige Hinweise für falsches Verhalten entdecken können und zwar die blauen Flecken.

    Ich möchte mal aus eigener Erfahrung berichten, wie das Jugendamt handelt, wenn es eine Anzeige bekommt. Wir waren leider selbst von einer anonymen Anzeige gegen uns betroffen, welche sich als unbegründet herausgestellt. Wirklich unbegründet.

    Also es lag eine anonyme Anzeige vor. Der zuständige Sachbearbeiter hat uns daraufhin zu Hause besucht und sich mit uns, separat mit den Kinder und noch zusätzlich mit den Schulen unterhalten und nachgefragt.
    Wir wurden befragt, wie unser Erziehungsstil ist, wie wir in Stresssituationen mit den Kindern klar kommen etc.
    Darauf hin hat sich der Sachbearbeiter eine Meinung gebildet, die für uns mit „Freispruch“ endete, da anscheinend einer unserer Nachbarn schlecht auf uns zu sprechen ist. Wer es war, werden wir nie erfahren.
    Jugendamt Bayern.

    Also meines Ereachten wäre hier richtiges Eingreifen:
    Meldung beim Jugendamt. Anonym oder nicht, Du bleibst geschützt. Wirst aber auch kein Ergebnis erfahren.

    Mella

  24. poetin sagt:

    liebe lilian,

    danke, dass du dein erlebnis öffentlich machst. ich finde es gut, dass luca so ein gesicht bekommt.

    ich schreibe dir als eine, bei der alle weggeschaut haben. und wenn sie hingeschaut haben, dann kam nur „du hast immer so traurige augen“. ging ein lehrer gar so weit, zu fragen, ob es mir gut gehe, war die person nach einem „klar, wieso?“ erleichtert, nicht weiter fragen zu müssen. und der eine lehrer, dem ich je wagte, etwas zu erzählen, hat sich den bruchteil, den ich mich traute, zu sagen, angehört und dann kam seine frau ihn abholen und er hat nie wieder etwas dazu gesagt.

    es ist immer so, dass andere spüren, oder auch wie du, sehen, dass etwas nicht stimmt. und mir war auch als kind und jugendliche klar, dass das nicht in ordnung ist, was mir geschieht, selbst, wenn es für mich normal war.

    ich sehe es wie georg, dass die kraft der gedanken und einer liebenden haltung nicht unterschätzt werden sollte.
    und ich gehe d’accord mit heartcore, weil es nichts bringt, die misshandelnden anzusprechen. die brauchen professionelle unterstützung und die müssen sie wollen. der fall einer nur entnervten mutter, die bei ansprache dankbar in tränen ausbricht und danach alles wieder im lot ist, ist leider eher selten.

    du hast gehandelt, lilian und das getan, was dir in dem moment möglich war. ich, die aus eigener erfahrung um das leid, das kinder erleben können, weiß, reagiere auch nicht immer adäquat. schlicht, weil manchmal zu viel altes genau dann hochkommt und ich wie paralysiert bin.

    es gibt keinen grund, dich schuldig zu fühlen. du hast mit luca mitgefühlt, du hast dafür gesorgt, dass die familie ausfindig zu machen ist und deinen vater eingeschaltet. du suchst hier nach unterstützung und anregung für weiteres vorgehen bzw. handlsungweisen, solltest du noch mal in eine solche situation geraten. das ist toll!

    allen, die sagen, dass es für das kind noch schlimmer kommen könnte, möchte ich sagen:
    ja, das kann passieren. ist sogar wahrscheinlich. es kann extra-misshandlung einbringen bis hin zur lebensgefährdung des kindes. mit sicherheit, wenn diese leute sich noch etwas im griff haben, werden die misshandlungen noch heimlicher. und doch:
    ich habe mir damals nichts sehnlicher gewünscht als einen, nur einen einzigen menschen, der wirklich hinschaut. der nicht nur kuckt, der sich nicht mit einer lapidaren antwort zufrieden gibt, der aktiv wird – für mich.
    kann sein, das jugendamt wäre dann gekommen und ich hätte nicht gewagt, etwas anderes als heile familie zu spielen und es wäre alles im sande verlaufen.
    aber für mich innendrin wäre es anders gewesen. ich hätte gewusst, dass es menschen gibt, die zwar nicht unbedingt helfen können, aber es wollen. und dieses wissen hätte mich anders durch das getragen, was ich erlebt habe. da bin ich sicher.

    von daher finde ich auch die idee der freundin von ulrike klasse, nämlich, das kind zu fragen, ob es ihm gut gehe. es wird je nach systematik der misshandlungen keine wahrheitsgemäße antwort geben können/dürfen, es wohl schlicht nicht wagen. aber wieder bliebe: es hat gesehen, dass sich jemand interessiert und es meint.
    in deinem fall, wo das kennzeichen bekannt ist, auch das jugendamt einzuschalten, finde ich ebenfalls sinnvoll.

    aktiv werden heißt nicht, dass man das leiden eines kindes beenden kann. das ist schwer zu ertragen, aber realität. ob nun bei luca, der nun ein gesicht hat hier oder mit allen anderen kindern, von denen wir nicht mal ahnen, die aber täglich durch ihre persönliche hölle müssen.
    das, was georg vorschlägt, unterstützt. andere mit liebenden gedanken zu beschenken kommt bei ihnen an, das zeigt auch meine erfahrung. und ja, es gilt, nicht nur luca, sondern gerade auch seine misshandlerinnen darin einzuschließen.
    und es hilft einem selbst, wieder in die innere mitte zu kommen.

    ich zittere, während ich das hier schreibe, aber es war mir wichtig, dazu etwas zu sagen.
    danke, dass du den mut hast, den du hast. ich finde dich in ordnung so, wie du bist.

    deine lilith (@poetin)

  25. Philipp sagt:

    Hallo,
    Bin gerade über diesen Text gestolpert und es war wie ein Schlag ins Gesicht.
    Ich kann Deine Reaktion sehr gut verstehen.
    Ich bin zwar kinderlos, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass solche Ereignisse ignoriert werden dürfen.

    Zur Erklärung:
    Ich bin Schauspieler und seit Anfang des Jahres im Münchner Team des Gewaltpräventionsprojektes „Geheimsache Igel“ (www.geheimsacheigel.de).
    Wir spielen an Kindergärten und Grundschulen und üben mit den Kindern das „Nein“-Sagen in Situationen, bei denen sie sich schlecht behandelt fühlen.
    Es ist für mich immer wieder die Wucht und berührt mich zutiefst, wenn ich sehe, wie die Kinder auf das Stück reagieren und die Intention der Vorstellung begreifen,
    Statistisch ist nachgewiesen, dass in einer Schulklasse quasi jedes vierte Kind Gewalt erfährt/erfahren hat, sei es psychischer, körperlicher oder sexueller Natur.
    Dagegen kämpfen wir mit dem Stück an.
    „Geheimsache Igel“ expandiert immer mehr, wird demnächst in Frankreich und in der Schweiz gespielt und läuft nun schon seit knapp 13 Jahren.

    Nein, das soll jetzt keine (reine) Werbung fur das Projekt sein, sondern soll zeigen, dass es auf dem Gebiet Präventionsarbeit definitiv noch Bedarf gibt.
    Von daher finde ich es toll, dass Du diesen Artikel geschrieben hast. Vielleicht sollten mehr Menschen im Alltag die Augen und den Mund aufmachen…

    Ich habe den Artikel an Olaf Krätke, den Initiator von Geheimsache Igel weitergeleitet.

    Lieber Gruss,
    Philipp

  26. Svenja sagt:

    Ich kann deine Wut und Trauer nachfühlen. Man sieht ja oft Eltern (und besonders oft Mütter), die ihre Kinder in aller Öffentlichkeit ungeniert zur Sau machen, beschimpfen, schütteln, schlagen usw.
    Dass die Polizei nichts unternimmt, bis nicht etwas passiert ist, musste ich auch schon erfahren. Allerdings geht es dabei nicht um ein Kind, sondern um einen geistig verwirrten Mann, der auf dem Weg zu seiner Tagesbetreuung Schwächere (er ist sehr groß und kräftig) schubst, rempelt und anpöbelt. Nichts zu machen, so lange er mich selbst nicht angreift oder andere ihn anzeigen…
    Aber zurück zum Thema: Vor Kurzem saß ich in der S-Bahn, mir gegenüber eine Frau mit ihrer kleinen Tochter (3 oder 4 schätze ich). Hat das Mädchen nur angemeckert und als sie sich nicht sogleich setzen wollte, auf ihren Po geschlagen. Ich habe sie angeschaut und laut gefragt: „Warum schlagen Sie Ihr Kind?“, sodass es auch andere hören konnten. Außer mir hat keiner reagiert, die Frau ist zwei Stationen später ausgestiegen und ich will gar nicht wissen, was sie mit ihrer Kleinen dann noch getan hat.

  27. Oliver sagt:

    Netter Blog, mundet mir.

  28. Tillman sagt:

    der Artikel macht mich wirklich traurig. Es ist furchtbar, dass soetwas passiert und man vielleicht erst bei genauem Hinsehen bemerkt, was los ist. Vielleicht hättest du die Polzei rufen sollen und ihr die Situation schildern. Ich weiß nicht ob sie hätten den Jungen untersuchen dürfen. Vielleicht wären sie auch viel zu spät da gewesen. Hast du denn noch was rausbekommen mit dem kleinen? Ihn nochmal gesehen?

  29. Marie sagt:

    Unbedingt direkt eingreifen um den Misshandlern und dem Kind zu zeigen, dies ist nicht in Ordnung und hier wird nicht weg gesehen. Dann Polizei und Jugendamt verständigen. Wenn die nichts tun, hat man es zumindest versucht. Wie z.B. in dem Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ dargelegt, wird in schicken Villen genauso misshandelt und das sollten die öffentlichen Stellen wissen… Toll dass Du dem nachgegangen bist und das Kennzeichen notiert hast. Kinderschutz geht uns alle an.

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