Ich wurde beblogwichtelt!

Hach, Texttreff! Heiß geliebtes Lieblings-Netzwerk, voll von klugen Frauen, die mit Worten umzugehen wissen! Mannigfaltig sind Deine Freuden, doch manchmal bist Du noch toller als sonst. Zum Beispiel jetzt gerade. Nämlich: Es gibt da das weihnachtliche Blogwichteln. Wer mitwichteln will, macht einmal piep, kommt in einen Topf (also: der Name) und wird gezogen (also: aus dem Topf). Jedem teilnehmenden Blog wird eine Wichteline zugelost, und von dieser bekommt man dann einen Gastbeitrag geschenkt. Tolle Sache!

Ich wurde dieses Jahr von der fabelhaften Tina Pruschmann beblogwichtelt. Dieses engelsgleiche Wesen ist nicht nur Texterin und freie Journalistin, sondern „nebenbei“ auch noch Soziologin und Verhaltenswissenschaftlerin. Als solche machte sich sich in folgendem Gastbeitrag Gedanken zum Spagat zwischen jugendlicher Rebellion und der so genannten „Bürgerlichkeit“, die ungefähr so erstrebenswert ist wie eine Warze mitten auf der Nase. Peperonichips kommen auch vor – und das alles nur wegen mir! <3

Tina Pruschmann von sophia|text

Reflexionen im Reich der Mitte (von Tina Pruschmann)

Bin ich bürgerlich? Mainstream? Mitte? Mitte ist da, wo keiner hin will. Niemand. Keiner zwischen sechzehn und achtzehn sagt: „Oh, wenn ich wirklich mal so alt werden sollte wie meine Eltern, dann will ich so sein wie alle anderen.“

Konsequent verbrachte ich meine Jugendjahre in halbbesetzten Häusern. Altbau, unsaniert natürlich. Heizung war für mich so bürgerlich wie Einbauküche und Rentenversicherung. Ich studierte, offiziell, und verbrachte die Tage mit den wichtigen Dingen des Lebens: Freunde, Freundesfreunde, abends Konzerte im Punkrockschuppen um die Ecke, dem zweiten Wohnzimmer. Irgendwann brach ich das Studium ab. Das erste. War ja nicht ganz blöd. Liebesobjekte wurden nach Coolness ausgesucht. Zusammenziehen? Oh! Mein! Gott!
Der Mainstream begann hinter der Stadtteilgrenze. Denn dort waren die mit dem Acht-bis-siebzehn-Uhr-Arbeitstag. Dort waren die mit den großen Autos oder den kleinen. Dort waren die mit dem Ring am Finger und dem Eigenheim am See oder eben der Wohnung mit Einbauküche und Heizung.
Es war nicht so, dass ich plötzlich den Halt verloren, hineingefallen und mitgerissen worden wäre vom Strom der Mitte. Es war auch nicht so, dass ich einem Sinneswandel gleich freudig hineingesprungen wäre. Es war eher so, dass sich die Tage irgendwann ihre Bedeutung zurückeroberten. Seitdem wünsche ich ein „Schönes Wochenende“ und verabrede mich am liebsten am Freitag oder Samstag. Es war eher so, dass das zentralbeheizte eigene Wohnzimmer für die restlichen Abende der Woche irgendwann attraktiv geworden ist. Es war eher so, dass ich irgendwann nicht mehr auf den gemeinsamen Wochenendeinkauf am Samstag verzichten wollte und dass ich es genoss, nicht mehr den halben Hausrat durch mehr als die halbe Stadt zu fahren, um beim Freund zu übernachten. Es war eher so, dass alle Sonntagsaktivitäten irgendwann in einer weiteren Folge Tatort kumulierten.
Bin ich deshalb bürgerlich? Mainstream? Mitte? Panisch beginne ich zu prüfen, wie viel Mainstream in meinem, äh, unserem Wohnzimmer zu finden ist. Bücherregal: kein Spiegel-Bestseller. CD-Regal: keine Chartmusik. DVD-Sammlung: keine Blockbuster. Puuh. Ich prüfe weiter. Heiraten, nein danke. Zusammenwohnen, ja bitte. Normalarbeitsbiografie, nein danke. Selbst und ständig, ja bitte. Pauschalurlaub, nein danke. Kein Ja, bitte. Wir sind auch sonst selten touristisch unterwegs. Kristallschale für Knabbergebäck, nein danke. Peperonichips aus der Rascheltüte, ja bitte. Perfekt. Mainstream, nein danke. Das Beste aus der Mitte, ja bitte.

© für dieses scharfe Geweih: Eva Brandecker von thegrooves

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