Ăber HomosexualitĂ€t schreiben.
18. Juni 2013
Wie ich schon in meinem Artikel “Leidmedien? Berichte(n) ĂŒber Behinderung” geschrieben hatte, gibt es bei der Berichterstattung ĂŒber Themen auĂerhalb der SpieĂernorm eine ganze Menge Fallstricke. Man sollte als Journalistin oder Journalist eine besondere SensibilitĂ€t entwickeln, um hier sprachlich stets objektiv, korrekt und wertschĂ€tzend zu bleiben.
Heute stieĂ ich nun auf einen Artikel des Onlinemagazins meedia.de, der sich mit der Berichterstattung ĂŒber Homosexuellen-Themen befasst. Er verweist auf eine BroschĂŒre, die jetzt vom Bund Lesbischer und Schwuler Journalisten (BLSJ) veröffentlicht wurde: “Schöner Schreiben ĂŒber Schwule und Lesben” (Download hier, Pressemitteilung zum Sprachleitfaden hier).
Ein Beispiel:
Warum sollte eine Frau “bekennend lesbisch sein”? HomosexualitĂ€t istkein Verbrechennichts, dessen man sich schĂ€men und das man deshalb öffentlich hervorheben mĂŒsste, sondern ein völlig natĂŒrlicher Zustand, also gibt es hier nichts zu “bekennen”. Klare Sache – sagt man nicht, schreibt man nicht.
Ein bisschen schwierig finde ich hingegen den Passus,
dass man bei verheirateten homosexuellen Paaren nicht von “verheiratet” und “Ehepaar” sprechen soll, sondern besser von “verpartnert” und “Lebenspartner/in”.Â
Zwar verstehe ich irgendwie den Einwand, dass die völlige Gleichstellung mit heterosexuellen Ehepaaren noch in weiter Ferne liegt und deshalb auch sprachlich keine Gleichstellung vorgespiegelt werden solle. Aber hey, findet VerĂ€nderung nicht zuerst im Kopf und ganz bald danach in der Sprache statt? Bei mir schon. Ich empfinde homosexuelle Paare als völlig gleichgestellt, auch wenn es schĂ€ndlicherweise in der Praxis nicht ganz so ist. Sagen wĂŒrde ich es dennoch. Selbst meine Kinder waren letztens baff, als im Radio ĂŒber die “sensationelle” Ănderung in Sachen Ehegattensplitting bei homosexuellen Lebenspartnerschaften berichtet wurde. Ob das vorher denn nicht so gewesen sei, hallo? Wie bescheuert das sei und wie ungerecht? Die seien eben verliebt und verheiratet – und wen habe das ĂŒberhaupt zu interessieren, ob das nun Mann & Frau oder Mann & Mann oder Mann & Frau oder Frau & Frau oder Frau & Transgender oder Mann & Transgender oder irgendeiner davon & bisexuelle Person sind?
Da können wir uns also wieder mal eine Scheibe von der Generation nach uns abschneiden. <3
Warum man nicht kostenlos arbeiten sollte.
19. April 2013
Die grandiose Martina Bloch aka @akquisefachfrau schrieb bereits 2011 auf ihrem Akquiseblog ĂŒber eine Frage, die uns Freelancer immer wieder umtreibt:
“Sollte ich unter irgendwelchen UmstĂ€nden kostenlos arbeiten?”
Die Antwort, so wird mir der geneigte Leser zustimmen, lautet vernĂŒnftigerweise meist “NatĂŒrlich NICHT, hallo, geht’s noch?”. Trotzdem gerĂ€t man als Freelancer immer wieder in die Situation, den vermeintlichen guten Argumenten potenzieller Leistungserschleicher begegnen zu mĂŒssen. Auch mir ist es – vor allem in den ersten Jahren meiner Freiberuflichkeit – durchaus schon passiert, dass ich mich von blumigen Versprechen und dreisten LĂŒgen einlullen lieĂ. FĂŒr diese FĂ€lle hat die amerikanische Typo-KĂŒnstlerin und Illustratorin Jessica Hische die Mindmap “Should I work for free?” erstellt. Schritt fĂŒr Schritt fĂŒhrt sie den gezwickmĂŒhlten Freelancer durch die Entscheidungsfindung, ob man angeblich ruhmreiche, folgeauftragsschwere und karmafördernde Projekte ohne Honorar bearbeiten sollte. Fazit: Solange der/die Anfragende nicht Deine Mutter, Dein bester Freund oder eine coole Band oder Non-profit-Organisation ist, mit deren Zielen Du Dich 100% identifizierst: lass es!
Die Mindmap gibt es jetzt auch auf Deutsch (ĂŒbersetzt von Patrick G. Stoesser) und hier ist sie:
Nichts davon ist wirklich völlig neu, aber mir gefĂ€llt die humorvolle Herangehensweise an schwierige Gedanken. FĂŒr mich habe ich daraus mitgenommen, dass ich Anfragen nach “Arbeiten fĂŒr lau” noch kritischer beĂ€ugen … und noch selbstbewusster ablehnen werde. Gute Arbeit kostet eben. Punkt.
Diese Empfehlung fĂŒr die beste Shiatsu-Massage und Osteopathie-Behandlung, die ich je erleben durfte, kommt von Herzen. Angesprochen fĂŒhlen sollten sich alle Patienten im Raum Starnberg/Herrsching/WeĂling. (Starnberg, Herrsching & Co. ist dabei nur eine Hausnummer – die Anreise lohnt sich absolut auch fĂŒr Patienten aus MĂŒnchen, FFB, Weilheim oder sonstwo! AuĂerdem behandelt Nadja regelmĂ€Ăig auch in einer Partner-Praxis in Starnberg, recht gut erreichbar vom Bahnhof See aus. Auch hier sind also Termine möglich.)

Nadja NeumĂŒller ist Heilpraktikerin mit Schwerpunkt prozessorientierte Homöopathie, ausgebildete Shiatsu-Therapeutin und demnĂ€chst zertifizierte Osteopathin*. Wir kennen uns seit 25 Jahren, aber das ist nicht der Grund, warum ich heute fĂŒr sie die Werbetrommel rĂŒhre. Den Rest des Beitrags lesen »
Besser lesen. Mit einer Spezialschrift fĂŒr Legastheniker.
23. Oktober 2012
Legasthenie ist weit verbreitet und, ich sage es jetz mal so frank und frei, Legasthenie ist ein Arschloch. NatĂŒrlich gibt es weit schlimmere Teilleistungsstörungen und manches ist fĂŒr Legastheniker heute einfacher als vor 20 Jahren … aber hallo? Auch im Jahr 2012 laufen Betroffene noch Gefahr, als “dumm” oder “unambitioniert” angesehen zu werden. Weil sie eben nicht korrekt lesen und schreiben können, so sehr sie sich auch bemĂŒhen! Und das ist doch zum Kotzen.
Mit modernen Therapiemethoden kann man der Legasthenie zwar ein StĂŒck weit ein Schnippchen schlagen. Das flĂŒssige Lesen etwa kann damit recht gut trainiert werden und hey, die Rechtschreibfehler werden auch weniger. Trotzdem bleibt beides, das Lesen und das Schreiben, fĂŒr Menschen mit Legasthenie ein Leben lang wahnsinnig anstrengend.
Umso besser, dass man inzwischen an vielen kleinen Baustellen daran arbeitet, ihnen das Leseleben zu erleichtern!
Ein kluger und netter Mensch namens Abelardo Gonzalez etwa hat jetzt eine Spezialschrift entwickelt, die das in besonderem MaĂe tut: OpenDyslexic.
Der Font packt durch seine besonders “bodenschwere” Gestaltung die gĂ€ngigsten Legasthenie-Mechanismen beim Schopfe (Verdrehen und Verwechseln von Buchstaben, Verrutschen in der Zeile) und lacht ihnen so einfach ins Gesicht. Die begeisterten Kommentare von OpenDyslexic-Usern sprechen fĂŒr sich – das Lesen scheint damit tatsĂ€chlich um Klassen einfacher zu sein.
Aber es kommt noch besser: Immer mehr Dienste integrieren den OpenDsylexic-Font in ihre NutzeroberflĂ€che und ermöglichen Legasthenikern damit, ihr “Lesefutter” entspannt zu genieĂen!
- So erlaubt zum Beispiel InstaPaper in seiner neuen Version die Einstellung auf die Leichtlese-Schrift.
- Erweiterungen fĂŒr Safari und Google Chrome stellen die Leseschrift im Browser auf OpenDyslexic um.
- FĂŒr das Surfen am iPhone und iPad (Safari ist dort leider nicht anpassbar) hat Herr Gonzalez sogar einen eigenen Browser entwickelt: openWeb.
- Firefox-User installieren den Font einfach auf ihrem Computer und setzen ihn in den Einstellungen unter “Inhalt” –> “Schriftarten & Farben” als Standard.
- Bei iPhones mit Jailbreak kann die Standardschrift in Cydia auf OpenDyslexic gewechselt werden (fragt mich hier bloĂ nicht nach technischen Details; ich kenne diese Cydia nicht und gebe das nur so weiter! *g*)
- Mehrere eBooks sind inzwischen in OpenDyslexic erschienen. Ein Trend, den ich befĂŒrworte!
Alles in allem hört sich das doch ziemlich gut an, finde ich. Danke, Mr. Gonzalez!
(Und danke an Elke Fleing von www.berufung-selbststaendig.de, die diesen Tipp kĂŒrzlich auf Twitter postete!)
Subversive HĂ€kelkunst.
24. September 2012
Man hört ja jetzt ĂŒberall davon: “Guerilla knitting” * (öffentliches Be-Stricken von Objekten) und “Guerilla crocheting” (dasselbe mit HĂ€keln) sind voll im Trend. Man nennt diese Form der StraĂenkunst auch “gehĂ€keltes Graffiti”, und das trifft es doch ziemlich genau. Ich finde das ja prima, denn unsere StĂ€dte können weiĂ Gott ein bisschen Farbe und Frechheit vertragen! So wie hier in Oldenburg, gefunden von der Betreiberin des Blogs “Strickmasche”:

Die Chicagoer KĂŒnstlerin Crystal Gregory hat nun mit HĂ€kelnadel und Garn eine besonders schöne Botschaft gesetzt. Ihre Installation “Invasive Crochet” hĂ€lt der kalten BrutalitĂ€t von Stacheldrahtrollen und Maschendrahtzaun zarteste HĂ€kelspitze entgegen.
Trostlose ZĂ€une um Wohnsilos findet die KĂŒnstlerin auch scheiĂe und verpasst ihnen kurzerhand bunte HĂ€kelklamotten:
Das Ergebnis ist – jedenfalls bei mir – irgendwas zwischen LĂ€cheln, Staunen und sehr groĂer Nachdenklichkeit. Und damit hat Crystal Gregory ihr erklĂ€rtes Ziel ja auch schon erreicht:
“I am invested in the history and traditions of craft, subversively using functional object to explore and question social systems.”
* Weitere dolle Links zu Urban-Knitting- und Urban-Crocheting-Projekten sind ĂŒbrigens gern gesehen! Also postet in den Kommentaren, was das Zeug hĂ€lt, okay?
Leidmedien? Berichte(n) ĂŒber Behinderung.
16. August 2012
“Er ist seit einem Unfall an den Rollstuhl gefesselt.”
“Trotz ihrer Behinderung strahlt sie Lebensfreude aus.”
“Tapfer meistert sie ihr Schicksal.”
Nett gemeinte SĂ€tze wie diese lesen wir in Berichten ĂŒber Menschen mit Behinderung tĂ€glich. Dass sie bei den – haha – “Betroffenen” (merken Sie was?) das genaue Gegenteil bewirken, ist den Artikelschreibern selten bewusst.
Warum? Weil Menschen, die eben aus diesen oder jenen GrĂŒnden “anders” (waaahhh!) sind, allermeistens kein Mitleid wollen – und erst recht keine mitleidige Berichterstattung!
Ganz im Sinne der Inklusion hat die Seite leidmedien.de nun Tipps und Meinungen zusammengetragen, die fĂŒr das Thema “Berichten ĂŒber Menschen mit Behinderung” sensibilisieren sollen.
Zum Beispiel kommentiert der Rolli-Fahrer Michael Z. aus Berlin den “an den Rollstuhl gefesselt”-Satz so:
âEin Rollstuhl ist keine EinschrĂ€nkung, sondern ein Fortbewegungsmittel. Sollten Sie tatsĂ€chlich jemanden treffen, der an den Rollstuhl gefesselt ist, binden Sie ihn los!â
Er hat Recht. NatĂŒrlich! Aber auf die Idee muss man ja erstmal kommen, wenn man selbst auf zwei gesunden Beinen durch die Gegend hopst. Auch dass der völlig gelĂ€ufige Ausdruck “geistig behindert” viel unfreundlicher – und unrealistischer! – ist als einfach “Mensch mit Lernschwierigkeiten”, liegt normal Begabten (halt! Darf ich das denn nun wieder sagen oder nicht?) zunĂ€chst fern.






