Liebe Leser, Ihr werdet gebraucht. Natürlich auch hier von Euren Familien und Chefs und Freunden und Ehrenämtern … aber jetzt ganz akut als Unterstützer für ein im wahrsten Wortsinne lebenswichtiges Projekt.

Der bewundernswert nimmermüde Verein Kinder auf der Flucht e.V., in dem meine guten Freunde Petra und Tilman Tag und Nacht im Einsatz sind, möchte ganz, ganz am Anfang der schrecklichen Schicksalskette zahlloser Flüchtlinge* ansetzen. Geplant ist die Anschaffung eines zweiten, gebrauchten Rettungsbootes, mit dem ehrenamtliche Rettungsschwimmer nun auch vor der Insel Chios Ertrinkende hoffentlich rechtzeitig erreichen können.
Ein Boot für das „Team Lesbos“ konnte kürzlich mithilfe von Spenden bereits finanziert werden
und ist unablässig im Einsatz. Leider sieht es vor der Küste der griechischen Insel Chios nicht viel besser aus; auch dort ist die Lage dramatisch und für das bisher gemietete Rettungsboot geht den Helfern das Geld aus.

Rettungsboot_Lesbos

Dieses Boot ist kein Luxus.
Es ist ein Arbeitsmittel, mit dessen Hilfe Leben gerettet werden! Bitte spendet deshalb und verhindert damit aktiv menschliche Tragödien, die wir uns in unseren warmen Wohnzimmern nicht einmal ansatzweise vorstellen wollen.

Verhindert, dass ein schreiendes Kleinkind, das dem Schlepper auf dem Boot lästig und deshalb „zufällig“ über Bord geschubst wurde, vom Meer verschluckt wird.
Verhindert, dass ein Baby, das die von Erschöpfung und eisigen Wassertemperaturen geschwächte Mutter nach dem Kentern ihres Bootes loslassen musste, Stunden später tot ans Ufer gespült wird.
Verhindert, dass ein Bruder mit ansehen muss, wie der andere in Sichtweite des rettenden Landes ertrinkt, weil er seine Schwimmweste der schwangeren Nachbarin gab.

Rettungsschwimmerin

Helft. BITTE. Eure Spende erreicht den Verein unkompliziert über die extra eingerichtete betterplace-Projektseite (>>KLICK<<).

WICHTIG: Sollte zum Zeitpunkt Eures Spendenwillens das Projekt bereits „durchfinanziert“ sein, spendet bitte trotzdem!!! Ein Bedarf folgt dem nächsten; morgen können es Rettungsdecken, Gummistiefel, Zelte, Babynahrung oder ein medizinisches Gerät sein. Dieser Verein genießt mein vollstes Vertrauen und ich möchte Euch ermutigen, ihm Eures auch zu schenken … und nebenbei Leben, Hoffnung, Perspektive.

Ich verbürge mich persönlich dafür, dass Euer Geld haargenau dem Zweck zukommt, für den es laut der Spendenplattform betterplace bestimmt ist. Das kann ich besten Gewissens, weil ich für Petra, Tilman und das gesamte Team meine Hand ins Feuer legen würde. Der Verein hat sich wichtige Ziele gesetzt und nimmt seine Aufgabe hundertprozentig ernst.

*Auf eine Diskussion über Flüchtlingspolitik etc. werde ich an dieser Stelle ausnahmslos KEINE Stellung nehmen und entsprechende Kommentare behalte ich mir vor, zu löschen. Hier geht es zunächst mal nicht um Flüchtlinge, die irgendwann in Deutschland landen und sich dann integrieren oder nicht integrieren, sondern schlicht um MENSCHENLEBEN und wunderbare Leute, die wild entschlossen sind, diese zu bewahren. Das verdient allerhöchste Wertschätzung und jede Unterstützung dieser Welt. 

Flattr this!

Mich würde mal Eure (werbeprofessionelle und private) Meinung zum neuen EDEKA-Weihnachtsspot interessieren.

Denn ich als Werberin sage:
… ein Geniestreich. Auch wenn ich bezweifle, dass dadurch direkt mehr Einkäufe generiert werden. Markenimagestärkung natürlich top.

Als Mensch hingegen sage ich:
… Grässlich. Geht gar nicht. Wie können die nur?!
Und das nicht, weil ich solche (wahren, aber schlimmen) Botschaften nicht aushalte. Einfach weil es einen Step zu krass ist, mit den tiefsten inneren Ängsten zu „spielen“ und zu manipulieren.
Wäre ich eines der erwachsenen Kinder im Spot, ich wäre auf den Vater sowas von stocksauer – auch wenn ich mich ertappt fühlen würde, klar. So richtig funktioniert die Botschaft nämlich dann doch nicht – außer in moralischer Hinsicht. Und ich bin total hin- und hergerissen, ob ich das gut finden oder verurteilen soll.

Ein weiterer Punkt: Als Tochter, der es im Traum nicht einfallen würde, jemals die Eltern zu einer solchen Nebensache verkommen zu lassen, macht mich der Spot wütend. Auf die, die es einfach nicht raffen. Weil es für mich persönlich eben total selbstverständlich ist, engen Kontakt mit den Eltern zu haben. Nun wohne ich ja quasi Wand an Wand mit den meinen (gottseidank) … aber ich schwöre: So weit weg könnte ich nicht wohnen, dass ich es nicht wenigstens zu Weihnachten möglich machen würde, sie zu sehen.
[Hier wird gleich der – berechtigte – Einwand fallen „Aber wenn man im Streit mit den Eltern ist, was dann?“. Diesen möchte ich hier außen vor lassen, denn im Spot scheint es nicht so, dass irgendwer mit irgendwem im Clinch ist. Hier geht es einfach um Prioritäten.]

Sollte der Spot allerdings dazu führen, dass nur ein erwachsener Sohn oder eine erwachsene Tochter dadurch endlich wieder auf die wichtigen Dinge um Weihnachten herum besinnt, nämlich die Familie … dann ist mir alle Werbepsychologie und alles „too much“ piepegal und ich sage: Danke, EDEKA. Saustark.

Was meint Ihr dazu?

Flattr this!

Schon lange treiben mich Gedanken rund um Missgunst, Neid und Häme um und nun ist es aus bestimmten Gründen Zeit, endlich darüber zu schreiben.

Zunächst ein bisschen Etymologie:
Das Wörterbuch bezeichnet Missgunst als „Haltung, in der man jemandem etwas nicht gönnt“ – einleuchtend, wenn man bedenkt, dass die Gunst nichts weiter ist als das Substantiv (genauer: Verbalabstraktum) des Verbs Gönnen.
Im Vergleich zu ihrem ebenso unsympathischen Bruder, dem Neid, grenzt sich Missgunst vor allem durch Aspekte der Hierarchie und des Ziels ab: Neidisch ist man auf etwas, das einer meist höher gestellten Person oder Gruppe gehört und das man selbst gern hätte. Das können materielle Dinge sein, aber auch andere Werte wie Beliebtheit, subjektiv empfundene Schönheit oder sogar Fröhlichkeit. Man kann diesem Gefühl seine Daseinsberechtigung nur in einem einzigen Punkt nicht absprechen: dann nämlich, wenn Neid einen Ehrgeiz auslöst, selbst etwas ebenfalls zu erreichen. Trotz allem bezeichnete DIE WELT den Neid – nicht umsonst eine der 7 Todsünden – in einem sehr guten Artikel als „Gefühl wie ein böses Geschwür“. Missgunst ist deshalb ein noch scheußlicherer Wesenszug, weil ihr sogar das Streben fehlt: Der Missgünstige missgönnt einfach um des Missgönnens willen.
Häme, das weniger gebräuchliche Synonym für Schadenfreude oder genauer: schadenfreudiger Hohn, ist wiederum der Missgunst recht ähnlich, wobei ihr das gezielte Missgönnen fehlt. Ein hämischer Zeitgenosse freut sich an Missgeschicken anderer und labt sich am Unglück seiner Mitmenschen.

Alle drei Eigenschaften, besonders aber Missgunst und Häme, haben eines gemeinsam:
Ihr Inhaber fühlt sich selbst innerlich klein und sucht verzweifelt nach Möglichkeiten, sein Selbstwertgefühl dadurch zu erhöhen, dass er andere geringschätzt, niedermacht oder in ein schlechtes Licht stellt. Statt an sich selbst zu arbeiten, richtet er sein ganzes Streben danach, andere noch kleiner zu machen, als er selbst es ist. Was für ein armseliges Dasein.

In der aktuellen Flüchtlingsdebatte kann man das widerliche Trio tausendfach an der Stammtischparole „So schlecht geht es denen doch gar nicht, die haben alle schicke Smartphones!“ ablesen. Niemand möchte ernsthaft den Platz mit einem hier angekommenen Flüchtling tauschen … aber das Smartphone … nee, das soll der auch nicht haben, Punkt! Dies soll aber heute nicht mein Thema sein, darüber haben andere schon hervorragende Artikel geschrieben, die ich allesamt zu lesen empfehle. (Besonders dieser hier: „Fakten gegen Vorurteile“)

Was aber der eigentliche Auslöser dieses Blogposts ist:
Gestern liefen mir innerhalb kurzer Zeit auf der kleinen, komprimierten Digitalwelt facebook zwei Dinge über den Weg, die zwar nichts miteinander, aber beide auf ihre Weise mit Missgunst und Häme zu tun haben. Da war einmal die facebook-Seite „Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“ (ja, das fehlende Dativ-n bei „Bilder“ ist Absicht) – und ein Video über einen alten Mann, der in einer engen Straße in Neapel beim verkorksten Umdrehversuch mit seinem Auto ein Verkehrschaos verursacht.

Indeaner

Beides soll lustig sein: Auf der Sprüche-Seite übertreffen sich die postenden Mitglieder mit orthographisch möglichst fehlerreichen, dümmlichen Pseudo-Sinnsprüchen und feiern sich dafür gegenseitig. Diese Sprüche, meist hinterlegt mit den üblichen Indianer- oder Naturfotos, werden tausendfach geteilt, „lustig“ kommentiert und erhalten unzählige Likes. Das Video vom neapolitanischen U-turn-fail wurde auf youTube zahllose Male aufgerufen und der Fahrer an vielen Stellen mit Häme übergossen.

Ich mag das nicht.

Ich mochte schon als Kind weder „Tom & Jerry“ noch „Verstehen Sie Spaß!?“ noch „Upps, die Pannenshow“. Das Gefühl von Amüsement darüber, wenn sich etwa Menschen ernsthaft wehtun oder in furchtbar peinliche Situationen geraten, ist mir einfach weitgehend fremd.
Auch Rache ist ein Konzept, das ich nicht so ganz verstehe. Rache macht nichts besser, sondern alles nur bitterer.

Entwischt mir bei den berühmten „fail compilations“ ein Lacher (ja, meine Kinder schauen das manchmal an und dann muss ich auch), fühle ich mich schmutzig.

Würde ich auf der obengenannten Schaut-her-wie-ich-Legasthenie-und-Dummheit-vortäusche-Seite ein Like setzen, würde ich mich dafür schämen. Legastheniker haben sich ihre [Blöder-Begriff-Alarm!] Teilleistungsstörung nicht ausgesucht und sie wird sich nicht in Luft auflösen, wenn möglichst viele Nichtbetroffene hämisch darüber frotzeln. Sogar intellektuell einfach gestrickte Menschen (ich möchte niemanden, der nichts dafür kann, „dumm“ nennen), die solche pseudo-esoterischen Sprüche toll finden … nun, sie sind eben so. Damit tun sie niemandem weh, nicht wahr? Gute Güte, gönnt ihnen doch diese Freude. Ich rolle vielleicht ganz kurz mit den Augen und seufze – aber eher, weil sie mir leid tun und ich froh bin, diesbezüglich brauchbare Gene und eine okaye Bildung erwischt zu heben. Nicht jeder hat diese Chance. Es ist gemein, jemanden wegen verpasster Chancen, auf die er keinen Einfluss hatte, geringzuschätzen oder gar zu verspotten.

Und nein, niemals stünde ich wie die anderen Gaffer auf der engen Straße in Neapel und würde schadenfreudig den alten, verwirrten Mann auslachen, der sich wegen falschen Augenmaßes oder sonstwas in eine derart verzwickte Position gebracht hat. Stattdessen würde ich wohl entweder anbieten, das Wendemanöver für ihn zu einem schnellen Ende zu bringen. Oder ich würde die Motorradrocker bei ihrer Ehre packen und sie bitten, die Karre mal eben hochzuheben und in Fahrtrichtung zu drehen. Alles, nur nicht rumstehen, gaffen, lachen und filmen. Diese Leute machen mich wütend. Die Kommentatoren des Videos auch. (Dabei ist es mir gerade ziemlich egal, ob das Video eventuell ein überspitztes Fake ist. Meinen Teil der Überlegungen spiegelt es sehr gut wider.)

Seit ich mich mit Gf – Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg beschäftige*, hat sich diese Abneigung gegen unreflektierte Häme und Vorurteile noch verstärkt.

Bei jeder Aktion – oder Reaktion – einer Person frage ich mich automatisch, was wohl ihre Gründe dafür gewesen sind.
Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch Gründe hat für das, was er tut.
Außerdem glaube ich, dass die meisten in diesem einen Moment das Beste geben, was sie können – auch wenn ihr Handeln unseren Ansprüchen nicht genügt, nicht das ist, was wir gerade bräuchten, oder ihre Lösung nicht unsere wäre. Nur ganz wenige sind einfach unverbesserliche Arschlöcher, wenn ich das hier mal so salopp sagen darf … und selbst sie sind vermutlich nicht ohne Grund dazu geworden.
Beispiel: Wer mich jemals als Beifahrerin dabeihatte [hier mitleidiges Winken zu meinem Freund einfügen], weiß um meine balsamischen Worte, wenn etwa der Vorausfahrer langsam/nervig/unsicher herumzuckelt. Jedes genervte Schimpfen des Fahrers kommentiere ich nämlich etwa so: „Hey, wahrscheinlich sucht der was. Schau, er hat ein ortsfremdes Nummernschild“ oder „Ach, das ist eine alte Omi. Sind wir besser mal froh, dass sie langsam fährt – wenn sie rasen würde, wäre das viel gefährlicher!“ oder „Wir wissen nicht, warum, der so drängelt. Vielleicht liegt zuhause seine Frau in den Wehen oder er muss dringend aufs Klo“.

Übrigens, damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Ich bin weder ein Engel noch Mutter Teresa.
Alles. Andere. Als. Das.
Auch ich flippe regelmäßig aus, wenn mich etwas über die Maßen aufregt – vor allem dann, wenn absichtliche Lügerei oder Ungerechtigkeit im Spiel ist, denn Lügen und Ungerechtigkeit gehen gar nicht. Manchmal ist auch die GfK-Lilian gerade im Standby-Modus oder jemand hat verdammt nochmal haargenau den Triggerpunkt gedrückt, bei dem jede Vernunft aussetzt. Schlimm ist es auch, wenn ich Hunger habe. 😉 Aber im Allgemeinen ist es so, wie ich oben schrub, und ich werde kaum jemals müde, diesbezüglich an meiner Umwelt herumzuerziehen (call me Nervensäge, gern auch „Gutmensch“. Mir egal).

Denn leider gibt es neben vielen wundervollen, selbstlosen, achtsamen Menschen auch einige, bei denen Schadenfreude, Neid und Missgust an der Tagesordnung sind und bei denen ich regelmäßig in einem Dilemma stecke: Weglaufen oder missionieren? Diese Menschen vergiften schleichend unsere positive Energie, und deshalb sind sie gefährlich. Manchmal habe ich genug Energie, um bei ihnen eine Portion Optimismus sprühen zu lassen, Überzeugungsarbeit zu leisten, ihre Pseudo-Argumente zu entkräften. Manchmal will ich aber nur so schnell wie möglich ihrem Dunstkreis entkommen, weil ich weder ihr Gerede noch ihren Anblick weiter ertragen kann.
Man erkennt den Homo missgunstus haemicus übrigens an einem ganz besonderen Gesichtsausdruck. Er (oder sie) kann äußerlich hübsch sein, vielleicht sogar klug und witzig – aber er (oder sie) hat kalte Augen, die nur beim Lästern heiß aufblitzen, und diesen verächtlichen Zug um den Mund, der von täglich eintrainierter Häme kommt.

„Häme“ und „hässlich“ beginnen vielleicht nicht umsonst mit denselben Buchstaben.

*Hier ein ganz herzlicher Dank an Britta Weber,
die mich – als Freundin und GfK-Trainerin – in einer
schwierigen Zeit an dieses Thema heranführte,
das mein Denken und Reden seither tatsächlich grundlegend verändert hat.

Flattr this!

Der Absturz der Germanwings-Passagiermaschine 4U9525 am 24. März 2015 hat die Welt aufgewühlt. Vorherrschend sind Gefühle von Trauer, fassungslosem Entsetzen, Hilflosigkeit, Angst und Wut auf den eventuellen Verursacher der Tragödie.

Doch als wäre der Flugsteugabsturz, der 150 Menschen das Leben kostete, nicht schrecklich genug, offenbaren sich in der Berichterstattung die tiefsten stinkenden Sümpfe menschlichen Seins.

Da wurden „Experten“ bereits zu einem Zeitpunkt befragt, zu dem sie noch keinerlei Aussagen machen konnten, nur damit irgendjemand irgendwas sagt.
Die Folge: wilde Mutmaßungen ohne jeden Rückhalt, die man sich ebenso sparen kann.
Nutzen für den Fortgang der Ermittlungen oder den Trost Hinterbliebener: null.

Da werden, pietätlos wie immer, Bilder von weinenden Angehörigen gezeigt, von Trümmerteilen und von Ortsschildern, nur damit man irgendwas sieht.
Die Folge: Explodierende Klickraten auf Bildstrecken, lodernder Voyeurismus unter den Betrachtern.
Nutzen für den Fortgang der Ermittlungen oder den Trost Hinterbliebener: null.

Da befragt man wahllos Familienangehörige, Nachbarn, entfernte Bekannte, wen auch immer, nur damit wir an den Bildschirmen sehen, dass da draußen etwas Schreckliches, nicht wahr sein Dürfendes geschehen ist, aber gottseidank nicht uns selbst.
Die Folge: Traumhafte Einschaltquoten bei Brennpunkten & Co. – aber vor allem alptraumhafte zusätzliche Belastungen für Menschen, die gerade erst ihre Liebsten verloren haben und mit dem kreischenden „WARUM!?“ in ihrem Kopf sowieso schon mehr tragen müssen, als ein Mensch jemals ertragen müssen sollte.
Nutzen für den Fortgang der Ermittlungen oder den Trost Hinterbliebener: null.

Und dann wird zu einem Zeitpunkt, an dem man zwar eine furchtbare Schuld vermutet, aber keinerlei Beweise hat, eine widerwärtige Hatz auf die Familie eines Mannes gemacht, der vielleicht aus irgendwelchen Gründen 149 weitere mit in den Freitod nahm. Vielleicht. Auch hier: null Nutzen, dafür aber Hass in Dimensionen, die mir schon beim Hinlesen Übelkeit verursachen. Dass auch diese Familie ein Mitglied verloren hat, interessiert längst niemanden mehr. Er ist ja vermutlich DER BÖSE, und um DEN BÖSEN darf man nicht trauern, sondern ist – hey, Pech gehabt! – als Familie automatisch mit schuld.
Was soll man zu solchen Dingen sagen? Es ist absurd.

„Witwenschütteln“ nennt man all das, und dieser Begriff umschreibt den ganzen gifttriefenden Kern der Sache leider gut.

Ich möchte an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen, wie enorm mich die Art, in der derartige Unglücke ausgeschlachtet werden, anwidert – ebenso wie die Konsumenten dieser Art von Berichterstattung. Es beschämt mich, dass selbst respektable Medien (also nicht nur die BILD, von der man freilich nichts anderes erwartet hat) hier ohne jegliches Fingerspitzengefühl agieren und sich schlicht benehmen wie eine tollwütige Axt im Wald.
Andere haben das schon zur Genüge getan und ich sammle hier einfach mal diejenigen Artikel, die mir aus der Seele sprechen:

Mit diesen drei Artikeln ist fast alles gesagt, was ich zu diesem Zeitpunkt auch sagen möchte. Für weitere Hinweise auf fundierte Mitdenker bin ich aber dankbar und verlinke sie hier gern.

Flattr this!

Dass das Versicherungsunternehmen ALTE LEIPZIGER nicht umsonst ein Adjektiv im Namen trägt, das pure Verstaubung impliziert, zeigt sein neuester „Geniestreich“: zwei Erklärvideos zu den Themen Berufsunfähigkeit und Privathaftpflicht.

Wir möchten vor dem Lesen des hervorragenden Blogposts meiner Kollegin Birte Vogel kurz innehalten, auf den Kalender schauen und uns versichern (gnihi! „versichern!“), dass wir tatsächlich das Jahr 2015 schreiben.
Und nun stelle ich Euch kurz die Hauptdarsteller der zwei Filmchen vor, an denen sich gerade zu Recht die Gemüter erhitzen:

Quelle:  http://thea.pressevogel.com/keiner-will-mehr-eine-gesellschaft-wie-in-den-50er-jahren-wirklich/

Quelle:
http://thea.pressevogel.com/keiner-will-mehr-eine-gesellschaft-wie-in-den-50er-jahren-wirklich/

– DER VATER (selbstverständlich !!! Alleinverdiener, respektabel schnauzbärtig und pullundertragend, anpackend, alleswissend, an alles denkend, streng-aber-gerecht, in Erziehungsdingen DIE INSTANZ, wie sich das eben für einen deutschen Familienvater gehört)

– DIE MUTTER (selbstverständlich !!! 100% Hausfrau/Gattin/Mutter ohne eigenes Einkommen, leicht dümmlich, 100% lebensuntüchtig ohne den fabelhaften, mehrmals täglich anzuhimmelnden Gatten, wie sich das eben für eine deutsche Hausfrau gehört)

– DER SOHN (selbstverständlich !!! super Skateboarder, dafür aber schlecht in der Schule; ein echter Rabauke – wie sich das für einen richtigen Buben eben gehört)

– DIE TOCHTER (selbstverständlich !!! niedliches Zopf-und-Rock-Görl, vermutlich ebenso dümmlich wie ihre Mutter, wie sich das für ein richtiges Mädchen eben gehört; in allen Filmen maximal als namenlose Randdekoration gebraucht)

– DIE NACHBARIN (siehe DIE MUTTER – weil das in guten deutschen Familien eben so ist -, nur auf der anderen Seite des Gartenzauns)

Und jetzt kopfüber rein in die Lektüre (Achtung, Schleudertraumagefahr).

Was meiner Netzwerkkollegin Mela Eckenfels passiert ist, als sie es wagte, das Unternehmen via offenem Brief auf seine weltanschauliche Rückständigkeit anzusprechen, kann man ebenso kopfschüttelnd und strahlkotzend hier nachlesen:

Und nun entschuldigt mich bitte, ich muss mich um das Lieblingsessen des Mannes kümmern und den rosa Bademantel bügeln, in dem ich am Gartenzaun immer die neuesten Rezepte mit der gleichdümmlichen Nachbarin austausche.

Ach nee, Moment, falscher Film: Ich muss den Text über Hyperthyreose für MEINEN Kunden fertigschreiben, dafür eine buchhalterisch korrekte Rechnung stellen, die Umsatzsteuer-Voranmeldung fertigmachen, die FRITZ!box konfigurieren, den aktuellen Goldkurs checken, meinen selbst bezahlten Leasingvertrag abheften, aus Interesse § 1356 BGB* konsultieren, ein Inkassoverfahren gegen einen säumigen Exkunden einleiten und dann, naja dann gehe ich heim und koche und wasche für meine Kinder. Wie so ne dümmliche Hausfrau.

UPDATE:
Meine Netzwerkkollegin Daniela Warndorf beleuchtet in ihrem Blogpost zum selben Thema eine weitere Seite des Dramas: die völlige Planlosigkeit der ALTEN LEIPZIGER in Sachen Social Media und Shitstorm-Management. Uiuiui, die müssen aber noch viel lernen.

UPDATE vom UPDATE:
Die ALTE LEIPZIGER hat die Erklärvideos des Anstoßes mittlerweile vom Netz genommen. Wer auf den „Play“-Pfeil im Vorschaubild klickt, erhält immerhin folgendes Popup mit einer allgemeinen Entschuldigung:

Alte_leipziger_Erklärvideos_wegIch finde: Viel besser als nix, aber immer noch ganz schön spät, ganz schön versteckt „irgendwo auf der Seite“ und deshalb – sorry – ganz schön schwach. Schade auch, dass die Filme nun ja weg sind und Interessierte sich gar nicht mehr ansehen können, um was es ursprünglich ging. Oder kann man die noch irgendwo anders im Netz nachsehen? Für Hinweise bin ich dankbar!

 

*Bis zur Gesetzesänderung im Jahr 1977 (!)
– Abschaffung der so genannten „Hausfrauenehe“ –
stand in besagtem § 1356 BGB tatsächlich:

„Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung.
Sie ist berechtigt [sic!!!], erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie [sicissimo!!!]  vereinbar ist.“

… WTF.

Flattr this!

Die Organisation „STOP THE TRAFFIK“ weckt weltweit mit krassen Aktionen die Aufmerksamkeit für ein krasses Thema: Ausbeutung*.

Im Rotlichtviertel von Amsterdam verpasste jetzt eine ganz besondere „Tanz-Performance“ den testosterongeladenen Vorbeigehenden einen tüchtigen Kloß im Hals. Der ihnen hoffentlich zukünftig jeden sexistischen Kommentar und jedes demütigende Verhalten gegenüber Prostituierten vergällen wird.
Es geht um Respekt, Leute. Und um verlorene Träume.

*im Sinne von Menschenhandel, Prostitution, Zwangsarbeit und jede Form von Gewalt gegen Mitmenschen.

[Für meine sehbehinderten Leser: Das Video zeigt ein typisches Bordell-Schaufenster im Rotlichtviertel von Amsterdam. Junge Frauen in Dessous räkeln sich lasziv für die Vorbeigehenden, um sie hereinzulocken. Man würdigt sie allerdings wie üblich keines weiteren Blickes; sie sind nichts weiter als „Ware“. Plötzlich erklingt Hip-Hop-Musik und die Frauen in der ebenerdigen Fensterreihe, vier an der Zahl, beginnen zu tanzen. Die Männer (und wenigen Frauen) auf der Straße bleiben stehen, klatschen mit, verschlingen die Prostituierten mit den Augen. Zwei weitere Frauen in einer oberen Fensterreihe fallen in den Tanz ein und bewegen sich synchron mit ihren Kolleginnen. Auf der Straße: Johlen, Pfiffe, noch mehr lüsterne Blicke. Dann endet die Musik, die Tänzerinnen versteinern und schauen mit trauriger Miene ins Publikum. Oberhalb der oberen Fensterreihe erscheint auf einem überdimensionalen Display der Schriftzug: (1) „Every year, thousands of women are promised a dance career in Western Europe.“ (2) „Sadly, they end up here.“ – gefolgt von der Einblendung des STOP THE TRAFFIK-Logos mit dem Claim „People shouldn’t be bought and sold.“ … Schwenk auf die Zuschauermenge. Betroffene Gesichter. Peinliche Berührtheit. Sprachlosigkeit. DIESE Message kam wohl an.]

Flattr this!