Fliegeralarm als Familienspaß. Shame on you, GROUPON!

Heute machte mich ein Freund komplett entsetzt auf ein Angebot der Gutscheinanbieters GROUPON aufmerksam.
Die Headline: „Bunker-Erlebnis im Dunkeln mit Fliegeralarm“. Einsortiert in der Kategorie Familie. Ja, ganz richtig gelesen: Familie.

Allein schon dabei schwankte ich zwischen totalem Entsetzen ob der totalen Geschmacklosigkeit und wilder Wut. Dann las ich weiter.

Aus der Beschreibung:

  • „versetzt zurück in eine Zeit von Todesangst und lässt die bedrückende und beengte Welt hautnah unter dem Dröhnen der Bombeneinschläge erleben“
  • „unter der beeindruckenden [sic!] Geräuschkulisse der damaligen Luftangriffe die unterirdischen Katakomben erkunden“
  • „Audioeffekte wie Röhren der Lüftungsanlage, Dröhnen der Bombeneinschläge, Heulen der Luftschutzsirene und alte Luftlagemeldungen
  • … und als Sahnehäubchen, hurra: „1 Tasse Muckefuck (koffeinfrei) pro Person inklusive“! 😳😳😳

Aus den Kommentaren:

  • „tolles Erlebnis“
  • „eine spaßige Aktivität“
  • „Den Kindern hat es sehr viel Spaß gemacht! Sie würden es wieder machen“
  • „das Ambiente ist ein Traum“. 😳😳😳

 

Was ist nur falsch bei den Menschen?!?
Wer nimmt sowas ins Angebot auf und schreibt dafür solche reißerischen Texte?
Wer bietet es überhaupt an?
Wer kauft das?
Wer findet ein Event „spaßig“, das vermutlich der schlimmste Alptraum der eigenen (Ur-)Großeltern war? 😢

Und erzählt mir bloß nix von der Geschichtsbildung und Sensibilisierung der Jugend! Da hilft auch Satzanfang wie „Das unbequeme Mahnmal versetzt zurück in eine Zeit von (..)“ nicht weiter.
Es ist mir auch egal, dass die ganze Szenerie im Sinne eines „Escape roosms“ aufgebaut ist, also eine Art Schnitzeljagd, während derer man Rätsel lösen muss, um jeweils weiter- und am Ende heil wieder rauszukommen. Escape rooms machen Spaß, ich habe das selbst schon zweimal erlebt und fand es echt cool.

Aber sorry, hier wurde eine Grenze überschritten. Man packt eine Escape-room-Gaudi nicht in so ein Umfeld. Nicht mit solchen Beschreibungen. DAS hier ist ein geschmackloses Spektakel, das tatsächlich geschehenes, furchtbares Leid des schieren Effekts wegen missbraucht. Wer sich so etwas als Familienevent zur humorigen Freizeit-Erbauung reinzieht, hätte sich 1798 auch bei öffentlichen Enthauptungen und Folterungen vorgedrängelt, um besser zu sehen.

Kein Wunder, dass rechte Arschkrampen im Jahr 2019 herumposaunen, Schutzsuchende aus Kriegsgebieten mögen doch bitte lieber zuhause bleiben und „ihr Land wieder aufbauen“, statt feige vor Terror, Bombenhagel und kompletter Chancenlosigkeit zu fliehen.

So. Meine Meinung.
Was sagt Ihr dazu?

3 Comments

  • Michaela Albrecht

    Ich bin bei dir, dass es kein spaßiges Erlebnis ist, und dass es auf eine Verrohung hindeutet, dass es Menschen tatsächlich Spaß zu machen scheint, aus einem solchen Escape-Room zu entkommen. Die Kommentare sind wirklich bodenlos und zeigen eine Abstumpfung, dir mir echt Angst macht.

    Allerdings finde ich die Idee eines solchen Escape-Rooms an sich nicht schlecht, weil er helfen könnte, nachzuempfinden, wie es sich angefühlt haben muss, diese Zeit wirklich miterlebt zu haben. Aber man müsste das natürlich auch entsprechend bewerben.

  • Ksenia

    Gut, dass Du das in dem Artikel nochmal zusammengefasst und dokumentiert hast!
    Das geht echt gar nicht, diese „Attraktion“ und vor allem, wie es „beworben“ und von den Teilnehmenden wahrgenommen wird. Ich hatte mich noch im Nachhinein gefragt, inwiefern solche Räume sinnvoll für die Sensibilisierung sein könnten, und kam zum Schluss, dass auch das – selbst, wenn es respektvoll und „sensibel“ gemacht wird – zur Abstumpfung beitragen würde. Wir haben schlichtweg keine Möglichkeit, das emotional nachzuempfinden. Punkt. Und wenn man in so einen Raum versetzt wird, dann weiß man, dass man da nach einer Stunde wieder rauskommt, und diese Sicherheit gab es damals einfach nicht… Und danach gehen die „sensibilisierten“ Familien Eis essen, um sich vom Schrecken zu erholen…

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