Morphing-Kunst der Extraklasse: “Women in art”
5. Mai 2011
Wenn Kunst eine bekennende Kunstbanausin wie mich aufwühlt, muss sie schon richtig gut sein. Der Digitalkünstler Philip Scott Johnson hat es geschafft. Sein Morphing-Werk “Women in Art” habe ich nicht ein-, nicht zwei- und auch nicht dreimal durchlaufen lassen. Nein. Sicher 20-mal saß ich mit runtergeklappter Kinnlade vor nahtlos ineinander fließenden Frauen-Porträts aus 500 Jahren Malerei. Wahnsinn. Anschauen! Staunen! Kunst plötzlich toll finden!
[Für meine sehbehinderten Leser: Das Video zeigt auf 2:52 Minuten Länge verschiedenste Frauen-Porträts großer Meister, die im Sekundentakt wunderbar ästhetisch ineinander überfließen. Philip Scott Johnson hat die Bilder so gewählt, dass z.B. der Übergang von einer nach links blickenden Frau zu einer nach rechts schauenden schrittweise erfolgt - über weitere, dazwischengeschaltete Bilder, auf denen die Kopfdrehung jeweils nur wenig differiert. Das Ergebnis ist ein extrem harmonisches "Video", in dem nicht nur bekannte Gesichter wie die Mona Lisa oder die Venus von Botticelli zu sehen sind. Quer durch die Epochen bewegt sich die Gesichtergalerie und endet mit den abstraken Frauendarstellungen des Expressionismus.]
(Die wunderbare Musik verdanken wir übrigens Johann Sebastian Bach. Hier hören wir die Prélude aus seiner Cello Suite Nr. 1, gespielt von Yo-Yo Ma.)
Leben? Ja! Kids with a little extra.
6. Februar 2011
Nicht jeder Mensch wird mit einem perfekten Chromosomensatz geboren. Einer der häufigsten Chromosomendefekte ist die Trisomie 21, auch Down-Syndrom (früher: Mongoloismus) genannt. Die Diagnose ist für werdende Eltern meist ein Schock; nicht jeder kann sich das Leben mit einem Kind vorstellen, das sowohl im Aussehen als auch in der Entwicklung aus der Reihe tanzt. Fakt ist aber: “Downies” sind zu einem überwältigenden Teil echte Sonnenscheine, die das Leben aller Beteiligten, trotz mancher Einschränkungen, bereichern und mit ihrer positiven Lebensfreude viele Herzen im Sturm erobern.
Auch ich, wie wahrscheinlich die meisten, hatte trotzdem immer irgendwie Angst, uns “könnte das passieren”. Auch Mitleid mit mir bekannten “Betroffenen” war schon mal drin (Seite an Seite mit Ehrfurcht vor ihrer elterlichen Leistung). Ein Down-Kind haben, uh, wie heftig – ob ich das wohl könnte?
So dachte ich bis gerade eben. Bis ich über das Blog der Stuttgarter Fotografin Conny Wenk stolperte. Sie ist selbst Mutter einer Tochter mit Trisomie 21, und sie hat ihr großartiges Fotografie-Projekt nicht umsonst “A little extra” getauft. Das überzählige Chromosom als Zusatzfeature, nicht als Fehler … was für ein wundervoller Gedanke! Nicht vorstellbar, dass auch nur eines dieser Kinder abgetrieben worden wäre. Was für ein Geschenk sie doch sind.
Wenn Winter weh tut.
19. Dezember 2010
Winter in Deutschland. Einer von der Sorte “früh, kalt, haufenweise Schnee”. Die Zeitungen titeln über Auffahrunfälle, einknickende Dächer und Streusalzmangel. Schlimm ist das, jaja, aber was die Medien eiskalt vergessen, ist so viel schlimmer: An Wintern wie diesem erfrieren Menschen. Obdachlose sterben im Schlaf, mitten in der deutschen Stadt, an jedem nur denkbaren Ort. Mir persönlich ist egal, ob sie beim Erfrieren von Drogen oder Alkohol benebelt sind oder einfach zu resigniert, um die nächste Obdachlosenunterkunft aufzusuchen: Sie erfrieren, während wir einfach die Heizung aufdrehen, und das ist ein unerträglicher Fakt.
In Berlin und Frankfurt, aber auch im Hamburg gibt es besonders viele Obdachlose, die täglich dem frostigen Feind trotzen; erschreckend viele verlieren den Kampf. Alle drei Städte setzen deshalb Kältebusse ein. Den Rest des Beitrags lesen »
Was Stephen Fry über lebende Sprache sagt.
11. Oktober 2010
Wow, was für ein Text. Über Sprache. Lebendige, sich entwickelnde Sprache, um genau zu sein, die eben nicht jahrhundertelang gleich bleibt und bei der es deshalb keinen Sinn macht*, auf jahrhundertealten Regelungen herumzureiten. Dieses von Matt Rogers wundervoll typografisch umgesetzte Exzerpt aus einem Podcast des britischen Schriftstellers, Drehbuchautors, Regisseurs und Schauspielers Stephen Fry ist ein Plädoyer dafür, der Sprache ihre Veränderung zu gewähren. Ein Plädoyer dafür, neue Strömungen auch mal wohlwollend in Augenschein zu nehmen, sie auf fruchtbaren Boden fallen zu lassen und zu sehen, was daraus keimt. Mit Worten zu spielen, wenn es dem Rahmen ihrer Verwendung dient. Neues zu erschaffen, mit Sprache zu kitzeln, zu verführen, zu provozieren. Stephen Fry erklärt die selbst ernannten “guardians of language”, die solche Wortgeburten mit einem missbilligenden Kopfschütteln betrachten, zu furzlangweiligen Spießern:
“Do they ever yoke impossible words together for the sound-sex of it? I doubt it. They’re too farting busy sneering at a greengrocer’s less than perfect use of the apostrophe.”
*haha! Ertappt! “Sinn machen” schrub ich! Böse, böse – das sollte eine Texterin doch nicht verwenden! Und ich tue es doch.
Ich persönlich finde z.B. manche Anglizismen durchaus verwendenswert. Warum sollte ich den phonetisch perfekten “Laptop” zugunsten des gartengerätehaft anmutenden “Klapprechners” über Bord werfen? Auch empfinde ich den Ausdruck “Sinn machen” als irgendwie stärker, ja aktiver denn “Sinn ergeben” und verwende ihn je nach Laune neben seiner korrekten deutschen Form. Wie verwegen!
Meinen Texten hat das bisher keinen Abbruch getan, jedenfalls hat bis heute keiner gemeckert.
“Oho”, sagen Sie, “und das aus dem Munde einer bekennenden Rechtschreibfetischistin!”? Sie haben ja Recht. Echte, richtig doll doofe und falsche Fehler lasse ich ja auch nicht durchgehen. Aber diese Diskussionsfälle, wo es nicht um Falsch und Richtig geht, sondern darum, ob ein Ausdruck, ein Wort, ein Wortgebilde vielleicht tatsächlich besser sein könnte als das Original … wenn er etwa direkt das Kopfkino anknipst, statt nur zu beschreiben … da bin ich eben flexibel. Und neugierig. Weil Sprache lebt, Trends unterliegt und – wie ich finde – ein legitimes Transportmittel für Persönlickeit sein darf. Sich dem zu verleugnen, würde Stillstand bedeuten. Und auf den habe ich keine Lust. PAMM!
Was du nicht willst, das man dir tu …
24. August 2010
… das füg auch keinem and’ren zu!
Schreckliche Brisanz erhält diese so harmlos klingende Redensart im Zusammenhang mit Gewalt. Besonders eindringlich zeigt das eine Ambient-Kampagne gegen den Irak-Krieg. Die mehrfach preisgekrönten Motive stammen aus Feder und Köpfchen der New Yorker Werbeagentur Big Ant International im Auftrag der Global Coalition For Peace.
Der Clou: Im flach ausgebreiteten Zustand (oberes Bild) zeigt das Motiv nichts weiter als einen Soldaten, der mit einem Gewehr sein Ziel anpeilt. Um eine Litfasssäule geklebt (unten), sieht das schon ganz anders aus …

[Für meine sehbehinderten Leser: Beim um die Säule gewickelten Bild zeigt der Lauf des langen Gewehrs, einmal rundherum geführt, haargenau auf den Rücken des Schützen.]
(gefunden auf www.hookedonads.com im Artikel “What Goes Around – Comes Around”)
Bücher für Kranke. Weil sie gut tun.
18. August 2010
Manche Menschen bewegen mit ihrer täglichen Arbeit so richtig was. HilliKnixiBix (das ist ihr Twittername) zum Beispiel, die als Sonderpädagogin in einer so genannten Schule für Kranke arbeitet. Eine Schule ist das, in der Kinder und Jugendliche untergebracht sind, die stationäre Betreuung brauchen und trotzdem lernen wollen-sollen-müssen. Suizidgefährdete junge Menschen sind dort, Autisten, Depressive, Magersüchtige, Schizophrene, potenzielle Amokläufer, Vernachlässigte, schwere ADHS-Fälle. Die in einer “normalen” Schule nicht gut aufgehoben wären, weil sie engmaschige medizinisch-psychologische Betreuung brauchen. Sie sind eben nicht “normal”, wenn auch manchmal geradezu erstaunlich.
Zum Gesund- und “Normal”werden gehört auch, dass diese jungen Menschen Zugang zu Literatur bekommen. Den Rest des Beitrags lesen »

